Gedenktafel in Loccum erinnert an die Opfer der Hexenprozesse / Jahrelanger Streit um Verantwortung der Kirche Die dunkle Seite des Klosters

Rehburg-Loccum. Für Gerechtigkeit ist es zu spät. Nicht jedoch für Aufklärung und das Gedenken an die Opfer der Loccumer Hexenprozesse.
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Die dunkle Seite des Klosters
Von Alice Echtermann

Für Gerechtigkeit ist es zu spät. Nicht jedoch für Aufklärung und das Gedenken an die Opfer der Loccumer Hexenprozesse. 33 Menschen wurden zwischen 1581 und 1660 im Kloster Loccum im Landkreis Nienburg zum Tod durch Feuer oder das Schwert verurteilt. Nun erinnert eine Gedenktafel an der Außenwand der Frauenkapelle an dieses dunkle Kapitel der Vergangenheit.

Auf dunklem Glas sind die Namen der hingerichteten Männer und Frauen zu lesen, die im 16. und 17. Jahrhundert dem „Hexenwahn“ zum Opfer fielen. In der Klosterkapelle wurden sie angeklagt, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben. „Das ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar, aber damals war Hexerei ein ganz normales Strafdelikt“, erklärt der Jurist Peter Beer. Er hat seine Doktorarbeit über die Hexenprozesse in Loccum geschrieben und wälzte dafür tagelang die alten Gerichtsprotokolle in der Klosterbibliothek.

Entgegen der weit verbreiteten Annahme seien die Hexenprozesse weltliche Prozesse gewesen. Sie würden fälschlicherweise stets mit der Inquisition der katholischen Kirche in Verbindung gebracht. Hexen wurden jedoch gleichermaßen in protestantischen Ländern gejagt, sagt Beer. Auch das Kloster Loccum ist seit 1600 ein evangelisch-lutherischer Orden. Die Hexenprozesse fanden dort statt, weil Abt und Konvent die Gerichtsbarkeit über den Ort innehatten, erklärt Peter Beer. Sie traten somit als weltliche Richter auf und nicht in ihrer kirchlichen Funktion. Strafmaß und Verfahren waren durch die Gerichtsordnung von Kaiser Karl V. genau geregelt; Folter war ein legales Mittel, um Geständnisse zu bekommen. Ungefähr 80 Prozent der Opfer waren Frauen. Doch im Grunde konnte die Anklage jeden treffen, so der Jurist. „Damals war es Allgemeinwissen: Es gibt Hexen und die sind zu verfolgen.“ Passierte ein Unglück, wurde dies mit Zauberei erklärt und ein Schuldiger oder eine Schuldige gesucht. So lösten die Menschen auch dörfliche Konflikte.

Es dauerte fast 400 Jahre, bis die Hexenprozesse in Loccum öffentlich als Unrecht anerkannt wurden. Ein jahrelanger Streit ging der gläsernen Gedenktafel an der Klostermauer voraus. Der heutige Abt des Klosters, Horst Hirschler, sagt auf Nachfrage des WESER-KURIER, er habe die Idee zu einer solchen Tafel bereits in den 70er-Jahren gehabt. Damals habe er einige der alten Gerichtsprotokolle entdeckt und ein Buch darüber geschrieben. „Man muss das an die Öffentlichkeit bringen“, betont er. „Nicht nur die guten Seiten des Klosters, sondern auch seine dunklen Seiten. Das gehört zur Wahrheit.“

Doch entgegen diesen Worten blieb der ehemalige Landesbischof viele Jahre untätig – auch als er 2000 der Abt des Klosters wurde. In einem Interview mit dem Deutschlandradio 2013 lehnte Hirschler einen Gedenkstein am Ort der Hexenverbrennungen ab. Er wolle ihn ungern zu einem „Wallfahrtsort“ machen, sagte er damals. Rückblickend erklärt er, es habe immer wieder „Lärm“ um die Sache gegeben; man habe dem Kloster vorschreiben wollen, was es zu tun habe. Daher habe man lieber erstmal gar nichts gemacht.

Für besagten Lärm sorgte vor allem der „Arbeitskreis Hexenprozesse“ um den pensionierten Pastor Hartmut Hegeler aus Unna. Hegeler setzt sich seit 15 Jahren bundesweit für die soziale Rehabilitierung der Opfer ein. Er habe der Landeskirche Hannover und dem Kloster Loccum deshalb geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen, sagt Hegeler. Er habe jedoch gehört, dass der Abt sich sehr über seine Anfrage geärgert habe. Dass Hirschler die Gedenktafel nun befürworte, sei ein Zeichen für eine „ziemliche Kehrtwende“, sagt Hegeler. „Das freut mich, ich finde es ja gut, wenn Leute ihre Meinung ändern.“

Das Kloster Loccum befasst sich durchaus mit seiner Vergangenheit. Anlässlich seines 850-jährigen Bestehens richtete es 2013 eine Tagung zu den Hexenprozessen aus. Dabei ging es jedoch um eine Aufarbeitung, nicht um die Rehabilitierung der Opfer. Hartmut Hegeler wandte sich daher an den Rat der Stadt Rehburg-Loccum – mit Erfolg. Im September 2013 stellten die Grünen einen Antrag für die sozial-ethische Rehabilitierung der Opfer, dem der Rat einstimmig zustimmte. Man könne das Leid nicht wieder gut machen, heißt es in seiner Erklärung. Eine juristische Rehabilitierung sei nicht mehr möglich, aber durch das Eingeständnis des Unrechts solle die Würde der Opfer wiederhergestellt werden. Der Rat wolle damit ein Zeichen setzen gegen Vorurteile, Ausgrenzung und Gewalt.

Zwei Jahre später wurde auch die Kirche aktiv. „Ich war überrascht, als ich im September einen Brief der Landeskirche Hannover bekam“, sagt Hartmut Hegeler. Demnach befürwortet der Kirchensenat eine soziale Rehabilitierung der Opfer, weist aber eine „Bitte um Vergebung“ zurück. Um Vergebung könne nur bitten, wer selbst schuldig geworden sei. Die Kirche werde jedoch als Beitrag zur sozialen Rehabilitation eine Gedenktafel am Kloster Loccum anbringen. Außerdem werde der Weg zum mutmaßlichen Verbrennungsplatz nach dem letzten Opfer der Hexenprozesse benannt: Gesche Köllars, die am 2. Juni 1660 enthauptet wurde.

Anfang Dezember wurden diese Maßnahmen wortgetreu umgesetzt. Doch dafür, dass die Kirche die soziale Rehabilitierung der Opfer befürwortet, gebe es außer dem besagten Brief keinen einzigen öffentlichen Hinweis, sagt Hegeler. Der ehemalige Pastor wünscht sich ein Eingeständnis der Kirche, dass das Unrecht auch in ihrem Namen begangen wurde. „Mich belastet das in meinem Glauben“, sagt er.

Offenbar gebe es nun auch innerhalb der Kirche geteilte Meinungen zu dem Thema. Von einer Rehabilitation hält der Loccumer Abt Horst Hirschler nämlich immer noch wenig. „Sie können die Vergangenheit nicht besser machen, als sie war“, sagt er. „Da nützen auch keine theatralischen Gesten.“ Man könne lediglich dokumentieren, was passiert ist, und es den Menschen erzählen. Das habe er immerhin schon vor 40 Jahren vorgehabt. Somit kehrt wohl auch nach fast 400 Jahren keine endgültige Ruhe ein um die Opfer der Loccumer Hexenprozesse.

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