Erdbestattung gegen den letzten Willen

Die Asche seiner Ex-Frau

Nach ihrem Tod sollte ihre Asche über dem Elsass verstreut werden. Wie schon die ihrer Schwiegermutter. Bestatter und Friedhofsverwaltung sind dem letzten Willen der Bremerin nicht nachgekommen.
13.07.2018, 19:29
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Die Asche seiner Ex-Frau
Von Justus Randt

Achim/Bremen. Von einem Fesselballon aus soll ihre Asche über einem Wald verstreut werden. Eine Luftbestattung im Elsass, genau wie bei ihrer Schwiegermutter. Das war der letzte Wille einer Bremerin. Vor mehr als drei Monaten ist sie gestorben und eingeäschert worden. Ihr Wunsch aber ist noch nicht in Erfüllung gegangen, die Urne ist Ende Juni auf dem anonymen Gräberfeld des Huckelrieder Friedhofs beigesetzt worden.

In Deutschland gibt es nach wie vor den Friedhofszwang, auch wenn er in Bremen gelockert ist. Nach einem zermürbenden Hin und Her hat Jürgen Zemmrich, der geschiedene Ehemann der Bremerin, aufgegeben, der Erdbestattung zugestimmt und auch den Vertrag mit der Luftbestattungsfirma in Rastatt storniert. Der Achimer und sein Sohn wollten sich ebenfalls im Elsass luftbestatten lassen und hatten weitere Verträge mit einem Bremer Bestattungsinstitut abgeschlossen. Das Traditionsunternehmen, das nicht genannt werden will, sieht sich außerstande, die Vereinbarung einzuhalten. Aus rechtlichen Gründen. Der Umweltbetrieb Bremen, kommunaler Friedhofsträger und Eigenbetrieb der Stadt, „ist der Auffassung, man darf nicht von deutschem Boden aus starten, um Totenasche zu verstreuen“, sagt ein Mitarbeiter des Bestatters und verweist auf den Friedhofszwang.

„Da heißt es immer, man soll Vorsorge treffen, und dann passiert so was“, sagt Jürgen Zemmrich. Eine Seebestattung wäre möglich gewesen, aber keine Luftbestattung im Elsass. Auch der Bestatter versteht es nicht: „Einerseits ist Bremen am fortschrittlichsten und hat den Friedhofszwang als einziges Bundesland so gelockert, dass man Asche auf einer eigenen Grünfläche ausbringen kann, andererseits macht ausgerechnet Bremen Schwierigkeiten, wenn es um Frankreich geht.“ Vor drei Jahren, als Zemmrichs Mutter starb, war es kein Problem, ihren letzten Willen zu erfüllen. „Wir hatten ein persönliches Vorsorgegespräch“, sagt der Bestatter, „das war unsere bislang einzige Luftbestattung.“ Es dürfte auch die letzte bleiben: „Wir haben das aus dem Angebot genommen.“

Dass die Asche der Mutter im Elsass verstreut werden konnte, gehe auf einen Irrtum zurück, ist auf Nachfrage beim Umweltbetrieb Bremen zu erfahren: „Vor drei Jahren war die Situation anders, da damals für uns nicht ersichtlich war, dass nach der Freigabe der Urne eine Bestattung in Frankreich stattfinden sollte. Insofern wurde sie freigegeben.“ Solle eine Leiche oder die Asche eines Toten im Ausland beigesetzt werden, müssten Bestatter „die rechtlichen Bedingungen des jeweiligen Landes prüfen und beim Umweltbetrieb Bremen die notwendigen Unterlagen vorlegen, bevor eine Freigabe der Urne zur Bestattung erfolgt“, erläutert Kerstin Doty, die Sprecherin des Umweltbetriebes. Die Unterlagen fehlen noch heute. Nachdem es eine ganze Weile gedauert habe, zu klären, was erforderlich sei, „sollten wir die Angehörigen zum französischen Konsulat schicken“, sagt der Bremer Bestatter. Welche Schritte er selbst oder auch die beteiligte Rastatter Firma unternommen hat, um dem Ziel näherzukommen, lässt sich schwerlich rekonstruieren.

