Schweinepest

Die Gefahr rückt näher

Das Bundesinstitut für Tiergesundheit, das Friedrich-Loeffler-Institut, warnt vor der Einschleppung der Afrikanischen Schweinepest nach Deutschland. Laut einem Sprecher kommt die Seuche immer näher.
20.07.2017, 21:37
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Die Gefahr rückt näher
Von Silke Looden

Ein Ausbruch in Niedersachsen wäre eine „wirtschaftliche Katastrophe“, meint die Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Niedersachsen (ISN). Jedes dritte deutsche Schwein kommt aus dem Bundesland. Laut Landesamt für Statistik in Hannover leben hierzulande mehr als acht Millionen Mastschweine, Zuchtsauen und Ferkel.

„Wir wollen keine Panik verbreiten, aber die Seuche kommt näher“, sagt der Sprecher im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium in Hannover, Klaus ­Jongebloed. Für Schweinehalter gelten deshalb erhöhte Sicherheitsmaßnahmen. Hausschweine dürfen keinen Kontakt zu Wildschweinen haben.

Das Verfüttern von Speiseresten ist verboten. Viehtransporter müssen nach jedem Einsatz desinfiziert werden. „Die Schweinehalter sind gewarnt, aber auch die Bevölkerung kann mithelfen, indem Speisereste aus betroffenen Gebieten nicht einfach weggeworfen werden“, betont der Sprecher.

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Die Seuche nähert sich von Osten. Sie breitete sich 2007 von Afrika in Richtung Georgien und Russland aus. Zwischen 2012 und 2014 zog das Virus, das für den Menschen ungefährlich ist, weiter in die Ukraine und nach Weißrussland. Polen hat bereits angekündigt, einen mehr als 700 Kilometer langen Zaun zu bauen, um die Einschleppung durch Wildschweine zu verhindern.

Nachdem nun auch Tschechien erste Fälle von Schweinepest meldete, stufte das Friedrich-Loeffler-Institut die Warnstufe für Deutschland als „hoch“ ein. Nach Angaben der Experten ist das Virus inzwischen nur noch 300 Kilometer von Deutschland entfernt. Der niedersächsische Bauernverband Landvolk warnt die Tierhalter vor der hoch ansteckenden Krankheit.

„Schweinehalter sollten ihre Bestände zurzeit noch aufmerksamer und regelmäßiger beobachten und bei Auffälligkeiten unverzüglich den Tierarzt konsultieren“, rät das Landvolk in einer Mitteilung an seine Mitglieder. Die Afrikanische Schweinepest ist kaum von der europäischen Schweinepest zu unterscheiden.

Impfstoff ist nicht in Sicht

Das Virus verursacht hohes Fieber. Die Krankheit verläuft meist tödlich. Einen Impfstoff gibt es bislang nicht und ist auch nicht in Sicht. „Daher ist die Einhaltung strikter Vorsichtsmaßnahmen der einzige echte Schutz“, betont das Landvolk. Nach Angaben des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg ist der Erreger ungewöhnlich widerstandsfähig.

In unbehandeltem Fleisch und Fleischprodukten wie Wurst hält sich das Virus monatelang. „So sind die meisten Ausbrüche in europäischen Ländern auf Verschleppung des Virus in Speiseabfällen im weltweiten Reiseverkehr zurückzuführen“, erklärt das Laves zum aktuellen Seuchengeschehen.

So könnte beispielsweise ein achtlos auf einem Autobahnrastplatz weggeworfenen Salamibrötchen, das von einem Wildschwein aufgestöbert wird, die Seuche nach Deutschland bringen. So führt das Friedrich-Loeffler-Institut den Ausbruch in Tschechien auch auf den Fernverkehr zurück. Anders ließe sich die Distanz zu den Ausbruchsherden in der Ukraine nicht plausibel erklären.

Nicht ob, sondern wann

Die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest ist so groß, dass bereits regionale Veterinärbehörden wie der Landkreis Verden vor der Einschleppung warnen. Für den Verdener Kreisjägermeister Hilmar Kruse ist es inzwischen keine Frage mehr, ob die Afrikanische Schweinepest kommt, sondern wann.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat bereits Merkblätter in mehreren Sprachen für Saisonarbeiter aus den betroffenen Ländern in Osteuropa herausgegeben, damit diese die Seuche nicht aus Unkenntnis verbreiten. An Autobahnraststätten weisen Warnschilder die Fernfahrer auf die ­Seuche hin.

Jäger sind gehalten, tot aufgefundene Wildschweine umgehend den ­Behörden zu melden, um diese auf das ­Virus hin untersuchen zu lassen. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) sieht die Gefahr. Man müsse die Ausbreitung ernst nehmen, sagt er gegenüber dem WESER-KURIER.

Schweinefleisch soll vor dem Verzehr gut erhitzt werden

Problematisch sei vor allem, dass das Virus sowohl bei Haus- als auch bei Wildschweinen zirkuliere. Die Jagd auf Wildschweine zu intensivieren, sei aber auch keine Lösung. Dadurch würden sich die Bewegungsradien der Tiere nur vergrößern, sodass sich das Virus womöglich noch schneller ausbreite. An die Verbraucher appelliert Meyer, Schweinefleisch vor dem Verzehr gut zu erhitzen und eventuell kontaminierte Speisereste ordentlich zu entsorgen.

Für die Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Niedersachsen (ISN) wäre der Ausbruch der Seuche eine „wirtschaftliche Katastrophe“. Der Export käme zum Erliegen, die Preise würden massiv einbrechen und die Betriebe in existenzielle Not geraten, erklärt Sabine Kramer, die Sprecherin der Interessengemeinschaft.

Beim letzten Seuchenzug der klassischen Schweinepest in Niedersachsen Mitte der 90er-Jahre mussten allein im Weser-Ems-Gebiet 1,5 Millionen Tiere gekeult werden. Ein solches Szenario würde dort heute einen volkswirtschaftlichen Schaden von drei Milliarden Euro verursachen, so die ­ISN-Risiko-Analyse. Aber nicht nur die wirtschaftlichen Folgen wären gravierend. Auch der Imageschaden für die Branche wäre enorm, ganz zu schweigen von der psychischen Belastung für die betroffenen Landwirtsfamilien, betont ­Kramer.

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