Ihlpohler Genossin

Dienstältestes SPD-Mitglied wird 100

An diesem Sonntag wird Luise Nordhold 100 Jahre alt. Bereits seit 1931 ist die Dame aus Ritterhude-Ihlpohl in der SPD - und damit das dienstälteste Mitglied der Partei.
12.03.2017, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Dienstältestes SPD-Mitglied wird 100
Von Norbert Holst

An diesem Sonntag wird Luise Nordhold 100 Jahre alt. Bereits seit 1931 ist die Dame aus Ritterhude-Ihlpohl in der SPD - und damit das dienstälteste Mitglied der Partei.

Das knallrote Parteibuch ist in die Jahre gekommen. Es stammt aus der Nachkriegszeit. Die Seiten mit der Satzung der SPD sind vergilbt, aber die Beitragsmarken kleben noch immer. Das Buch steht für ein Leben als Sozialdemokratin. Bei Luise Nordhold ist es vor allem auch ein Stück gelebte Arbeitergeschichte. An diesem Sonntag feiert die Frau aus Ritterhude-Ihlpohl ihren 100. Geburtstag. Im April 1931 ist sie in die SPD eingetreten und ihrer Partei immer treu geblieben – fast 86 Jahre lang. Damit ist sie das dienstälteste SPD-Mitglied in ganz Deutschland.

Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind Luise Nordhold bis heute wichtig. Wehklagen und Selbstmitleid sind der zierlichen Frau immer fremd gewesen. „Natürlich, wir haben immer Angst gehabt“, schildert sie etwa in bemerkenswert nüchternem Ton den Moment, als sie erstmals in ihrem Leben Todesängste ausstehen musste. Mit 16 Jahren bat ihr Vater sie, eine gefährliche Mission zu übernehmen: Luise Nordhold geht reihum zu den Genossen und sammelt Geld für die Familien von KZ-Häftlingen ein. Die Familien blieben damals unversorgt, wenn die Männer im Zuchthaus oder im Konzentrationslager gelandet waren. „Geh nur hin und sag den Leuten, dass du meine Tochter bist, dann wissen die Bescheid“, sagt Wilhelm Haverich.

In dieses Milieu wird Luise 1917 hineingeboren. Ihr Vater ist Dreher bei der AG Weser, ihre Mutter Tine ist Hausschneiderin. Die Goldenen Zwanziger gibt es für die junge Familie nicht. Die Haverichs leben in bescheidenen Verhältnissen. Sparsamkeit ist das oberste Gebot. Dennoch: „Wir hatten es gut und immer was zu essen“, erinnert sich die wache Zeitzeugin an ihre Kindertage. Essen, warme Kleidung, Holz und Kohlen für den Winter, das war wichtig. Die Lehrer empfehlen, sie auf die „höhere Schule“ zu schicken. Doch die ist zu teuer, Luise muss verzichten. Sie schildert selbst diese harte Zeit mit einem altersmilden Lächeln. Nur dann und wann wirkt sie auch energisch – ein Charakterzug, der sie schon als kleines Kind ausgezeichnet haben soll. Bemerkenswert: Die Ihlpohlerin braucht auch in einem langen Gespräch kaum Pausen zum Überlegen. „Bis 1923 zurück kann ich mich ganz genau erinnern“, betont sie.

Beginn in SPD-nahen Jugengruppen

So auch an die Jahre in den Jugendorganisationen der Arbeiterbewegung. Luise und ihre Brüder Willi und Georg waren zuerst bei den „Kinderfreunden“, anschließend mit 15 Jahren in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Beide Gruppen galten als SPD-nah. „Ich war stolz darauf, eine rote Fahne zu tragen“, erzählt Nordhold. Es werden Ausflüge gemacht, Zeltlager organisiert, Kundgebungen unterstützt – und viel gemeinsam gesungen.

