Architekt prägte das Gesicht der Stadt

Delmenhorst - die Stadt von Heinz Stoffregen

20 Jahre lang baute der Architekt Heinz Stoffregen seine Entwürfe in Delmenhorst - das Rathaus, den Wasserturm, die Markthalle und vieles mehr. Bis heute prägen seine Ideen das Stadtbild. Ein Rundgang.
20.03.2016, 00:00
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Delmenhorst - die Stadt von Heinz Stoffregen
Von Christina Steinacker
Delmenhorst - die Stadt von Heinz Stoffregen

Schlicht und sachlich, aber trotzdem monumental: Das Rathaus mit dem für Stoffregen so typischen grauen Rauputz war seinerzeit ein Meilenstein der Architektur.

Ingo Moellers

20 Jahre lang baute der Architekt Heinz Stoffregen seine Entwürfe in Delmenhorst - das Rathaus, den Wasserturm, die Markthalle und vieles mehr. Bis heute prägen seine Ideen das Stadtbild. Ein Rundgang.

Er hat der Stadt seinen Stempel aufgedrückt. 20 Jahre lang hat er gebaut, gebaut, gebaut. Delmenhorst ist Heinz Stoffregen, so scheint es, wenn man mit Gästeführerin Bärbel Isler unterwegs ist. Überall hat der Architekt, der von 1879 bis 1929 lebte, seine Spuren hinterlassen. Das Rathaus, der Wasserturm, die Markthalle. „Und dort drüben, das alte Finanzamt stammt auch von ihm“, deutet Isler zur anderen Straßenseite hinüber. Ebenso hat Stoffregen – damals als Wohnhaus für den Nordwolle-Fabrikarzt – den heutigen Sitz der Städtischen Galerie geschaffen. Und mit all diesen Bauten das Gesicht der Stadt vor hundert Jahren so maßgeblich geprägt.

Neben dem Rathaus, dem wohl bekanntesten Stoffregen-Bau, stammen auch Industriegebäude aus der Linoleum-Vergangenheit Delmenhorsts, Werkssiedlungen und vor allem auch viele Wohnhäuser aus seiner Feder – mit den typischen Verzierungen, mit dieser Liebe zum Detail, die gleich ins Auge fällt. Bärbel Isler kennt sie alle, weiß wo sie stehen. Denn sie ist eine Stoffregen-Expertin. Mit ihr kann man sich bei entsprechenden Spaziergängen, die die Gästeführerin regelmäßig anbietet, auf Spurensuche begeben.

Das Haus Coburg (links), in dem die Städtische Galerie heute ihren Sitz hat, war das erste Werk, des Architekten in Delmenhorst. Sein Meisterstück wurde knapp zehn Jahre später die Rathaus-Anlage, zu der auch ein Wasserturm und eine Markthalle gehören. Die Gebäude sollten mindestens drei Plätze definieren, so die Bedingung.

Das Haus Coburg (links), in dem die Städtische Galerie heute ihren Sitz hat, war das erste Werk, des Architekten in Delmenhorst. Sein Meisterstück wurde knapp zehn Jahre später die Rathaus-Anlage, zu der auch ein Wasserturm und eine Markthalle gehören. Die Gebäude sollten mindestens drei Plätze definieren, so die Bedingung.

Foto: INGO WAGNER, dpa

Diese beginnt heute an Stoffregens Meisterstück, der Rathaus-Anlage, und sie wird gleich dahinter weiter über die Bismarckstraße führen, „denn da stehen die meisten Häuser von ihm“, weiß die Gästeführerin. Alle Stoffregen-Bauten in der Stadt zu Fuß aufzusuchen, das würde den Rahmen sprengen. Es sind nämlich noch viele erhalten. Während Fabrikbauten wie die Hansa-Linoleumwerke an der Stedinger Straße plattgemacht wurden, existieren zum Beispiel die Reihenhäuser des Bauvereins an der Schanzenstraße noch sowie Geschäftshäuser an der Bahnhofstraße und in der Fußgängerzone.

Haus Coburg war das erste Werk von Stoffregen

Und natürlich die Arzt-Villa, das Haus Coburg. Sie gehört aufgrund ihrer raffinierten Architektur zu den bedeutendsten Bauten der Stadt. 1905 war sie das allererste Werk des damals 26-jährigen Stoffregen, der in Bremen wohnte, aber in der Nachbarstadt viel umfangreicher wirkte. Das lag zum einen an einer glücklichen Konstellation, die sich damals in Delmenhorst ergab, um entsprechende Vorhaben umzusetzen. Und es lag auch daran, dass in Bremen zu der Zeit noch der Historismus herrschte, wie Isler erzählt.

Heinz Stoffregen (1879-1929)

Heinz Stoffregen (1879-1929)

Foto: Stadtarchiv Delmenhorst

Stoffregen war jedoch ein großer Verfechter der Reformarchitektur – einer Bewegung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland entwickelte und sich an den immer gleichen Kopien des Historismus sowie der Ornamentik des Jugendstils sattgesehen hatte. Es war eine Bewegung, die die Rückkehr zur Einfachheit forderte. „Die einheimischen Bremer Architekten waren dort aber die Platzhirsche und haben ihn nicht reingelassen. Sein späteres Wirken in Bremen kam erst durch seine Tätigkeit im Werkbund.“ In Delmenhorst sei man dagegen aufgeschlossener gewesen, schildert Isler, wie es Stoffregen damals in die Nachbarstadt verschlug. Wo es daraufhin zu der „glücklichen Konstellation“ kam – zu diesem „Kleeblatt“, das den nötigen Einfluss besaß, um Entscheidendes in der Stadt anzuschieben.

