Afrikanische Schweinepest Die Seuche kommt näher

„Wir wissen nicht wann, aber dass sie kommt, davon gehen wir aus“, sagte die niedersächsische Agraministerin Barbara Otte-Kinast. Das Land wappnet sich gegen die nahende Afrikanische Schweinepest.
26.01.2018, 10:56
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Die Seuche kommt näher
Von Silke Looden

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Afrikanische Schweinepest Niedersachsen erreichen wird. „Wir wissen nicht wann, und wir wissen nicht wo, aber dass sie kommt, davon gehen wir aus“, sagt Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). Das für den Menschen ungefährliche Virus rafft Schweine binnen einer Woche dahin. Ein Impfstoff ist nicht in Sicht. Im Falle eines Ausbruchs wäre Niedersachsen besonders betroffen. In 6000 Betrieben werden hierzulande 8,5 Millionen Schweine gehalten.

„Das Virus ist nur noch 200 bis 300 Kilometer entfernt“, weiß der Sprecher im niedersächsischen Agrarministerium in Hannover, Klaus Jongebloed. In Polen und Tschechien sind die Folgen des Ausbruchs bereits verheerend. Schon ein einziger Seuchenfall in Niedersachsen würde umfangreiche Handelsbeschränkungen nach sich ziehen, erklärt der Sprecher. Betroffene Bestände müssten gekeult werden, um die Ausbreitung des Virus‘ einzudämmen. Schweinefleisch aus Niedersachsen wäre quasi unverkäuflich. Der mögliche wirtschaftliche Schaden ist kaum kalkulierbar.

Einschleppungsrisiko besteht immer

„Es besteht jederzeit das Risiko der Einschleppung“, sagt die Sprecherin des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, dem Friedrich-Loeffler-Institut, Kristin Schalkowski. Zwar geschehe die Ausbreitung innerhalb der betroffenen Länder nur langsam, komme aber der Mensch ins Spiel, könne das Virus schnell über große Distanzen transportiert werden. Fernfahrer, Saisonarbeiter oder Touristen könnten das Virus verbreiten, in dem sie ein kontaminiertes Wurstbrot aus Polen oder Tschechien auf einem deutschen Rastplatz wegwerfen, das dann von einem Wildschwein aufgestöbert und gefressen wird.

Ist das Virus erst einmal da, ist es nur schwer wieder loszuwerden. „Der Erreger ist mit mehr als 150 Genen ein sehr komplexes Virus, das sich der Immunabwehr seiner Wirte entzieht“, erklärt die Fachfrau vom Institut. So waren die üblichen Ansätze zur Impfstoffentwicklung bisher erfolglos. Um eine Einschleppung zu verhindern, hat die niedersächsische Agrarministerin die Wildschweine zum Abschuss freigegeben. Jäger, die mehr Schwarzkittel erlegen als bisher, bekommen pro Tier 50 Euro Prämie. Ex-Agrarminister Christian Meyer (Grüne) hatte im vergangenen Jahr genau davor gewarnt. Weniger Wildschweine bedeuteten am Ende größere Reviere der einzelnen Tiere, sodass sich das Virus noch schneller verbreite.

Tierschützer kritisieren Wildschwein-Fokus

Tatsächlich vermehren sich die Wildschweine seit Jahren rasant. Monokulturen wie Raps und Mais sind nicht nur nährstoffreiches Futter für die Wildtiere, sondern auch eine ideale Deckung. So vergrößern sich die Bestände, obwohl die Jäger im Land bereits 50 000 Wildschweine pro Jahr zur Strecke bringen. Entsprechend ist der Preisverfall beim Wildbret vom Wildschwein. Die Agrarministerin rief im Landtag dazu auf, Wildschweinprodukte zu essen.

Tierschützer kritisieren den Fokus auf den Wildschweinen. „Statt Maßnahmen zur sicheren Müllentsorgung an Raststätten zu ergreifen und den Import von Fleisch, Schlachtprodukten, Sperma oder Gülle aus bereits betroffenen Regionen zu unterbinden, sollen nun völlig sinnlos Tiere erschossen werden“, klagt Sandra Franz, Sprecherin der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch. Ein Importverbot würde nichts bringen, meint Ministeriumssprecher Jonge-bloed. Die Ware sei kontrolliert und verpackt, also ungefährlich. Unterdessen hat das Wirtschaftsministerium die Autobahnmeistereien am Donnerstag angewiesen, Wildschutzzäune und Abfallbehälter auf Parkplätzen zu kontrollieren.

Unsicherheitsfaktor Mensch

Der Präsident der Landesjägerschaft Helmut Dammann-Tamke macht sich keine Illusionen über die Wirksamkeit der Wildschweinjagd: „Der eigentliche Unsicherheitsfaktor ist der Mensch.“ Wenn das Virus nur über Wildschweine übertragen würde, so Dammann-Tamke, hätten wir wahrscheinlich noch ein paar Jahre Zeit bis zu einem Ausbruch. Immerhin gebe es in den Landkreisen mit besonders hoher Viehdichte wie Cloppenburg, Vechta, Emsland und Diepholz relativ wenige Wildschweine. In Rotenburg, Osterholz und Verden ließen sich die Bestände durch die Jagd dezimieren. Im stark bewaldeten Südniedersachsen sei das aber nicht zu schaffen.

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3,5 Millionen Euro hat die Landesregierung im Nachtragshaushalt genehmigt, um präventiv gegen die Seuche vorzugehen. Davon werden nicht nur die 50 Euro pro zusätzlich erlegtem Wildschwein bezahlt, sondern auch die zusätzlichen Untersuchungen von Wild- und Hausschweinen zur Früherkennung. Zudem will das Land fünf Spezialcontainer samt Ausrüstung für den Ernstfall beschaffen, um verendete Wildschweine sicher zu entsorgen.

Abschottung der Hausschweine

„Natürlich setzen die Tierhalter alles daran, die Seuche aufzuhalten“, sagt die Sprecherin des niedersächsischen Bauernverbands Landvolk, Gabi von der Brelie. Zu den Vorsorgemaßnahmen zählt vor allem die Stallhygiene wie die Desinfektion von Arbeitskleidung und Gerät, aber auch die Abschottung der Hausschweine von Wildschweinen. Das Landvolk rät seinen Mitgliedern, eine Versicherung für Betriebsunterbrechungen abzuschließen. Sollten Nutztiere getötet werden müssen, zahlt die Tierseuchenkasse eine Entschädigung.

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Niedersachsen warnt vor Hysterie. So machten Falschmeldungen über den Ausbruch der Schweinepest in Deutschland die Runde. „Die Schweinepest grassiert seit Jahren in verschiedenen osteuropäischen Ländern. Daran hat sich aktuell nichts geändert“, erklärt Sprecher Matthias Quaing.

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