Touristischer Höhepunkt und Selbstfindungstrip: Fraktionsmitglieder schleppen sich zu Fuß den Brocken hinauf Die CDU als Gipfelstürmer

Goslar. Gemeinsames Schwitzen soll Zusammenhalt schaffen und neuen Kampfgeist wecken. So schleppten sich die Mitglieder der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion gestern bei drückendem Wetter den Brocken hinauf - zwei Stunden Fußmarsch, einige Sportliche bleiben deutlich drunter. Es ist nicht nur der touristische Höhepunkt der dreitägigen Fraktionsklausur in Goslar, sondern auch eine Art von oben verordneter Selbstfindungstrip vor der Kommunalwahl im Herbst und der Landtagswahl 2013.
08.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von PETER MLODOCH

Goslar. Gemeinsames Schwitzen soll Zusammenhalt schaffen und neuen Kampfgeist wecken. So schleppten sich die Mitglieder der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion gestern bei drückendem Wetter den Brocken hinauf - zwei Stunden Fußmarsch, einige Sportliche bleiben deutlich drunter. Es ist nicht nur der touristische Höhepunkt der dreitägigen Fraktionsklausur in Goslar, sondern auch eine Art von oben verordneter Selbstfindungstrip vor der Kommunalwahl im Herbst und der Landtagswahl 2013.

"Die Stimmung ist supergut", keucht Parlamentsgeschäftsführer Jens Nacke gut gelaunt auf dem Gipfel. "Es geht bergauf mit der Landesregierung, es geht bergauf mit der CDU", bemüht Ministerpräsident David McAllister in der steifen Brocken-Brise das naheliegende Bild zur Kletterpartie. Dass Wahlergebnisse und Umfragen derzeitig nicht rosig für die Union aussehen, wollen die politischen Wanderer lieber vom Wind verwehen lassen.

So zählt McAllister, die Hände energisch in die Hüften gestemmt, denn eifrig die Erfolge der schwarz-gelben Landesregierung wie sinkende Arbeitslosigkeit und wachsendes Wirtschaftswachstum auf, bevor er mit unangenehmen Dingen wie EHEC und Castortransporten behelligt wird. Die Atommüll-Fuhren ins Zwischenlager Gorleben könne er nicht stoppen; die Bundesrepublik müsse schließlich die völkerrechtlichen Abnahme-Verträge mit Frankreich erfüllen. Bei der tückischen Darmseuche gibt sich der Regierungschef cool. "Ich persönlich esse alles, was mir angeboten wird, weil ich mich darauf verlasse, dass die Kontrollen funktionieren."

McAllister ist hier oben, jenseits der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, fast so gefragt wie in Hannover. Die halbwüchsigen Mädels einer Schulklasse grüßen den unerwarteten Promi in 1100 Metern Höhe freudig erregt, ältere Spaziergänger tuscheln mehr oder weniger offen. Fraktionschef Björn Thümler, der McAllister im Juli 2010 in diesem Amt beerbte, läuft 100 Meter voraus - mitten im Gewühl seiner Abgeordneten, unerkannt von den Harz-Touristen.

Ein knappes Jahr nach den großen Umwälzungen im Land, als Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ins Amt des Bundespräsidenten befördert wurde und sein politischer Ziehsohn McAllister den Regierungsposten in Hannover übernahm, sucht die große Regierungsfraktion immer noch ihr Selbstverständnis. Thümler gilt vielen Kollegen als zu brav und nett; er lasse scharfzüngige Attacken auf die Opposition ebenso vermissen wie ein klares Profil, lautet die Kritik aus den eigenen Reihen. Jens Nacke dagegen wirkt auf viele zu ungestüm, wenn er sich etwa von den Linken provozieren und zu rüden Pöbeleien hinreißen lässt.

"Unsere Strategie ist klar", erläutert Nacke die Funktion der Fraktion. "Unser Pfund ist David McAllister, und wir sind sein Schutzraum." Will heißen: Die Abgeordnetentruppe hält der Regierung den Rücken frei; für eigene Initiativen besteht wenig Raum, denn diese könnten als indirekte Kritik an einem möglichen Nichtstun der Ministerriege ausgelegt werden.

So dürfen in Goslar Abgeordnete aus der zweiten Reihe mit den nicht ganz so spektakulären Themen ran. Axel Miesner aus Lilienthal will die Rahmenbedingungen für den Gesundheitstourismus zwischen Harz und Küste verbessern. Dorothee Prüssner und Jörg Hillmer verkünden die "Goslarer Erklärung" zur Kulturpolitik, in der die CDU etwa ein Bekenntnis zu kommunalen Theatern ablegt und sich für die finanzielle Förderung einer Römer-Ausstellung ausspricht. "Auf 29 Seiten haben die Kulturbanausen nur substanzlose Parteilyrik produziert", spotten prompt die Grünen aus der Landeshauptstadt. Bei Kulturthemen belege Niedersachsen im Bundesvergleich immer letzte Plätze.

Die im leutseligen Feiern erprobten Christdemokraten lassen sich davon nicht die Laune verderben. Zum geselligen Abend bitten sie die Freunde vom Koalitionspartner FDP herbei, der - rein zufällig - ebenfalls in Goslar eine Klausurtagung abhält. Die Animositäten im schwarz-gelben Bundesbündnis mögen bloß nicht nach Niedersachsen überschwappen, so lautet die Devise. Kleinere Streitigkeiten wie die Haltung zum neuen Glückspielstaatsvertrag will man möglichst geräuschlos abhandeln.

Die gelöste Atmosphäre ergreift sogar die, denen man nachsagt, sie seien sich nicht so grün. Sozialministerin Aygül Özkan scherzt mit Innenminister Uwe Schünemann, will ihm eine Mitfahrgelegenheit im Kleinbus zum Gipfel vermitteln. Nur beim Rückweg bricht leichtes Chaos aus. Eigentlich ist die historische Brockenbahn gebucht; die ganz Durchtrainierten wie Dirk Toepffer, Jörg Hillmer und Carsten Höttcher wollen lieber laufen und finden etliche Nachahmer.

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