Nordamerikanisches Unternehmen will angeblich Bodenschätze im Harz ausbeuten – doch die Firma gibt es gar nicht mehr

Der große Bergbau-Bluff

Clausthal-Zellerfeld. Wer durch den niedersächsischen Teil des Harzes fährt, begibt sich auf eine Zeitreise in die 1970er-Jahre der Bundesrepublik. Die Lokale geschmückt mit Rehbockgeweihen und Zinntellern, Jägerschnitzel auf den Speisekarten, in den Schaufenstern der noch geöffneten Geschäfte steht kitschiger Nippes.
11.12.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Reimar Paul

Clausthal-Zellerfeld. Wer durch den niedersächsischen Teil des Harzes fährt, begibt sich auf eine Zeitreise in die 1970er-Jahre der Bundesrepublik. Die Lokale geschmückt mit Rehbockgeweihen und Zinntellern, Jägerschnitzel auf den Speisekarten, in den Schaufenstern der noch geöffneten Geschäfte steht kitschiger Nippes. Seit der Wiedervereinigung hat die Region mehr als ein Drittel ihrer Besucher verloren. Weil mit dem Tourismus nicht mehr viel zu verdienen ist, ziehen immer mehr junge Leute weg. Die Älteren haben nicht investiert, weil die Nachfolger nicht mehr da sind. Die Gemeinden suchen nach einem Ausweg aus dieser Abwärtsspirale.

Früher war das anders. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts war der Harz eine bedeutende Bergbauregion. Mehr als tausend Jahre lang förderten Bergleute hier wertvolle Erze. Mit den Erlösen illuminierten vor allem die Fürsten in Hannover und Braunschweig ihre herrschaftlichen Häuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Niedergang, zuletzt waren nur noch einige Bergwerke für Touristen geöffnet.

Bodenschätze vermutet

Könnte es ein Revival geben für den Bergbau im Harz? Vor ein paar Monaten schien das plötzlich möglich. Ein kanadischer Investor, hieß es, habe Großes vor: Im Bereich des vor 25 Jahren stillgelegten Bergwerks „Hilfe Gottes“ zwischen Bad Grund und Clausthal-Zellerfeld wollte die „Samarium Tennessine Corporation“ wieder nach Bodenschätzen suchen – dort werden noch Rohstoffe im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro vermutet, unter anderem Silber, Kupfer, Zink und Blei sollen in den noch nicht ausgebeuteten Erzgängen und Absetzteichen liegen. Die Kanadier sparten nicht mit großen Ankündigungen. 100 Millionen Euro wolle man investieren, und mehrere Hundert Arbeitsplätze schaffen. In den umliegenden Städtchen, in denen sich ein Leerstand an den anderen reiht, träumte mancher schon vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Im September erteilte das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) dem Unternehmen die „Aufsuchungserlaubnis“: In einem 153 Quadratkilometer großen Gebiet durfte die „Samarium Tennessine Corporation“ Gesteinsproben sammeln. „Man könnte das auch mit dem Abstecken eines Claims vergleichen“, sagte Behördensprecher Björn Völlmar dieser Zeitung. Weitere Schritte, etwa den Antrag für einen Betriebsplan, Bohrungen oder sonstige Eingriffe ins Gestein, hätten gesondert beantragt werden müssen. Für die Aufsuchungserlaubnis musste das Unternehmen nur eine Verwaltungsgebühr von 2800 Euro bezahlen. Darüber hinaus hat der Antragsteller Völlmar zufolge seine „finanzielle Leistungsfähigkeit und technische Kompetenz“ durch Geschäftsberichte und Referenzen glaubhaft gemacht.

Drei Monate später steht der Verdacht im Raum, dass sich die Behörde täuschen ließ. Im Oktober benannte sich die „Samarium Tennessine Corporation“ in „Rhenium Technology Corporation“ um – sie war damit Inhaber der Aufsuchungserlaubnis. Schon damals vermuteten Lokaljournalisten, dass es sich in beiden Fällen wohl nur um Scheinfirmen handele. Im Internet sind die Firmen denn auch nicht aufzufinden.

Der Verdacht erhärtete sich Ende November, als Betrugsvorwürfe gegen den – inzwischen ehemaligen – Vorstand der „Samarium Tennessine Corporation“ bekannt wurden. Volkmar Guido Hable soll nach Angaben der Finanzaufsicht der kanadischen Provinz British Columbia schon vor Jahren Börsenkurse manipuliert haben, berichteten mehrere Medien. Er habe ein falsches Übernahmeangebot für ein Unternehmen veröffentlicht, an dem er selbst Anteile hielt. Danach stiegen die Aktien im Wert, und der gebürtige Österreicher habe seine Anteile mit sattem Gewinn veräußert.

Wegen der Kursmanipulationen wurde Hable dauerhaft vom Börsenhandel ausgeschlossen, in Kanada erhielt er ein lebenslanges Berufsverbot. Außerdem musste er umgerechnet knapp 270 000 Euro Strafe zahlen und 105 000 Gewinn rückerstatten, den er mit der Manipulation erwirtschaftet hat – das entschied kanadischen Medien zufolge die Finanzaufsicht in British Columbia.

Hat Hable also auch im Harz getrickst? Wollte er von der für ein Taschengeld erworbenen Aufsuchungserlaubnis in Wirklichkeit gar nicht Gebrauch machen, sondern diese mit Hilfe von Briefkastenfirmen nur gewinnbringend weiter verkaufen? Beim LBEG schließt man das zumindest nicht mehr aus. Aktuell gehe die Behörde „Hinweisen aus und in verschiedene Richtungen“ nach, sagt Sprecher Völlmar und betont: Eine Erlaubnis sei zu widerrufen, „wenn nachträglich Tatsachen eintreten, die zur Versagung hätten führen müssen.“

Öffentliche Aufmerksamkeit

Ein Bergbauexperte aus dem Harz, der namentlich nicht genannt werden möchte, glaubt das Drehbuch zu kennen, nach dem Hable seinen Bergbau-Coup zu inszenieren versuchte. Durch Präsenz in den Medien habe er zunächst öffentliche Aufmerksamkeit für sein vermeintliches Vorhaben geschaffen – so hatte auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil Bad Grund und das Bergwerk „Hilfe Gottes“ besucht, um sich über das Bergbau-Projekt zu informieren.

Hable habe seine „Samarium Tennessine Corporation“ dabei als finanzstarkes, weltweit tätiges Unternehmen angepriesen. Mit millionenschweren Investitionsversprechen, gleichzeitig aber minimalem eigenem Kapitalaufwand sei er an die Aufsuchungserlaubnis gelangt, um dann die Genehmigung mit bereits vorhandenen Daten über frühere Fördermengen und angeblichen Resterzmengen „aufzuhübschen“ und schließlich mit viel Gewinn weiterzuverkaufen.

Ein Vorgehen, das an das gescheiterte Bergbauprojekt im österreichischen Bad Bleiberg im Jahr 2015 erinnert. Dort hatte eine Hable-Firma ebenfalls die erworbenen Schürfrechte weiterverkauft. Das zwischenzeitlich aufgelöste Unternehmen hatte angeblich in die Wiederöffnung des örtlichen Bergwerks 150 Millionen Euro investieren und 150 Arbeitsplatze schaffen wollen – von diesen Segnungen ist in dem Ort in Kärnten längst keine Rede mehr.

Hables letzter Tweet datiert vom 6. Mai: „I am a seasoned expert in my field“, schreibt er darin: „Ich bin ein erfahrener Experte in meinem Bereich.“

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