„Dialogforum Schiene Nord“

Das Y ist wieder da

Wenn am heutigen Freitag das „Dialogforum Schiene Nord“ zusammenkommt, steht mit Sicherheit neuer Ärger ins Haus. Denn das Gremium würde eigentlich lieber heute als morgen die sogenannte Y-Trasse loswerden.
24.04.2015, 00:00
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Das Y ist wieder da
Von Michael Lambek
Das Y ist wieder da

Protestaktion gegen die geplante Y-Trasse.

dpa

Wenn am heutigen Freitag das „Dialogforum Schiene Nord“ zusammenkommt, steht mit Sicherheit neuer Ärger ins Haus. Denn das Gremium würde eigentlich lieber heute als morgen die sogenannte Y-Trasse, das seit 20 Jahren geplante Gleisdreieck zwischen Hannover, Hamburg und Bremen, loswerden. Nun sieht es sich mit einem noch druckfrischen Gutachten konfrontiert, das dem alten Plan den Vorzug vor allen inzwischen angedachten Alternativen gibt.

Während Daniela Behrens, Staatssekretärin im niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, das Gutachten als hilfreiche Diskussionsgrundlage begrüßte, sprach der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) von einer Farce und drohte mit dem Rückzug aus dem Dialogforum.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hatte das Gremium ins Leben gerufen, mit der „Y-Trasse“ weiterzukommen. Die Bahn selbst war auf Distanz zu dem Großprojekt gegangen, das immer weiter wachsenden Widerstand in der Region hervorrief und dessen Kostenkalkulationen völlig aus dem Ruder gelaufen waren. Noch dazu war die ursprüngliche Planung von der Realität überholt worden. Während Experten inzwischen übereinstimmend von einer steil ansteigenden Bedarfskurve an Gütertransportkapazitäten auf der Schiene ausgehen, war die Y-Trasse als reines ICE-Projekt, nur für den schnellen Personenfernverkehr gedacht.

Vor zwei Jahren wurde erstmals offen von der Notwendigkeit einer völligen Neuplanung gesprochen. Es sollte nicht länger um eine Nord-Süd-Verbindung für schnelle Züge gehen, sondern in erster Linie um die Abfuhr stetig wachsender Gütermengen aus den deutschen Seehäfen. Mit Blick auf die Erfahrungen mit dem Projekt „Stuttgart 21“ setzte man auf Konsens – oder doch zumindest auf weitestmögliche Übereinstimmung. Planer, Vertreter der beteiligten Länder Niedersachsen, Bremen und Hamburg sowie Vertreter aus den betroffenen Kommunen und Landkreisen, Umwelt- und Verkehrsverbände, Bürgerinitiativen sowie Wirtschaftsvertreter sollen für ein Jahr zusammen beraten. „Wir wollen keine spezifische Variante durchsetzen“, versprach der Norddeutschland-Chef der Bahn, Ullrich Bischoping. Er warb für eine „konsensnahe Lösung für den steigenden Bedarf an zusätzlichen Kapazitäten für den Schienengüterverkehr im Seehafenhinterland“.

Da es nicht mehr um eine neue Hochgeschwindigkeitstrasse ging, sondern um Anknüpfungspunkte an bestehende Güterverkehrswege, lag der Fokus der Beteiligten weniger auf naturbeeinträchtigenden Neubauten. Man setzte auf sogenannte Ertüchtigung und den Ausbau bestehender Schienenstrecken. Die Bahn folgte dieser Tendenz mit ihren Alternativentwürfen zur bestehenden Y-Trassenplanung – zumindest teilweise. Sie präsentierte im vergangenen Monat eine Reihe von Ausbauprojekten. Allerdings kamen auch zusätzliche Neubaupläne auf den Tisch.

Eine der vorgeschlagenen Varianten ist eine Neubaustrecke vom Hamburger Rangierbahnhof Maschen über Soltau nach Celle, ergänzt um einen Ausbau der Strecke Bremen – Soltau. Eine zweite Variante sieht den Ausbau der bestehenden Strecke von Hamburg über Lüneburg bis Celle vor. Eine dritte Alternative setzt auf eine neue Trasse aus dem Raum Maschen bis nach Unterlüß im Landkreis Celle. Darüber hinaus sind zusätzliche Gleise zwischen Wunstorf und Nienburg im Verlauf der Strecke Hannover–Bremen vorgesehen.

Das Bundesverkehrsministerium versprach eine grobe Bewertung der Vorschläge nach Kosten und Nutzen zu einer der ersten Sitzungen des Dialogforums und beauftragte damit die Beratergruppe Verkehr + Umwelt (BVU) aus Freiburg. Das Ergebnis liegt den Mitgliedern des Gremiums laut Pressesprecher Marcel Winter inzwischen vor und wird heute auf der Tagesordnung stehen. Kernaussage: Nach Abwägung unterschiedlichster Aspekte der verschiedenen Planansätze, wie Kosten, Nutzen, verkehrliche Wirkung oder Güterströme, hat die ursprüngliche Y-Trasse am besten abgeschnitten. Als praktisch ebenso effektiv bewerten die Gutachter die angedachte Neutrasse zwischen Ashausen und Unterlüß inklusive einer Südumfahrung von Uelzen.

Daniela Behrens zeigte sich zufrieden mit den Unterlagen: „Jetzt haben wir, wenn auch leider ein bisschen spät, eine der Diskussionsgrundlagen für die kommenden Monate auf dem Tisch liegen, und das Dialogforum kann sich intensiv damit beschäftigen“, sagte sie in dieser Woche.

Von einer „Frechheit“ spricht dagegen der BUND: Eine ergebnisoffene Diskussion sei nicht möglich, wenn kurz vor der Sitzung einseitige Bewertungen zu den Trassenvarianten vorweggenommen würden, sagte Hans-Werner Mohrmann, Sprecher des BUND-Arbeitskreises Verkehr.

Das Verkehrsministerium habe einen zeitlichen Vorlauf von 14 Tagen zur Prüfung der Unterlagen zugesagt, erinnerte Mohrmann. Nun habe man gerade drei Tage Zeit gehabt. Er forderte am Donnerstag eine Verschiebung der entsprechenden Tagesordnungspunkte und Geld für unabhängige Gutachter, die nur für das Forum arbeiten sollen. „Andernfalls macht die weitere Mitwirkung des BUND am Dialogforum keinen Sinn“, drohte Mohrmann.

Eine Entscheidungsbefugnis hat das Gremium nicht. Den endgültigen Trassenbeschluss fällen die beteiligten Länder, der Bund und die Bahn. Mit dem Bau soll nach dem aktuell gültigen Fahrplan frühestens im Jahr 2020 begonnen werden.

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