Wahl zum Oberbürgermeister

Die „rote Hochburg" Hannover wackelt

Ende Oktober wählen die Bürger von Hannover einen neuen Oberbürgermeister. Die Rathaus-Affäre und das bundespolitische Tief der SPD werfen jedoch Fragen um das Abschneiden der Volkspartei auf.
16.08.2019, 20:27
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Die „rote Hochburg
Von Peter Mlodoch
Die „rote Hochburg" Hannover wackelt

Die unabhängige Kandidatin für den Oberbürgermeisterposten Iyabo Kaczmarek: Sie sieht sich als Netzwerkerin.

Peter Mlodoch

Der süßliche Geruch von Cannabis wabert am Schaufenster des Spielcasinos lang; zwei Männer in zerschlissenen Klamotten prosten sich lauthals mit Billig-Bier aus Plastikflaschen zu. Vier finster dreinblickende Mitarbeiter einen privaten Sicherheitsdienstes bauen sich im Halbkreis um die beiden Zecher auf, reden eindringlich auf sie ein. Für einen kurzen Moment scheint die Situation zu eskalieren; doch dann sehen die angetrunkenen Männer ein, dass sie hier besser Ruhe geben.

Eine alltägliche Szene auf dem Raschplatz am Hintereingang von Hannovers Hauptbahnhof. Das begehrte Wohnviertel List ist fußläufig durch einen unwirtlichen Tunnel erreichbar; Kinos, Kneipen und die bekannte Baggi-Disko umrahmen auf der Straßenebene das betonlastige Gelände. Drei Dutzend Treppenstufen weiter unter, dort, wo es von der großen Freifläche ins Tiefgeschoss des Bahnhofs mit Supermarkt, Sparkasse und Drogeriekette geht, tummelt sich die berüchtigte Trinker- und Drogenszene der Landeshauptstadt – laut und oft auch aufdringlich gegenüber Pendlern und Passanten.

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Seit Jahren versucht die Stadtverwaltung, mit Baumaßnahmen, schärferen Regeln, besserer Beleuchtung und viel Wachpersonal das Problem zu lösen oder zumindest einzudämmen – vergeblich. Jetzt werden der Raschplatz und andere soziale Brennpunkte der 535.000-Einwohner-Metropole neben Verkehrspolitik und Klimaschutz zum Hauptwahlkampfschlager für die Oberbürgermeisterwahl in gut zwei Monaten. Am 27. Oktober sollen die Bürger einen Nachfolger für den im Zuge einer Zulagenaffäre zurückgetretenen Amtsinhaber Stefan Schostok (SPD) küren.

Eckhard Scholz (CDU) steht für eine Mischung aus Härte und Sozialarbeit.

Eckhard Scholz (CDU) steht für eine Mischung aus Härte und Sozialarbeit.

Foto: Peter Mlodoch

Mit neuen Konzepten gegen das alte Problem

Die drei aussichtsreichsten der bisher insgesamt zwölf Kandidaten überschlagen sich geradezu mit neuen Konzepten gegen das alte Problem. SPD-Bewerber Marc Hansmann (48), früherer Stadtkämmerer und derzeitiger Vorstand des örtlichen Stromversorgers Enercity, will mit einem Kinderspielplatz einen weiteren stadtbekannten Trinkertreff aushebeln. Damit, so die Idee, ließe sich ein Alkoholverbot leichter durchsetzen. Sein CDU-Konkurrent, der ehemalige VW-Manager Eckhard Scholz (55), plädiert für eine Mischung aus Härte und Sozialarbeit. Der 38-jährige Grünen-Landtagsabgeordnete und Jurist Belit Onay (38) bringt eine „Sozialraumkonferenz“ ins Spiel, bei der Anwohner, Hilfsorganisationen und von Obdachlosigkeit selbst Betroffene gemeinsam nach Lösungen suchen sollen. Alle drei eint, dass sie auf Hau-drauf-Parolen verzichten.

Wer das Rennen in der einst roten Hochburg macht, gilt als völlig offen. Angesichts des großen Bewerberfeldes ist eine Stichwahl diesmal sehr wahrscheinlich. Die SPD könne hier mit einem Besenstiel gewinnen, hieß es früher von Hannover, wo zwischen 1972 und 2006 die Bürgermeister-Legende Herbert Schmalstieg residierte. Angesichts des allgemeinen Absturzes der SPD und ihrer speziellen Probleme vor Ort mit den illegalen Gehaltszuschlägen im Rathaus wittert die CDU Morgenluft. „Die Chancen sind so gut wie nie zuvor. Dieses Rennen ist nicht entschieden“, erklärt Landtagsfraktionschef Dirk Toepffer, der 2006 als OB-Kandidat gegen den damaligen SPD-Stadtkämmerer Stephan Weil geradezu untergegangen war. Der heutige Ministerpräsident wiederum spielt die Filzaffäre als nicht wahlentscheidend herunter und setzt auf die Qualitäten des promovierten Volkswirts Hansmann (siehe Interview).

Lachender Dritter könnte der grüne Innenexperte Onay sein, der das Rathaus als ehemaliger Ratsherr bereits von innen kennt und mit seiner jungen Familie fest in Hannovers aufstrebender Nordstadt verwurzelt ist. Bei der Europawahl am 26. Mai holte seine Partei in Hannover 31,1 Prozent und landete damit weit vor der CDU (19,7 Prozent) und der SPD mit 19,5 Prozent. Wie die CDU leiden die Grünen allerdings unter dem Manko, dass sie trotz aller Mühen keine geeignete Frau zur Kandidatur bewegen konnten.

SPD Hannover - Marc Hansmann

SPD-Kandidat Marc Hansmann

Foto: Julian Stratenschulte /dpa

Keinen starren Parteistrukturen untergeordnet

In diese Lücke will die unabhängige Kandidatin Iyabo Kaczmarek (45) stoßen. Die freischaffende Kulturproduzentin, die als Geschäftsführerin eines Flüchtlingsprojekts aktiv ist, sieht sich als „totale Netzwerkerin“, die sich nicht irgendwelchen starren Parteistrukturen unterordnen will. Deutlich mehr direkte Bürgerbeteiligung nennt die in Hannover geborene Tochter eines Nigerianers und einer Niederschlesierin als ihr Wahlprogramm. „Die Menschen hier sollen sich wieder mit ihrer Stadt identifizieren.“ Dank eines großen Unterstützerkreises hatte die quirlige Frau schnell die notwendigen Unterschriften für ihre Kandidatur beisammen und hofft nun auf mehr als einen Achtungserfolg Ende Oktober.

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Dieses Ziel nimmt auch die AfD mit dem ehemaligen Bundeswehr-General Joachim Wundrak ins Visier. Der 64-Jährige fordert unter anderem, den „Migrationsdruck auf die Stadt“ zu verringern – ungeachtet der Tatsache, dass die Zahl der Flüchtlinge längst wieder sinkt und Hannover mehrere Unterkünfte geschlossen hat. Wundraks Kandidatur hat bei früheren Kollegen in der Truppe heftige Kritik ausgelöst; er selbst weist Bedenken, dass seine Partei nach rechts wegrutsche, als haltlos zurück. Ebenfalls mit eigenen Bewerbern ziehen Linke, Piraten und die Satire-Partei in den Wahlkampf. Außer Kaczmarek treten drei weitere unabhängige Kandidaten an. Die Bewerbungsfrist für den Job als Stadtoberhaupt läuft noch bis zum 23. September.

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