Innerhalb von 15 Jahren zur größten Industriestadt im Oldenburger Land

Neben Stoffregen gehörte zu den vier Männern der Fabrikarzt der Nordwolle, Dr. Hermann Coburg, für den der Bremer Architekt den heutigen Sitz der Städtischen Galerie baute. Außerdem der damalige Bürgermeister Erich Koch und Ratsherr Gustav Gericke, Chef der Anker-Linoleumwerke. „Im Grunde verband sie alle die Kunst und das Wohl der Stadt“, blickt Bärbel Isler zurück. Und durch die Industrialisierung war der Bedarf da. „So ist Delmenhorst innerhalb von 15 Jahren zur größten Industriestadt des Oldenburger Landes geworden“, weiß die Gästeführerin.

Stoffregens Liebe zum Detail zeigt sich auch an diesem Wohnhaus, vor dem Gästeführerin Bärbel Isler zu sehen ist. Er hat eine Nische mit einer Blumenvase in die Wand eingearbeitet.

Stoffregens Liebe zum Detail zeigt sich auch an diesem Wohnhaus, vor dem Gästeführerin Bärbel Isler zu sehen ist. Er hat eine Nische mit einer Blumenvase in die Wand eingearbeitet.

Foto: Ingo Moellers

Erich Kochs Weitsicht war es damals auch zu verdanken, dass sich Stoffregens Entwurf im Architekten-Wettbewerb für das Rathaus gegen 51 andere Vorschläge durchsetzte. Er war ein Meilenstein der Architektur und wegen dieses Wagemuts auch umstritten. Stoffregen musste seine Entwürfe allerdings noch mal überarbeiten, denn bei dem Wettbewerb ging es nicht nur darum, ein Rathaus-Ensemble zu bauen, sondern auch darum, die Hauptplätze der Stadt durch den Gebäudekomplex zu gliedern. „Es wurden ein Wasserturm, eine Feuerwache, ein Rathaus und eine Markthalle verlangt, und die vier Gebäude sollten mindestens drei Plätze definieren“, erzählt Isler. Da Stoffregens bauliches Konzept überzeugt hatte, beschloss der Rat, ihm den Zuschlag zu geben – unter der Bedingung, dass er den Vorschlag der Platzgestaltung eines Berliner Architekten übernahm. Von 1912 bis 1914 wurde das Rathaus gebaut. Für Stoffregen war es der Durchbruch.

Stoffregen entwarf auch Kleider für seine Frau

Weil es in den 1910er Jahren wieder chic war, spielte der Architekt in neueren Entwürfen auch mit Ornamentik: Verzierungen wie der Tierfries am Rathaus-Eingang, den der Bremer Bildhauer Ernst von Wachold geschaffen hat, gehören dazu. Auch die Inneneinrichtung hat Stoffregen gestaltet. „Er hat seine Häuser immer mit allem ausgestattet, was Sie sich vorstellen können, das fängt bei den Türgriffen an“, deutet Isler auf das Portal des schlichten, aber monumentalen Verwaltungssitzes. Ob Postkästen, Lampen, Fahrradständer oder Heizungsverkleidung – alles lieferte er dazu. Die Holzbänke auf den Fluren im Rathaus entwarf er ebenso wie die in jedem Stockwerk anders verzierten Eichentüren, die mit ihren organischen Formen fast wieder Jugendstilelemente aufnehmen.

Haus Coburg

Haus Coburg

Foto: Ingo Moellers

Fast das gesamte Inventar des Oberbürgermeister-Zimmers stammt von Stoffregen – und auch den Trautisch im Standesamt mit seinen zwei Eheringen als Fuß hat er entworfen. Diese besonderen Details finden sich auch an den Wohnhäusern. Die kleine Nische in der Wand des Hauses Nummer 98 an der Bismarckstraße zum Beispiel, vor dem Bärbel Isler bei ihrem Rundgang halt macht – darin ist eine Vase mit rosa Blumenstrauß eingearbeitet. Typisch sind auch am Haus angebrachte Rankhilfen, Steine für Balkonkästen und die ovalen Fenster mit eigenwilligen Verstrebungen – „die finden Sie bei Stoffregen überall“, sagt Isler. Nicht zu vergessen: der graue Rauputz, mit dem der Architekt so gerne arbeitete, „das sollte Naturverbundenheit demonstrieren“.

Nächste Stoffregen-Stadtführung am 8. Mai

Was für ein vielseitiges Talent Heinz Stoffregen war, der nur 50 Jahre alt wurde und an einer Lungenerkrankung bei einem Kuraufenthalt starb, zeigte sich auch an dem Entwurf für eine damalige Delmenhorster Wagenfabrik. Für die Karosseriewerke gestaltete er das Innere einer Limousine. „Und für seine Frau hat er sogar Kleider entworfen“, weiß Isler, die neben ihrem Rundgang auch noch einen anschaulichen Vortrag über den Architekten erarbeitet hat, den sie im Stadtmuseum auf der Nordwolle anbietet. Ihre nächste Stoffregen-Stadtführung können Interessierte am 8. Mai mitmachen. Los geht sie um 15 Uhr am ersten Werk des Architekten – dem Haus Coburg.

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