Rekordverdächtig: Das Saterland liegt im Moor, deshalb hat sich hier das Alt-Ostfriesische erhalten Die kleinste Sprachinsel Europas

Saterland. Wer eine Fremdsprache sprechen möchte, der muss nicht über Niedersachsens Grenzen in die Niederlande reisen. Es reicht schon ein kleiner Ausflug auf die kaum 16 Kilometer lange Geest-Insel zwischen ­Oldenburg, Cloppenburg und Leer.
09.07.2017, 00:00
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Die kleinste Sprachinsel Europas
Von Martin Wein

Saterland. Wer eine Fremdsprache sprechen möchte, der muss nicht über Niedersachsens Grenzen in die Niederlande reisen. Es reicht schon ein kleiner Ausflug auf die kaum 16 Kilometer lange Geest-Insel zwischen ­Oldenburg, Cloppenburg und Leer. Dort, im historischen Saterland zwischen Ramsloh, Scharrel, Sedelsberg und Strücklingen, sprechen einige Menschen noch ihre ganz ­eigene Sprache. Deshalb reden sie natürlich auch nicht von Scharrel und Strücklingen, sondern von Skäddel und Strukelje und dem Seelterlound. Zur Sicherheit stehen aber ­beide Varianten auf den Ortsschildern.

Saterfriesisch ist seit 1999 als Minderheitensprache nach EU-Recht in Deutschland ganz offiziell anerkannt und genießt besonderen Schutz. Denn es hat mit Hochdeutsch wenig gemein – und auch mit niederdeutschem Platt nur bedingt. Im Institut für Germanistik an der Universität Oldenburg wird die Sondersprache zusammen mit dem Niederdeutschen akademisch betreut. Wie groß die Gruppe tatsächlich ist, die noch aktiv Saterfriesisch nutzt, weiß dort aber auch ein Experte wie Stefan Tröster-Mutz nicht genau zu sagen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Germanistik hat seine ­Magisterarbeit über die Phonologie der Sprache geschrieben. Er verweist auf die vielen Zwischentöne vom Grundverstehen bis zum täglichen Sprachgebrauch in Reinform, die eine Bestimmung des Sprecherkreises so schwer machten. Allgemein werde die Zahl der Sprecher auf 1000 bis 2000 Menschen taxiert. In der Hochburg Ramsloh etwa kann knapp jeder zweite Saterfriesisch, in Sedelsberg dagegen nicht mal mehr jeder zehnte. Die Redaktion für das Guinness-Buch der Rekorde ist nach Recherchen jedenfalls überzeugt: Das Saterland ist die kleinste Sprachinsel Europas.

Ursprünglich war die altertümliche Sprache dagegen bis zum Ausgang des Mittelalters in ganz Ostfriesland verbreitet. Auf der Flucht vor Überflutungen brachten Siedler sie dann irgendwann nach dem Jahr 1000 auch auf die Geestinsel mitten im Moor – im nördlichen Oldenburger Münsterland. Während die übrigen Friesen mit der Zeit zum Niederdeutschen wechselten, blieb das ­Saterfriesisch wie in einer Zeitblase erhalten. Schließlich war die Sprachinsel real nur per Boot über einen Zugang erreichbar. Und die Saterfriesen ließen sich von Autoritäten ohnehin ungern etwas vorschreiben. Im Zweifelsfall war es praktisch, unerwünschte Anordnungen schlicht nicht zu verstehen.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg galten Dialekte und Sondersprachen aber als unmodern und hinderlich für ein Leben in den Metropolen. Saterfriesisch schien todgeweiht. Denn über Jahrhunderte hatten die zumeist wenig gebildeten Bauersleute im Moor die Sprache zwar gesprochen. Sie hatten sich aber nie die Mühe gemacht, sie auch aufzuschreiben. So gab es keinerlei Überlieferung und auch keine verbindlichen Schreibweisen. Erst ein Außenseiter erkannte hierin seine Chance. 1985 zog der Germanist Marron Curtis Fort aus Boston nach Leer. Wenig später bekam der Afroamerikaner eine Professur für Niederdeutsch und Saterfriesisch in Oldenburg.

In den 1990er-Jahren hat er dann ein umfangreiches Wörterbuch vorgelegt, das zum Standardwerk im Umgang mit dem Saterfriesischen ­wurde. Inzwischen lernen rund 300 Kinder die Sprache ihrer Großeltern wieder freiwillig in den Kindergärten und in den Grundschulen der Gegend. Der Heimatverein „Seelter Buund“ hilft mit Ehrenamtlichen dabei und hat ein Modellprojekt zur Lehrerausbildung angeschoben. Und auch in die Sprachkurse des Oldenburger Instituts verirrt sich der eine oder andere Germanistik-Student mit dem Wunsch nach einer exotischen Zusatz-Qualifikation.

Doch damit droht der alten Sprache, gewissermaßen aus ihrer Isolation befreit, nun eine neue Gefahr. „Niemand spricht ja nur Saterfriesisch. Jeder kann auch Niederdeutsch und Hochdeutsch“, erklärt Tröster-Mutz. Im täglichen Gebrauch könnten sich spezielle Eigenarten abschleifen. So könnte das „abr“ doch über kurz oder lang zum hochdeutschen „aber“ werden. Ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter Leitung von Professor Jörg Peters soll aktuell klären, ob und in welchem Umfang es zu solchen phonetischen Verschiebungen kommt.

„Niemand spricht ja nur Saterfriesisch. Jeder kann auch Niederdeutsch und Hochdeutsch.“ Stefan Tröster-Mutz, Uni Oldenburg
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