Oldtimer-Reparatur in Bruchhausen-Vilsen

Die Borgward-Spezialisten

Bruchhausen-Vilsen. Rund 3000 Borgwards gibt es noch in Deutschland. Eine der letzten Spezialwerkstätten befindet sich in Bruchhausen-Vilsen.
06.11.2013, 11:51
Lesedauer: 3 Min
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Bruchhausen-Vilsen. Der Verkehr braust an der alten Tankstelle vorbei, moderne Autos, die von ESP bis Bluetooth alles an Bord haben. Die meisten Fahrer nehmen von der alten Werkstatt am Straßenrand in Bruchhausen-Vilsen keine Notiz. Wer aber durch die Tür tritt, macht einen Zeitsprung in die 50er Jahre, in die Welt von Arabella, Goliath und Lloyd Alexander.

Volker Wischnewski und sein Vater Wolfgang sind Hüter der vielleicht letzten Werkstatt, die ganz auf Autos des Bremer Borgward-Konzerns spezialisiert ist. Sie restaurieren, reparieren und pflegen Autolegenden, deren Produktionszeit die Mehrheit der Deutschen gar nicht erlebt hat. Denn die Borgward-Werke gingen 1961 in den Konkurs. Heute produziert Mercedes auf dem Werksgelände in Sebaldsbrück.

Der 41 Jahre alte Junior kennt zu jedem Auto Geschichte und Geschichten. So zum schwarzen Hansa 1800, Baujahr 1954, der aus letzten Teilen von Hand zusammengebaut wurde, weil auf dem Fließband schon die ersten Isabellas gefertigt wurden. "Den hat der Erzbischof von Granada gekauft", erzählt Wischnewski und holt die Übersetzung der spanischen Einfuhrerlaubnis aus der Tasche. Über wie viele Ecken das Auto schließlich wieder in die Nähe von Bremen kam, weiß der Himmel. Der Hansa soll einen neuen Motor bekommen, ein 50-PS-Diesel, der bisher nur auf einem Borgward-Prüfstand gelaufen war.

Daneben wartet eine Arabella, Baujahr 1960, auf letzte Handgriffe. "Die machen wir fertig für den dänischen TÜV", sagt Vater Wischnewski und prüft noch einmal, ob der Ölstand stimmt. Der Besitzer kommt immer nach Niedersachsen, um seinen cremeweißen Oldtimer in Form bringen zu lassen. Der 74 Jahre alte Seniorchef selbst steuert am liebsten einen Goliath-Lieferwagen, der aber bei den Kunden wegen seiner zunächst schwachen Zweitakt-Motorisierung gegen den legendären VW-Bulli nie eine Chance hatte.

Die beiden Borgward-Spezialisten eroberten ihre Marktnische erst im Laufe der Zeit. Wolfgang Wischnewski hatte die Tankstelle mit Werkstatt vor mehr als 40 Jahren gekauft und eine Weile lang selbst betrieben. Anschließend war das Gebäude bis 1999 verpachtet. "Dann stand ich vor der Wahl, Abriss oder Verkauf." Entschieden habe er sich schließlich aber dafür, gemeinsam mit seinem Sohn die freie Werkstatt für Borgward-Autos aufzumachen. Der junge Wischnewski hatte bei Mercedes in Bremen gelernt, allerdings nicht das KFZ-Handwerk. Das holte er später einschließlich Meisterprüfung nach.

Was begeistert die Beiden eigentlich so sehr an den Autos aus Bremen? "Es ist die Faszination nicht nur der Autos, sondern auch des Konzernchefs Carl F.W. Borgward", sagt der Juniorchef. Wenn man sich mit den Fahrzeugen beschäftige und die Historie studiere, komme man dahinter, dass er leider Autos zu konstruieren und zu verbessern für wichtiger hielt als Autos zu verkaufen. "Wenn man das im Hinterkopf hat, kommt man vom Mythos Borgward so einfach nicht mehr los."

Nach Schätzung von Anne Hintz, die den Borgward-Club Bremen leitet, gibt es noch rund 3000 Autos der Marke in Deutschland, dazu einige in anderen Ländern. "Man kann das nicht ganz genau sagen." Die etwa 115 Mitglieder des Vereins arbeiten fast alle auch selbst an ihren Oldtimern. Bei größeren Reparaturen sei die Werkstatt der Wischnewskis für viele die erste Anlaufstelle, sagt Hintz.

Vater und Sohn Wischnewski versuchen, auch komplizierte Probleme zu lösen. Die Beiden tüfteln so lange, bis sich die passenden Teile für einen kränkelnden Oldtimer gefunden haben. "Schwierig kann es allerdings bei Scheinwerfern werden", sagt der 41-Jährige.

Die Arbeit wird den Borgward-Liebhabern so bald nicht ausgehen. So wartet ganz hinten in der Halle ein Borgward Hansa 2400 Sport von 1953, von dem nur etwa 750 Exemplare gebaut wurden, auf seine Restaurierung. Der Wagen habe einem britischen Offizier gehört und zuletzt in Munsterlager gestanden, erzählt Volker Wischnewski. "Das Auto hat viel Geschichte." Sein Vater kommt hinzu, guckt den etwas mitgenommenen Veteranen kurz an und meint trocken: "Den habe ich als Lehrling mal gewaschen."

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