Norderneys Bürgermeister über Wohnungsnot

„Damit zerstört man eine Insel“

Was tun, wenn das Leben auf der Insel zum Luxus wird? Norderneys Bürgermeister Frank Ulrichs spricht im Interview über Wohnungsnot, steigende Immobilienpreise und leere Straßen in Strandnähe.
09.10.2019, 16:21
Lesedauer: 3 Min
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„Damit zerstört man eine Insel“
Von Nico Schnurr

Herr Ulrichs, lassen Sie uns über den Weststrand auf Norderney sprechen.

Frank Ulrichs: Warum über den Weststrand?

Dort liegt die Viktoriastraße. Sind Sie in den vergangenen Tagen da gewesen?

Nein, aber gerade ist dort sicher viel los. Es sind Herbstferien, dann ist Leben in der Straße.

Das ist nicht immer so, oder?

Die meiste Zeit im Jahr ist das anders. Dann scheint die Viktoriastraße völlig verlassen. Man steht vor sehr schönen Häusern mit heruntergelassenen Rollladen.

Wie kommt das?

Viele Wohnungen in der Viktoriastraße haben Meerblick, eine ziemlich gefragte Lage. Das ist eine Straße, in der fast keine Insulaner mehr wohnen.

Wer wohnt denn dort?

Im Grunde niemand, zumindest nicht dauerhaft. Die Immobilien werden als Ferienappartements vermietet oder als Zweitwohnung genutzt.

Eine teure Angelegenheit. Der Kaufpreis liegt in der Straße bei etwa 20 000 Euro pro Quadratmeter.

Seit der Finanzkrise erleben wir, dass immer mehr Menschen vom Festland eine Wohnung auf der Insel kaufen, ohne hier wirklich zu wohnen. Sie legen ihr Geld auf Norderney in Betongold an.

Die Immobilienpreise steigen seit Jahren rasant auf Norderney.

Viele dieser Menschen parken ihr Geld auf der Insel. Am Gemeinschaftsleben nehmen sie aber selten bis gar nicht teil. Sie sind ja fast nie da.

Wie gehen die Insulaner damit um?

Der Unmut wächst. Die Norderneyer fühlen sich zunehmend verdrängt, weil immer mehr Dauerwohnraum zu Ferienappartements und Zweitwohnungen umgewandelt wird.

Wie läuft so etwas ab?

Oft geht der Prozess mit einem Generationswechsel in den Familien einher. Ein Insulaner stirbt, die Kinder verkaufen das Haus. Ein Investor vom Festland kauft die Immobilie und macht dann Ferienwohnungen daraus.

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Wie verändert das die Insel?

Das Leben wird anonymer. Man entfremdet sich in der Nachbarschaft, fühlt sich unwohl. Wir haben keine Zustände wie auf Sylt, aber auch hier verlassen manche die Insel.

Diese Entwicklung wollen Sie aufhalten?

Auf dem Papier sieht es so aus: Norderney floriert, die Gästezählen steigen, es kommen mehr als eine halbe Million Übernachtungsgäste im Jahr. Die Insulaner leben vom Tourismus. Aber der Tourismus darf das Leben auf der Insel nicht zum Luxus werden lassen.

Was bedeutet das konkret?

In Städten können die Menschen auf das Umland ausweichen. Zwischen einer Insel und dem Festland zu pendeln, ist auf Dauer unmöglich. Wenn wir den Ausverkauf nicht stoppen und der Zweckentfremdung von Wohnraum freien Lauf lassen, wissen die Menschen, die hier arbeiten, bald gar nicht mehr, wo sie bleiben sollen, weil sie diese utopischen Preise nicht bezahlen können. Damit zerstört man eine Insel.

Wie wollen Sie das verhindern?

Das ist eine Situation, die sich nicht von heute auf morgen lösen lässt. Wir überarbeiten die Bauleitpläne und schreiben darin Dauerwohnraum fest. Etwa ein Drittel der Insulaner lebt inzwischen in öffentlichen Wohnungen, und wir wollen weitere bauen. Bloß ist das gar nicht so einfach.

Warum?

Die freien Flächen sind begrenzt. Norderney ist dicht bebaut. Manchmal bleibt einem nicht viel mehr übrig, als alte Häuser abzureißen und größere zu bauen. Ein mühseliges Geschäft.

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Allein damit löst man das Problem nicht, oder?

Immer wenn wir zuletzt auf der einen Seite Wohnraum für Insulaner sichern konnten, haben irgendwo anders auf der Insel Investoren Immobilien gekauft, saniert und für viel Geld an Festländer verkauft, die dort gar nicht wirklich wohnen wollen. Man rennt immer hinterher.

Das wollen Sie jetzt ändern.

Ein Gesetz, das der Landtag im März verabschiedet hat, soll uns dabei helfen. Auf dieser Grundlage werden wir im Norderneyer Rat eine neue Satzung auf den Weg bringen. Die Gemeinde bekommt weitgehende Kompetenzen. Wir wollen einschreiten, bevor aus Wohnhäusern Ferienappartements werden.

Wie meinen Sie das?

Es wird eine Auskunftspflicht der Eigentümer und Hausverwalter geben. Wir dürfen theoretisch sogar die Wohnung betreten, um zu prüfen, ob die Immobilie wirklich von Einheimischen genutzt oder doch an Feriengäste vermietet wird.

Wie soll das funktionieren?

Wir werden nicht überall einfach mal klingeln. Aber wenn irgendwo die Rollläden ein halbes Jahr lang geschlossen sind, ist das ein erstes Indiz. Und letztlich gibt es auf Norderney auch eine wachsame Nachbarschaft.

Werden Sie das wirklich schaffen, als kleine Insel ein Problem zu lösen, an dem selbst große Städte verzweifeln?

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, wenn Norderney nicht ausbluten soll. Uns muss das gelingen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Frank Ulrichs

ist seit 2011 Bürgermeister der Stadt Norderney. Schon fünf Jahre zuvor ist er mit der Vertretung des damaligen Bürgermeisters beauftragt worden. Der SPD-Politiker ist ­Diplom-Verwaltungswirt.

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