Darek Pluta arbeitet seit 21 Jahren als Saisonkraft auf Borkum

Der Frühstücksmacher

Als die Fähre nach Borkum in Emden ablegte, musste Darek Pluta den Kopf schütteln. Zum ersten Mal war der junge Mann aus Polen in Deutschland, und hier an Bord ließen die Passagiere ihr Gepäck einfach so unbeaufsichtigt herumstehen.
19.03.2016, 00:00
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Der Frühstücksmacher
Von Jan Oppel
Der Frühstücksmacher

Morgenspaziergang am Strand von Borkum: Eine Woche vor Ostern zieht es viele Eltern mit ihren Kindern auf die Inseln.

Christina Kuhaupt

Als die Fähre nach Borkum in Emden ablegte, musste Darek Pluta den Kopf schütteln. Zum ersten Mal war der junge Mann aus Polen in Deutschland, und hier an Bord ließen die Passagiere ihr Gepäck einfach so unbeaufsichtigt herumstehen. „Nur ich nicht“, erinnert sich Pluta. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier nichts geklaut wird.“ Während der gut zweistündigen Überfahrt ließ er seine Tasche nicht aus den Augen. Das war vor 21 Jahren. Damals war Pluta an Deutschland noch vieles fremd. Heute lebt er die meiste Zeit des Jahres auf Borkum.

Im Hotel Weiße Düne ist der 46-Jährige für das Frühstück zuständig. Ab dem Saisonstart, eine Woche vor Ostern, brauchen die Hoteliers und Restaurantbesitzer auf den ostfriesischen Inseln etwa 1000 zusätzliche Hilfskräfte. Die meisten kommen aus Osteuropa und arbeiten als Spüler, Reinigungskräfte oder im Service.

Darek Pluta hatte im Sommer 1995 einen genauen Plan: „Ein paar Monate Geld verdienen, einen Computer kaufen und zurück“, erinnert er sich und lächelt. „Einen Drucker hatte ich ja schon.“ Der gelernte Elektriker wollte damals Grafiker werden. Daraus wurde nichts. Pluta blieb auf der Insel – wegen des Geldes. In Polen, sagt er, könne man auf die Dauer einfach nicht genug verdienen.

Pluta räumt routiniert Marmeladentöpfe und Müslischalen auf einen Geschirrwagen. Nur seine Augen verraten, wie müde er ist. Um 7.30 Uhr hat Pluta seinen Dienst begonnen. Bis zum späten Nachmittag wird er beschäftigt sein. In diesem Jahr sind die Zimmer des Hauses bereits zwei Wochen vor Ostern ausgebucht.

Die Gäste strömen an diesem sonnigen Tag ins Freie. Pluta macht in der Hotelküche den Abwasch. So geht das acht Stunden täglich, sechs Tage die Woche, neun Monate im Jahr. Neben dem 46-jährigen Polen beschäftigen seine Arbeitgeber Beate und Focko Ukena noch drei rumänische Reinigungskräfte.

Den ersten Kontakt zu neuen Helfern knüpften die meisten Gastronomen über ihre Mitarbeiter und das Internet, erzählt Beate Ukena, die den Vorsitz des Dehoga-Inselverbands Borkum inne hat. In der Regel sehe man sich beim Dienstantritt zum ersten Mal.

Derzeit sinkt die Zahl der Bewerber aus Osteuropa. In Großbritannien und Skandinavien, sagt Ukena, seien die Löhne für Saisonkräfte deutlich höher als in Deutschland – trotz des geltenden Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde. Das Leben auf Borkum ist teuer, der Wohnraum knapp, wie auf Nachbarinseln. Plutas Zimmer mit Küche, Bad und polnischem Satellitenfernsehen kostet ihn monatlich etwa 500 Euro. „Die Preise sind der absolute Wahnsinn“, findet Pluta. In der Regel besorgten die Arbeitgeber ihren Helfern eine Unterkunft, sagt Beate Ukena. Während der Saison seien die Hotelbetreiber auf Vollbelegung angewiesen, um die Flaute in der kalten Jahreszeit zu kompensieren.

Seitdem die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für die osteuropäischen EU-Staaten gilt, ist für die Saisonkräfte vieles einfacher geworden. Früher durfte Pluta nur drei Monate am Stück in Deutschland bleiben. An der Grenze habe er manchmal acht Stunden lang im Bus gewartet, bis die Beamten den Papierkram erledigt hatten, erinnert er sich. Heute fahre er mit seinem Auto einfach durch. Mehr als 900 Kilometer trennen ihn von dem zwölfjährigen Sohn und seiner Frau, die er am Strand von Borkum kennenlernte. Das Datum dieser Begegnung kennt Pluta ganz genau: „Das war am 27. Juli 1995 – auf der Geburtstagsfeier eines Freundes.“ Das Paar heiratete. Mittlerweile lebt seine Frau wieder in Breslau. Der Sohn geht dort zur Schule.

Pluta sieht die Beiden nur noch in den Ferien. Den Urlaub verbringt die Familie am liebsten in einer Waldhütte unweit der Ostseestadt Stettin – oder auf Borkum. Bis zum nächsten Wiedersehen wird es dauern. Bis dahin ruft Pluta seine Liebsten jeden Abend an. Ob er die beiden vermisst? „Ja“, sagt er. Aber für die Ehe sei die Fernbeziehung gar nicht so schlecht. Ein echtes Problem hingegen sei die Enge des Eilandes. Der Inselkoller hole ihn regelmäßig ein. „Daran kann man sich nicht gewöhnen“, sagt Pluta. Er fahre dann mit dem Auto zum Hafen. Warum? „Weil es keine andere Strecke gibt auf der man länger geradeaus fahren kann.“ Knapp 31 Quadratkilometer misst Borkum. Die größte ostfriesische Insel ist ziemlich genau halb so groß wie Delmenhorst.

Wie die Insulaner, sagt Pluta, seien auch die Polen früher immer unter sich geblieben. Aus seiner Clique von damals ist kaum einer geblieben. Er trifft sich nur noch selten mit Landsleuten „auf ein Piwo“ im Park. Früher habe er vor allem das Essen aus der Heimat vermisst. Heute gibt es polnisches Bier und eine Auswahl an landestypischen Lebensmitteln im Inselsupermarkt.

Keine 300 Meter vom Hotel Weiße Düne entfernt faucht der Wind über den kilometerlangen Strand. Pluta kommt nur noch hierher, wenn ihn die Familie besucht. Bis er die beiden aus Breslau er im Juli nach Borkum holt, kümmert sich Pluta weiter um das Frühstück der Gäste. Einige kennt er seit 20 Jahren. Er weiß, was sie morgens trinken und wo sie im Saal am liebsten sitzen. Ein Ehepaar aus Hamburg hat ihn sogar in Breslau besucht.

Im Hafen kommt die nächste Fähre an. Zwei Männer mit großen Reisetaschen gehen von Bord. Sie sprechen polnisch miteinander. „Viele denken, hier liegt das Geld auf der Straße“, sagt Pluta. „Aber dafür muss man überall arbeiten.“ Die Bezahlung in Deutschland sei zwar gut, für ein Auto oder ein Haus müsse man aber auch hier lange sparen. „Das wollen viele nicht verstehen“, sagt Pluta. Die meisten gingen nach ein oder zwei Jahren wieder zurück. Nach der Saison wird auch Pluta sein Auto auf die Fähre fahren. Von Emden aus sind es dann noch neun Stunden über die Autobahn Richtung Osten – nach Hause.

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