Corona lässt Spenden wegbrechen

Tierheime in Sorge vor dem Kollaps

Um ihre Mitarbeiter vor Corona zu schützen, haben Tierheime ihre Besuchszeiten abgeschafft. Das wirkt sich auf die Vermittlungen und die Einnahmen aus. Auch Spenden brechen weg. Die Heime sind in Sorge.
01.04.2020, 07:48
Lesedauer: 4 Min
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Tierheime in Sorge vor dem Kollaps
Von Marc Hagedorn
Tierheime in Sorge vor dem Kollaps

Die Vermittlung von Tieren läuft zurzeit nur schleppend: Die Besucher dürfen nur bis zur Eingangstür kommen.

Strangmann

Katzendame Farley wird als „recht schüchtern“ beschrieben. Vor einer Woche wurde der Norweger Mix gefunden und im Tierheim Arche Noah in Stuhr-Brinkum abgegeben. Dort lebt auch Didi. Der bald siebenjährige Jack-Russell-Terrier gilt als „Schmusebacke“. Mareike Bergmann befürchtet, dass Farley und Didi länger bei ihr bleiben müssen als eigentlich nötig. Denn die Corona-Krise erschwert auch den Tierheimen die Arbeit, etwa bei der Vermittlung von Tieren. „Das läuft nur sehr, sehr schleppend zurzeit“, sagt die Leiterin der Brinkumer Einrichtung.

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Bis zur Eingangstür und nicht weiter – das gilt seit fast zwei Wochen für alle Besucher von Tierheimen in Bremen und Niedersachsen. „Wir schützen uns auf diese Weise selbst“, sagt Heidi Seekamp, „wir kämpfen alleine.“ Mit drei Vollzeitbeschäftigten und einer Halbtagskraft hält die Leiterin des Tierheims in Verden den Betrieb aktuell aufrecht. Wie fast alle Tierheime hat Verden komplett auf telefonische Terminabsprachen und Beratungen umgestellt. Normalerweise gehören auch noch drei Rentnerinnen zum Team, die sich ehrenamtlich um die Katzen kümmern. Aber die drei Frauen, die selbst zur Risikogruppe für Corona zählen, bleiben im Moment zu Hause.

Personelle und strukturelle Veränderungen hat auch die Arche Noah vorgenommen. Die Pfleger arbeiten jetzt in zwei Teams zu je sechs Leuten. Ein Team macht fünf Tage am Stück Dienst, dann ist die andere Mannschaft an der Reihe. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass bei einer Corona-Erkrankung eines Mitarbeiters sofort ein Ersatzteam einspringen kann. „Andernfalls bricht hier alles zusammen“, sagt Bergmann.

„Tierheime platzen aus allen Nähten“

Diese Befürchtung hat auch der Landestierschutzverband Niedersachsen. „Aufgrund des jahrzehntelangen Kostendrucks kann nur ein Mindestmaß an Personal und Infrastruktur vorgehalten werden“, sagt der Verbandsvorsitzende Dieter Ruhnke, „unter den besonderen Herausforderungen der Corona-Krise können wir unsere Aufgaben nur unter großen Anstrengungen erfüllen.“ In Niedersachsen rechnet der Verband auf Basis der Zahlen des Zentralverbandes Zoologischer Fachbetriebe mit einem Haustierbestand von 1,3 Millionen Katzen, 800 000 Hunden, 500 000 Kleintieren und 460 000 Ziervögeln, in Summe also um die 3,1 Millionen Tiere; Exoten und Fische nicht eingerechnet.

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„Die Tierheime platzen aus allen Nähten“, schreibt der Deutsche Tierschutzbund auf seiner Homepage. Davon kann in Bremen und umzu nach einer stichprobenartigen Umfrage des WESER-KURIER im Moment noch nicht die Rede sein. „Wir haben zum Glück einen niedrigen Katzenstand zurzeit“, sagt Seekamp. Für 200 Katzen hat das Tierheim Verden Platz, nur 54 müssen gerade versorgt werden. Auch für Hunde hat das Heim noch Zwinger frei. Bei der Arche Noah in Brinkum sieht es ähnlich aus.

