Anwältin Gaby Lübben über den Högel-Prozess

„Der Fall wird mich für immer begleiten“

Gaby Lübben hat im Högel-Prozess viele Angehörige der Opfer vertreten. Wie geht es ihr ein halbes Jahr danach? Im Interview spricht sie über verrauchte Wut, schlaflose Nächte und Augenkontakt mit dem Mörder.
17.01.2020, 22:32
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Der Fall wird mich für immer begleiten“
Von Nico Schnurr
„Der Fall wird mich für immer begleiten“

„Manchmal glaube ich, ich denke zu viel über den Tod nach.“ Anwältin Gaby Lübben hat im Prozess gegen Niels Högel Angehörige der Opfer vertreten.

Christian Platz

Frau Lübben, das Landgericht Oldenburg wird die Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen gegen die ehemaligen Oldenburger Klinik-Vorgesetzten von Niels Högel wohl nicht zulassen. Überrascht Sie das?

Gaby Lübben: Das war ein Schlag, der völlig überraschend kam. Ich habe mir viel von den Verfahren gegen die ehemaligen Klinikarbeiter versprochen. Dann habe ich die Einschätzung des Gerichts gelesen und gedacht: Moment, wirklich? Ich habe danach etwas gebraucht, um mich wieder zu sammeln.

Für eine Anwältin ist das eine ziemlich emotionale Reaktion.

Ich hänge intensiv drin in diesem Fall, seit Jahren beschäftige ich mich mit Högel, seinen Opfern, den Angehörigen und dem System Krankenhaus, da ist es logisch, dass mich solche Nachrichten aufwühlen.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe versucht, mich nicht in negativen Gedanken zu verlieren. Es brauchte zwei Tage, bis ich die Dinge wieder rational auf einer strafrechtlichen Ebene bewerten konnte. Dann habe ich überlegt, wo ich Lücken finden kann, um das Gericht zu bitten, die Einschätzung noch mal zu überdenken. Die Ansatzpunkte habe ich dem Landgericht schriftlich mitgeteilt.

Sie wollen dagegen angehen?

Ich warte erst einmal ab, wie die Entscheidung des Gerichts ausfällt. Natürlich kann es sein, dass wir gegen die Entscheidung vorgehen.

Högel ist vor einem halben Jahr wegen Mordes in 85 Fällen verurteilt worden. Er hat Revision eingelegt, weshalb das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Wie gehen Sie mit diesem Schwebezustand um?

Als ich erfahren habe, dass er in Revision geht, habe ich mich geärgert. Ich habe mich gefragt, warum er die Angehörigen nicht einfach zur Ruhe kommen lassen kann, auch wenn ihm das Revisionsrecht zusteht. Wann ist endlich gut? Er ist doch schon zu lebenslanger Haft verurteilt. Eigentlich hatte ich geahnt, dass er Revision einlegen würde. Trotzdem habe ich erst mal Wut in mir gespürt.

Und jetzt?

Die Zeit hilft. Man findet sich mit der Situation ab. So geht es auch meinen Mandanten. Auch wenn man immer mal wieder durchgeschüttelt wird, ist gerade ein Zustand erreicht, wo man das alles irgendwie aushalten kann.

Im zurückliegenden Prozess ging es für die Angehörigen darum, Klarheit zu bekommen. Hat das funktioniert?

In den verurteilten Fällen ist sich das Gericht sicher: Es war Mord. Wir sind also darin bestätigt worden, dass unser Kampf richtig war.

Und in den restlichen Fällen?

Wir wissen in fast allen Fällen: Högel hatte zum Todeszeitpunkt Dienst, und wir wissen auch, dass oftmals im Gewebe der toten Patienten Gifte nachgewiesen worden sind, mit denen Högel regelmäßig getötet hat. Es spricht vieles dafür, dass Högel für ihren Tod verantwortlich ist. Doch nicht immer konnte das Gericht das zweifelsfrei klären, was letztlich zum Freispruch geführt hat.

Was sagen Sie Ihren Mandanten in solchen Fällen?

Dass wir gekämpft und alles Mögliche getan haben. Wenn man diese Gewissheit hat, dann wird man irgendwann auch das Schicksal annehmen und abschließen können. Der Wunsch nach Ruhe ist groß bei meinen Mandanten. Sie wollen sich nicht mehr mit dem Bösen beschäftigten.

Lesen Sie auch

Wünschen auch Sie sich Ruhe?

Noch habe ich Energie. Ich freue mich aber auch schon auf den Tag, an dem ich weiß: Der Fall ist abgeschlossen, ich habe alles getan, und es ist gut so.

Das dürfte noch dauern.

So ganz werde ich das Thema wohl nie ablegen können. Der Fall Högel wird mich für immer begleiten.

Wie meinen Sie das?

Ich bin dankbar, dass mir die Familien so viel anvertraut haben über die ganzen Jahre. Aber natürlich belasten mich ihre Geschichten auch.

Wie äußert sich das?

Ich denke oft an die Verstorbenen. Daran, wie es ihnen ergangen ist in den letzten Minuten, an die Lebenspläne, die sie nicht mehr verwirklichen konnten. Ich glaube, dass die Toten erst Ruhe finden, wenn der ganze Fall abgeschlossen ist.