Ihr ganzes Leben lang bleibt es bei der Liebe zur Musik. Davon zeugt heute noch ein braunes Klavier in der Ecke des Wohnzimmers. Doch wichtiger war es für sie, Gitarre zu spielen. „Die Gitarre war immer dabei, wenn ich unterwegs war“, sagt Nordhold. Sie mag Volkslieder, vor allem die von Hermann Löns. Nach dem Krieg trat sie häufig zusammen mit Annemarie Mevissen auf. Die spätere Senatorin wurde 1947 für die SPD als jüngste Abgeordnete in die Bremische Bürgerschaft gewählt. Nordhold erinnert sich noch gut an den – heute nicht mehr nachvollziehbaren – Wirbel um diese Personalie: „Die Genossen waren dagegen, nur weil Annemarie Mevissen eine Frau war.“

Die Zeit in den sozialistischen Jugendorganisationen hat Nordhold aber weit über die Musik hinaus geprägt. Sie engagiert sich, will zusammen mit anderen etwas für andere tun. So ist sie im Oktober 1945 eines von sieben Gründungsmitgliedern des Ihlpohler SPD-Ortsvereins. Später sitzt sie im Ihlpohler Gemeinderat. Drei Wahlperioden gehörte sie dem Gremium an. Zudem ist sie zwölf Jahre lang Vorsitzende des Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt. Die Gemeinde Ritterhude, zu der Ihlpohl mittlerweile gehört, würdigt ihr großes Engagement 1983 mit einer Ehrenurkunde für besondere Verdienste.

Interesse an Politik besteht weiterhin

Wer rastet, der rostet. Luise Nordhold hat dieses Motto lange vorgelebt – auch wenn sie heute einen Rollator benutzen muss. Noch bis ins Alter von 96 Jahren ging sie mit einer Freundin einmal in der Woche zum Schwimmen ins Allwetterbad in Osterholz-Scharmbeck. „Ich bin ein Fisch und fühle mich im Wasser am wohlsten“, sagt sie und schmunzelt über diesen Spruch. Trotz ihres gesegneten Alters erledigt sie den leichteren Teil der Hausarbeit immer noch selbst, auch wenn sie häufiger mal ein Päuschen einlegen muss. Sie liest, so gut es geht, die Zeitung, schaut Fernsehen, hält sich auf dem Laufenden. Noch immer interessiert sich die Sozialdemokratin für Politik. Und sie hat klare Meinungen: etwa zur AfD („Nimmt uns die Frauenrechte“), zur Elbvertiefung („Ein Fehler, der ist nie wieder gutzumachen“) oder zu Russland („Wir sollten den Kontakt mit dem Osten wiederherstellen, auch wenn wir Putin nicht mögen“).

Doch vor dem Frieden und dem Familienglück mit Ehemann Richard und den Kindern Walter, Heiko und Hildegard lagen schlimme Jahre. Die Nazis marschieren auf. Nordhold ist von einer Parole felsenfest überzeugt: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“ Ihr Vater hatte Hitlers „Mein Kampf“ gelesen und mit seinen Kindern häufig darüber diskutiert. Wilhelm Haverich sagt aber auch: „Dieses System hält nicht lange.“

Doch dieses System konnte seiner Familie lebensgefährlich werden. Das zeigt sich im März 1933 in Walle. Luise Nordhold kommt von einer Kundgebung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, einem Zusammenschluss der demokratischen Parteien der Weimarer Republik gegen Feinde von links und rechts. „Als wir von der Kundgebung kamen, wurde in Walle auf uns geschossen. Wir liefen um unser Leben. Obwohl Hitler noch gar nicht gewählt war, verfolgte man uns.“ Bei dem Überfall der SA-Schergen an der Ecke Waller Heerstraße/Gerdstraße wurde der Sozialdemokrat Johann Lücke getötet, drei Menschen wurden verletzt.

Im Krieg zweifach ausgebombt

Auch die Anzeichen auf den nahenden Krieg nahmen zu. In Bremen wurden in den 30er-Jahren Schiffe wie noch nie gebaut. Auch die AG Weser profitierte von dem Boom, dort arbeitete Richard Nordhold. Manche der Werftarbeiter wussten: Die Transport- und „Kraft durch Freude“-Schiffe ließen sich mit leichten Umbauten militärisch einsetzen. Mit dem Krieg kam das nächste Unheil. Immer häufiger gab es Fliegerangriffe auf Bremen.