Aber wie lange bleibt das so? „Wir müssen damit rechnen, dass die Aufnahmezahlen schon bald steigen“, sagt Gaby Schwab, Sprecherin des Bremer Tierheims. Mehr als die Hälfte aller Besitzer von großen Tieren, also Hunden und Katzen, ist über 50 Jahre alt, 27 Prozent sogar älter als 60 und damit Teil der Risikogruppe.

„Wenn die Zahl der Corona-Patienten, die ins Krankenhaus müssen, steigt, müssen wir bereitstehen“, sagt Schwab. Insgesamt 30 festangestellte Mitarbeiter sowie ehrenamtliche und ausgebildete Gassigeher kümmern sich in Bremen um derzeit 45 Hunde und 100 Katzen sowie 300 weitere Tiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Mäuse und Wildvögel.

Mehr Sorge als knapp werdende Unterbringungsmöglichkeiten bereitet den Tierheimen schon jetzt, dass sie Veranstaltungen absagen müssen und Spenden wegbrechen. Das Tierheim Bremen zum Beispiel profitiert sehr vom jährlichen Charity-Lauf des Bremer Extremsportlers Amin Da Silva. „Ein paar Tausend Euro“, so Schwab, seien dabei in der Vergangenheit zusammengekommen. Geld, das jetzt fehlt, denn der für kommenden Sonntag terminierte Lauf musste abgesagt werden. Geld fehlt allen Einrichtungen auch, weil die Vermittlungsgebühren wegfallen, wenn weniger Tiere das Heim verlassen.

Tierheime profitieren nicht von Nothilfen

Der Landestierschutzverband kritisiert, dass Tierheime und Tierschutzvereine nicht von den staatlichen Nothilfen profitieren können. Unterstützung erhalten im Moment gewerbliche Unternehmen und freie Berufe. Sie müssen eine Gewinnerzielungsabsicht nachweisen. „Und genau das dürfen Tierschutzvereine nicht“, sagt Ruhnke. Weil sie gemeinnützig sind.

Dabei haben sie Kosten wie andere Gewerbetreibende auch: Sie bezahlen Personal, Mieten, Nebenkosten, Versicherungen und Einkäufe. Der Landestierschutzverband hat deshalb die Landesminister und die Landtagsfraktionen angeschrieben. Er fordert, dass Tierschutzvereine wie Geschäftsbetriebe behandelt werden, damit sie von den staatlichen Hilfen profitieren können. Außerdem wünscht sich der Verband ein Soforthilfeprogramm für Tierschutzvereine, Heime und ähnliche Einrichtungen.

Der Deutsche Tierschutzbund ist derweil an die Bundesregierung herangetreten. In einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) heißt es: „Die Tierheime übernehmen staatliche Aufgaben und tragen maßgeblich dazu bei, das Staatsziel Tierschutz zu erfüllen.“

Auch Heidi Seekamp aus Verden rechnet damit, dass die Spendengelder bald nur noch tröpfeln und nicht mehr fließen. Mehr noch: Sie befürchtet sogar Vereinsaustritte, je länger die Corona-Krise andauert. „Ich kann das gut verstehen“, sagt sie, „wenn die Leute Kurzarbeit machen müssen und weniger Geld in der Tasche haben, müssen sie sich genauer überlegen, was sie sich noch leisten können. Aber leiden werden wir und die Tiere.“ Wenn das Geld für Tierfutter und Tierarztbesuche knapp wird, werden vermutlich Tiere ins Heim gegeben.

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In der Arche Noah in Brinkum sind sonst regelmäßig Schulklassen zu Gast. Oft nutzen sie die Besuche, um bei dieser Gelegenheit die Erlöse aus Spendenaktionen zu übergeben. Nichts davon passiert zurzeit. „Ich blicke gerade auf die Spendenbox in unserem Eingangsbereich“, sagt Mareike Bergmann im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Sie ist leer, „wenn kein Besuch da ist, tut auch niemand etwas hinein.“

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