Tierquälerei

Das Leid der Aussortierten

Mehr als zehn Prozent der Schweine in den Tierkörperbeseitigungsanstalten haben zuvor furchtbare Qualen erlitten. Das belegt eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover.
14.01.2018, 21:54
Lesedauer: 3 Min
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Das Leid der Aussortierten
Von Silke Looden
Das Leid der Aussortierten

In den Tierkörperbeseitigungsanstalten werden kranke und verletzte Schweine entsorgt.

dpa

„Dem verborgenen Schicksal der gefallenen Tiere muss deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, als es bisher der Fall war“, sagt Professorin Elisabeth große Beilage. Gefallene Tiere, das sind diejenigen, deren Kadaver in den Tierkörperbeseitigungsanstalten landen, weil sie die Tortur der Mast nicht überstehen. Die Veterinärmedizinerin der Tierärztlichen Hochschule Hannover hat im vergangenen Jahr Hunderte Schweine aus sechs Bundesländern in vier Tierkörperbeseitigungsanstalten untersucht. Dabei ist sie auf unsägliches Tierleid gestoßen.

Knapp 1,4 Millionen Schweine haben gelitten

Mehr als 13 Prozent der Mastschweine und knapp zwölf Prozent der Zuchtschweine, die für die Studie untersucht wurden, mussten vor der Anlieferung in der Tierkörperbeseitigungsanstalt erhebliche Schmerzen erleiden. Anders ließen sich die chronischen Entzündungen und schweren Verletzungen nicht erklären, betont die Wissenschaftlerin und fordert Konsequenzen aus der Studie. Sie weiß: „Das eigentliche Leid findet nicht in den Tierkörperbeseitigungsanstalten statt, sondern in den Mastställen und Zuchtbetrieben.“ „Die in der Studie festgestellten Verstöße gegen das Tierschutzgesetz sind nicht hinzunehmen“, erklärt die niedersächsische Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). Sie will, dass Tierhalter besser für den Umgang mit kranken und verletzten Tieren geschult werden. Tierärzte sollen dabei als Multiplikator dienen. Die niedersächsische Landwirtschaftskammer wurde beauftragt, entsprechende Handlungsempfehlungen herauszugeben. Außerdem sollen sich die Gremien, die sich mit dem niedersächsischen Tierschutzplan befassen, mit der Problematik befassen.

Jedes Jahr landen laut Statistik etwa 13,6 Millionen Schweine in Deutschland – das sind 21 Prozent der lebend geborenen Schweine – zur Entsorgung in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt. Das Ergebnis der Studie bedeutet also hochgerechnet, dass mehr als zehn Prozent dieser Tiere, also knapp 1,4 Millionen Schweine, schwer gelitten haben, bevor sie getötet wurden. Doch selbst die Tötung bedeutet laut Studie vielfach noch keine Erlösung.

So stellte große Beilage in einer gesonderten Untersuchung von 165 getöteten Schweinen in 60 Prozent der Fälle „erhebliche Mängel“ bei der Betäubung und Tötung fest. Häufig fehlte der vorgeschriebene Ent-­blutungsstich, der die Hauptschlagader durchtrennt. Ein Schwein lebte sogar noch bei der Anlieferung. Andere Tiere wurden nur mit einem Kopfschlag betäubt und nicht per Bolzenschuss, wie es für Ferkel ab fünf Kilogramm vorgeschrieben ist. „Es herrscht eine Menge an Unkenntnis in Bezug auf die Nottötung von Nutztieren. Die Folge ist ein langsamer und qualvoller Tod“, so große Beilage.

Sachgemäßes Töten

„Solche Bilder sind verstörend und nicht tolerierbar“, sagt der Präsident des niedersächsischen Bauernverbandes Landvolk Albert Schulte to Brinke. Er verurteilt „jegliche Unterlassung der Sorgfaltspflicht durch den Tierhalter“ und verweist auf die Handlungsempfehlungen des Landvolks zum Umgang mit kranken und verletzten Tieren. „An dem Ergebnis der Studie gibt es nichts zu beschönigen“, räumt auch Torsten Staak, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Niedersachsen (ISN), ein. Kranke Tiere seien fachgerecht zu behandeln und – falls notwendig – rechtzeitig und sachgemäß zu töten.

Die Autorin der Studie empfiehlt eine bessere Aus- und Fortbildung von Tierhaltern und Tierärzten: „Dabei kommt es vor allem darauf an, dass Tierärzte den Tierhaltern in der Praxis zeigen, was sie besser machen können.“ Zudem fordert große Beilage eine verbesserte Herkunftskennzeichnung der Tiere, um die Zustände in den Betrieben ­gegebenenfalls zu ahnden. Bislang geben die Ohrmarken der Schweine nur Auskunft über den Betrieb, in dem sie geboren wurden, nicht aber über den Stall, in dem sie zuletzt gehalten wurden. „Da muss der Gesetzgeber ran“, fordert große Beilage mehr Transparenz in der Schweinehaltung. Nur durch eine lückenlose Dokumentation ließen sich die Missstände aufdecken und abstellen.

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