Bescheinigung vom Konsulat

Der Umweltbetrieb Bremen wahre die sogenannten postmortalen Persönlichkeitsrechte und trage Sorge dafür, dass die Asche Verstorbener „nicht der Beliebigkeit“ anheim gegeben werde, sagt Kerstin Doty. „Deshalb wollten wir das Okay des Generalkonsulats.“ Weil diese Bescheinigung nicht vorliege, sei die Urne „aus ethischen Gründen nicht zur Überführung freigegeben“ worden. Die Urne hätte außerdem vor dem Transport ins Elsass von einem der französischen Generalkonsulate versiegelt werden müssen. Dies sei „eine recht schnelle, jedoch natürlich nicht formlose Angelegenheit“, bestätigt die französische Botschaft in Berlin. Sobald das Gefäß versiegelt und die Bescheinigung (Certificat sanitaire) ausgestellt sei, könne die Urne sogar von Privatleuten über die Grenze gebracht werden. Bei der Luftbestattung in Frankreich müsse man sich „selbstverständlich an das Gesetz“ halten. Das besagt: Die Asche darf nicht auf öffentlichem Gelände und Wegen verstreut werden.

Die Urne der Bremerin ist jedoch nicht bis ins Elsass gekommen. Weder auf dem Land- noch auf dem Luftweg. Was nicht nur Frank ­Friedrichson, den Landesinnungsmeister des Bestatterverbandes in Baden-Württemberg, erstaunt. Der Unternehmer, der in der Nähe der Grenze arbeitet, hat nach eigenem Bekunden zur Überführung einer Urne nach Frankreich „noch nie ein Konsulat gebraucht“. Das gelte im Übrigen auch für Österreich, die Schweiz, Italien und Spanien. „Die Urnen sind ja grundsätzlich vom Krematorium versiegelt“, sagt Friedrichson.

Der Transit sterblicher Überreste ist im Europa der offenen Grenzen keine juristisch einfache Angelegenheit. „In dem Moment, in dem die Asche Deutschland verlässt, gilt das Recht des anderen Landes“, sagt der Bestattungsberater eines zweiten Bremer Instituts, der ebenfalls ungenannt bleiben möchte. Luft- oder andere Sonderformen der Bestattung seien „super selten“. Sein Unternehmen bietet beispielsweise an, die Totenasche über Bergbächen oder auf Almwiesen in der Schweiz zu verstreuen. „Das ist eine Grauzone, aber legal“, sagt der Fachmann. „Einzige Voraussetzung ist, dass die Menschen eine Bestattungsform wählen.“ Und es müsse, wegen der Bremer Friedhofspflicht, in der Schweiz ein Stückchen Almwiese gekauft werden. „So wie man auf dem anonymen Gräberfeld in Huckelriede auch einen Platz kauft.“ Das Prozedere sei denkbar einfach: Die Partnerfirma in der Schweiz fordere beim Krematorium die Urne im Postversand an.

Für den Vorsitzenden des Bremer Bestatterverbandes, Christian Stubbe, haben die alternativen Bestattungsformen „eher Event-­charakter“, als dass sie einen würdigen Abschied ermöglichten. Der anonyme Bremer Experte wiederum sieht keinen Unterschied darin, ob die Asche in den Baumwipfeln, in einem Bach, auf einer Wiese oder im Meer ihren letzten Ort finde. „Maßgeblich sollte der letzte Wille des Verstorbenen sein. Und Pietät ist schwer zu definieren. Asche anonym zu bestatten, finden viele ja auch bereits pietätlos.“

Letzte Reise im Ballon

Jürgen Zemmrich versteht die Welt der Bestatter und Behörden nicht mehr. Ihm wäre es am liebsten, „die buddeln meine Ex-Frau wieder aus und bringen sie nach Rastatt“. Und die letzte Reise ginge weiter im Ballon ins Elsass. „Dass wir da zusammenkommen, ist unser letzter Wille, das kann man nicht einfach absagen.“

Theoretisch sei das kein Problem, sagt Kerstin Doty im Namen des Umweltbetriebs, trotz der vorgeschriebenen Totenruhe von 20 Jahren. „Es gibt unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit der Umbettung. Der letzte Wille müsse verbrieft sein, Familienzusammenführung ist ein guter Grund. Voraussetzung bleibe aber, dass das konsularische Dokument vorliege. Jürgen Zemmrich hofft weiter darauf, dass sich etwas tut. Schließlich will auch er seine letzte Ruhe im Elsass finden. Dort, wo die Asche seiner Mutter verstreut ist.

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