Im Juli 1944 wird das Ehepaar Nordhold mit seinem damals fünfjährigen Sohn Walter ausgebombt. Der Häuserblock mit ihrer Wohnung gleicht einem Trümmerberg. Die Familie wechselt nach Findorff. Doch am Abend des 13. August tönen schon wieder Alarmsirenen. Das Radio meldet, dass die Bomber sich über die Hansestadt hinweg auf Berlin zubewegen. So entscheiden sich die Nordholds, im Keller Schutz zu suchen und nicht in einen Bunker zu flüchten. Ein Fehler, wie sich zeigen sollte. Luise Nordhold erinnert sich noch genau: „Die Bomben fielen und fielen. Die Erde bebte. Die Balken im Keller pendelten hin und her. Einweckgläser flogen durch die Luft.“

Als das Ehepaar den Keller verlässt, bietet sich ein Bild des Grauens. „Es brannte alles, vor lauter Feuer konnte man nichts mehr sehen.“ Die Phosphorbomben der Alliierten hatten eine regelrechte Feuerwalze in der Stadt ausgelöst. Luise Nordhold wird für einen kleinen Moment etwas unruhig, als sie an die Bombennacht zurückdenkt: „Die Feuersbrunst kann sich niemand vorstellen. Das ist für mich jahrelang ein Albtraum geblieben.“ Doch die Nordholds bleiben unverletzt – waren aber erneut ausgebombt. „Wir hatten nichts mehr“, sagt Nordhold. Die Familie kommt schließlich in einer Behelfssiedlung für ausgebombte AG Weser-Arbeiter in Ihlpohl unter.

Willy Brandt habe sie sehr geschätzt

Ein Jahr später ist der Nazi-Spuk vorbei. Als die Amerikaner einmarschieren, winken Luise Nordhold und ihre Genossen den Truppen freundlich zu. Die Demokratie kommt zurück! Und ganz wichtig: Die SPD ist wieder eine legale Partei.

Gleich 15 Bundesvorsitzende hat Nordhold im Laufe ihrer langen Parteimitgliedschaft erlebt. Wer war der Beste? Da muss sie nicht lange überlegen: „Willy Brandt, unterstützt von Egon Bahr, habe ich sehr geschätzt.“ Vor allem die neue Ostpolitik der beiden hält sie für eine epochale Leistung, die vielleicht sogar einen Krieg verhindert habe. Sigmar Gabriel, der Noch-Vorsitzende, hat es ihr ebenfalls angetan. „Er war auf einem guten Weg“, meint sie. Auf einem Parteitag 2013 in Leipzig hat sie Gabriel bei einem Empfang kennengelernt. „Luise, dich habe ich gesucht“, hat ihr damals der SPD-Chef zugerufen. Gabriel war durch einen Zeitungsartikel auf Nordhold aufmerksam geworden. Stolz ist sie auf die Urkunde der SPD für ihre 85-jährige Mitgliedschaft – persönlich unterzeichnet von Gabriel.

Auch beim Bremer SPD-Spitzenpersonal muss die Seniorin nicht lange überlegen. „Hans Koschnick war der Beste“, sagt sie im Brustton der Überzeugung. Der legendäre Bürgermeister sei ja unter ganz ähnlichen Umständen aufgewachsen wie sie selbst. Koschnick zierte eine Bescheidenheit und eine Verbundenheit zu einfachen Menschen, die Nordhold in der heutigen SPD zuweilen vermisst. So hat es die Zeitzeugin richtig geschmerzt, als im Bundestagswahlkampf 2013 die üppigen Vortragshonorare für den damaligen Spitzenkandidaten Peer Steinbrück bekannt wurden. Sie musste sich Sätze anhören, wie: „Seht, das sind eure Genossen!“ Und nun, mit dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz? „Er hat Schwung in die SPD gebracht, aber es dürfen keine Versprechen bleiben.“

Martin Schulz will Nordhold in Rede bedenken

An ihrem 100. Geburtstag wird Luise Nordhold wohl wenig Zeit haben, an Politik zu denken. Sie feiert ihren Ehrentag mit Verwandten, Freunden und Bekannten. Wie der KURIER AM SONNTAG erfahren hat, will auch der designierte SPD-Chef Schulz der Ihlpohlerin einen herzlichen Glückwunsch aussprechen – in einer Rede, die er an diesem Sonntag in Kamen hält.

Bleibt am Ende noch eine Frage: „Wie schafft man es eigentlich, 100 Jahre alt zu werden?“ Luise Nordhold lacht laut und antwortet spontan: „Gute Gene.“ Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich war immer eine Frohnatur. Ich habe nie große Ansprüche gestellt, sondern mich auch an den kleinen Dingen erfreut.“

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