Hobby-Archäologe Heinz-Dieter Freese stößt auf einem Gräberfeld auf einen Bronze-Eimer aus der römischen Kaiserzeit Der Schatz im Kartoffelacker

2005 machten Sie einen besonderen Fund. Was ist die Vorgeschichte?Heinz-Dieter Freese: Bei der Verlegung einer Gaspipeline westlich von Bad Bevensen wurde ein Gräberfeld aus den 1. und 2.
05.03.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gerald Weßel

2005 machten Sie einen besonderen Fund. Was ist die Vorgeschichte?

Heinz-Dieter Freese: Bei der Verlegung einer Gaspipeline westlich von Bad Bevensen wurde ein Gräberfeld aus den 1. und 2. Jahrhundert entdeckt. Zahlreiche Grabbeigaben aus Eisen, Bronze und Silber wurden bei den Grabungen freigelegt, die Urnen waren leider bereits vom modernen Ackerbau stark beschädigt. Im Auftrag des Landesamtes habe ich bis 2013 den Acker weiter nach zerpflügten Fundobjekten abgesucht.

Was fanden Sie an diesem Abend?

Es wurde schon dunkel, als das Metallsuchgerät über dem gerodeten Kartoffelacker einen sehr langen und deutlichen Ton von sich gab. Ich wusste sofort: Das ist ein großer Gegenstand aus Metall. Mit einer mitgebrachten Kelle durchsuchte ich die obersten Bodenschichten, fand aber nichts. Das starke Signal musste aus tieferen Erdschichten kommen, was den Fund noch interessanter machte. Um nichts zu zerstören, habe ich schweren Herzens das Loch wieder verschlossen. Und erst zehn Monate später hat der Freundeskreis für Archäologie in Niedersachsen unter wissenschaftlicher Leitung von Wilhelm Gebers an besagter Stelle eine Ausgrabung unternommen. Und wir fanden tatsächlich einen Bronze-Eimer aus römischer Produktion. Genauso, wie ich es vorausgesagt hatte.

Lag darin ein Mann oder eine Frau? Und wann wurde er oder sie dort bestattet?

Aus den verbrannten Knochen sowie aus den Grabbeigaben und insbesondere einem zwei Zentimeter breiten goldenen Fingerring kann man mit ziemlicher Gewissheit ableiten, dass hier ein Mann bestattet wurde. Er war zwischen 60 und 70 Jahre alt und hatte am Ende seines Lebens zahlreiche Krankheiten. Bei der Untersuchung der Knochen kam sogar heraus, dass er vor seinem Tod längere Zeit bettlägerig gewesen ist. Verstorben ist er wohl um die Mitte des 2. Jahrhunderts in der sogenannten römischen Kaiserzeit.

Welche Grabbeigaben lagen neben dem Fingerring noch in dem Eimer?

Am interessantesten sind die Stoffreste außen an der Wandung. Es handelt sich vermutlich um ein Leinentuch, mit dem der Eimer rund 90 Zentimeter in den Erdboden versenkt wurde. Im Inneren des Gefäßes fanden sich mehrere Gewandnadeln aus Bronze und Silber, außerdem eine Schere, ein Messer, ein Rasiermesser, einige Bronzenägel, Knochennadeln sowie zerschmolzene Bronzereste, deren Bedeutung wir nicht mehr rekonstruieren können. Der Eimer selbst war im römischen Imperium ein simpler Haushaltsgegenstand, bei den Germanen galt er jedoch als Prestigeobjekt, ein kostbarer Gegenstand aus dem reichen Süden.

Gibt es etwas, dass Sie aus heutiger Sicht am meisten an diesem Fund beeindruckt?

Man erkennt an diesem Fund schon, welche Anziehungskraft das Römische Reich damals auf die Menschen hatte. Dort im Süden gab es ewige Sonne, Wein und Reichtümer aller Art. So wie Europa heute magisch arme Menschen aus dem Süden anzieht, so war es damals gerade umgekehrt. Der Sog wurde so groß, dass der ganze Volksstamm der Langobarden, zu dem der Tote gehörte, etwa 100 Jahre später zu einem Marsch nach Süden aufbrach. Die Völkerwanderung begann. Und die Langobarden aus dem Uelzen-Lüneburg-Raum gründeten nach ihrer Ankunft in Italien später die „Lombardei“. Sie verließen ihre Höfe und ihre Toten und wanderten nach Süden, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Wie fühlte sich dieses Jahr zwischen dem starken Hinweis, dass da etwas Besonderes liegt und der eigentlichen Grabung an?

Da ist man innerlich gedanklich immerzu dabei. Das war sehr spannend aber ich habe nie gezweifelt, sondern war immer überzeugt, dass da etwas Großes liegt. Viele Leute haben daran gezweifelt, aber ich wusste: Das ist ein Eimer. Ein Foto von einem ähnlichen Stück sowie den Gips, den wir vor Ort brauchen würden, brachte ich vorsorglich gleich am Ausgrabungstag mit. Das alles ist übrigens einer Kartoffelrinne im Ackerboden zu verdanken, durch die der Metalldetektor ein Jahr zuvor etwa 15 Zentimeter tiefer kam. Ansonsten wäre mir der Fund wahrscheinlich entgangen.

Was ist es, was Sie so an dieser ehrenamtlichen Tätigkeit der Boden- und Luftbildarchäologie interessiert?

Das ist eine Leidenschaft der Suche. Mich interessieren Fundzusammenhänge, denn so kann man über Funde ein Lebensbild der damaligen Zeit erstellen. Man erweckt in kleinem Rahmen ein Stück der Vergangenheit wieder zum Leben, indem man vergessene Gegenstände an die Oberfläche holt und sie historisch einordnet.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

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