Wann hat eine Anwältin Zeit zum Trauern?

Nach der Arbeit. Abends auf der Couch, nachts im Bett. Dann kreisen die Gedanken. Und dann kommen mir auch mal die Tränen. Ich fände es schlimm, wenn es nicht so wäre. So bearbeite ich das.

Denken Sie anders übers Leben nach, seit Sie sich so viel mit dem Tod beschäftigen?

Ich weiß das Leben mehr zu schätzen. Manchmal glaube ich trotzdem, ich denke zu viel über den Tod nach.

Wie hat der Fall Högel Sie verändert?

Wenn ich heute selbst in ein Krankenhaus müsste, würde ich wohl mit einem anderen Blick dort reingehen. Ich würde wachsamer sein. Ich halte inzwischen Dinge für möglich, von denen ich früher gedacht habe, sie wären unmöglich.

Wie behalten Sie da die Leichtigkeit?

In meinem Beruf will ich keine Leichtigkeit. Damit würde ich diesem Fall, meinen Mandanten und ihren Geschichten nicht mehr gerecht werden können.

Wie schützen Sie sich?

Ich habe gelernt, dass es eine Mischung aus Empathie und Abstand braucht. Zu viel Nähe zu den Mandanten ist auch nicht gut. Sonst wird es schwer, sich überhaupt mal von diesen Themen zu lösen.

Lesen Sie auch

Wie schaffen Sie das?

Mir hilft es, das Positive zu sehen. Wenn mich negative Gedanken beherrschen, versuche ich mich daran zu erinnern, worum es geht: Ich will meine Mandanten stärken und ermutigen. Und ich glaube, das ist mir bislang gelungen.

Sie haben in Ihrem Plädoyer kaum über das Strafmaß gesprochen. Stattdessen haben Sie Fotos der Verstorbenen gezeigt und aus ihren Biografien erzählt. Warum?

Die Idee ist über Jahre in Gesprächen mit den Angehörigen gewachsen. Wir wollten zeigen: Es geht hier nicht bloß um Anklagenummern, sondern um Personen, die aus ihren Leben gerissen wurden und Lücken hinterlassen haben.

Als sie fertig waren, brandete im Saal Applaus auf. Eher ungewöhnlich für einen Gerichtsprozess.

Ich bin dankbar, dass die Anwesenden verstanden haben, worum es mir ging: Ich wollte die Verstorbenen in den Mittelpunkt rücken – und ins Bewusstsein von Högel.

Haben Sie ihn während Ihres Plädoyers beobachtet?

Högel hat sich die Bilder der Verstorbenen angesehen. Das war mir wichtig. Ich hätte ihn notfalls dazu aufgefordert.

Glauben Sie, dass Sie Högel erreicht haben?

Kein Mensch kann solche Bilder verdrängen. Irgendwann werden sie hochkommen, und wenn er sagt, das ist nicht so, dann glaube ich ihm das nicht.

Beim Prozessbeginn saßen Sie Högel gegenüber. Wie war das?

Högel hat mir in die Augen gesehen und mich immer weiter angestarrt. Er hat erst aufgehört, als Richter Bührmann ihn angesprochen hat. Das war ein Machtspiel, eine Kampfansage.

Was haben Sie da gedacht?

Mir war gleich klar: Högel inszeniert sich noch immer. Von Reue habe ich nichts gespürt. Und so sollte es auch den ganzen Prozess bleiben. Seine Entschuldigungsversuche habe ich ihm nicht abgekauft.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Högel ein Serienmörder sein könnte?

Das war vor sechs Jahren, als ich die erste Akte zum Fall in den Händen hatte. Dort waren Statistiken drin. Als ich gesehen habe, bei wie vielen Todesfällen Högel Dienst hatte, war mir klar, dass etwas nicht stimmen kann.

Sie haben der Staatsanwaltschaft daraufhin öffentlich eine „neunjährige Ermittlungsblockade“ vorgeworfen.

Lesen Sie auch

Die Frage war: Nimmst du jetzt deine moralische Verantwortung ernst, oder hältst du die Klappe? Ich habe dann den Mund aufgemacht, weil ich auch von anderen Menschen Zivilcourage erwarte.

Sie haben sich gegen die Staatsanwaltschaft aufgelehnt.

Leicht ist mir die Entscheidung nicht gefallen. Ich hatte viele schlaflose Nächte. Es war eine schlimme Zeit.

Weil Sie sich gefragt haben, was passiert, wenn Sie sich mit Ihrem Verdacht irren?

Das war riskant. Als junge Anwältin aus Delmenhorst, mehrere kleine Kinder zu Hause, da fragt man sich schon: Darfst du jetzt die Staatsanwaltschaft kritisieren? Ich hatte Angst um meine berufliche Existenz. Heute weiß ich: Ich lag richtig. Das ist ein wirklich gutes Gefühl.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Gaby Lübben (42)

hat im Prozess gegen den Serienmörder Niels Högel viele Angehörige der Opfer vertreten. Die Delmenhorster Anwältin beschäftigt sich seit 2014 mit dem Fall. Sie trug wesentlich dazu bei, dass die Mordserie aufgearbeitet wurde.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+