Jade-Weser-Port als Einfallstor Durch Exoten drohen Millionenschäden

Wilhelmshaven. Der Jade-Weser-Port könnte zu einem Haupteinfallstor für Bioinvasionen in die deutsche Nordsee werden. Wissenschaftler fordern deshalb ein konsequentes Monitoring, um eingeschleppte Arten aus anderen Meeren absammeln und entfernen zu können, bevor sie heimisch werden.
21.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Wein

Wilhelmshaven. Der Jade-Weser-Port könnte zu einem Haupteinfallstor für Bioinvasionen in die deutsche Nordsee werden. Wissenschaftler fordern deshalb ein konsequentes Monitoring, um eingeschleppte Arten aus anderen Meeren absammeln und entfernen zu können, bevor sie heimisch werden.

"Mit dem Ballastwasser von Schiffen werden jede Sekunde rund 60 bis 70 exotische Arten in die Nordsee gepumpt", sagt Meeresforscher Achim Wehrmann in seinem Labor des Forschungsinstituts Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven gleich hinter dem Deich. Allerdings können die meisten Immigranten unter den neuen Bedingungen nicht überleben oder sich erfolgreich fortpflanzen. Der Klimawandel öffnet den Exoten jedoch zunehmend neue Nischen: Nachdem die Nordsee im Küstenbereich in den vergangenen 15 Jahren um 1,4 bis 1,6 Grad wärmer geworden ist, erreicht das Wasser jetzt jeden Sommer den kritischen Temperaturwert von 19 bis 20 Grad, den viele Tiere aus wärmeren Gefilden zur Brut benötigen.

Blinde Passagiere am Schiffsrumpf

Besonders der neue Containerhafen in der Jademündung biete fremden Arten beste Möglichkeiten zur Ansiedlung: Dafür sorgten neben einer mehrere Kilometer langen Kaikante zum Ansiedeln auch das gut gewärmte Kühlwasser von demnächst zwei Kohlekraftwerken in direkter Nachbarschaft. "Wenn die neuen großen Containerriesen 18 oder 20 Stunden am Kai liegen, wird mancher blinde Passagier am Schiffsrumpf genug Zeit haben, sich absetzen", glaubt Wehrmann. Erst ab 2016 wird eine Konvention der International Maritime Organization (IMO) die Reinigung des Wassers vorschreiben, vorausgesetzt es ratifizieren sie auch genug Staaten.

130 mit bloßem Auge sichtbare Arten vor allem aus dem Nordwest-Atlantik und aus den Gewässern Südostasiens sind in den vergangenen Jahrzehnten in die Nordsee eingeschleppt worden. Oftmals haben sie keine natürlichen Feinde und können sich deshalb ungehindert vermehren. In den USA schätzt man die Folgekosten durch Bioinvasionen auf 120 Milliarden Dollar jährlich. Auch in Deutschland ist der wirtschaftliche Schaden enorm. Der Schiffsbohrwurm etwa frisst sich an hiesigen Küsten gierig in Spundwände, Siel- und Schleusentore und verursacht jährlich Kosten von sechs bis sieben Millionen Euro. "In der Ostsee gab es mehrfach ein Wettrennen mit Archäologen um historische Schiffswracks. Kamen die Forscher zu spät, blieben fast nur Löcher", sagt Wehrmann. Damit gehe auch kulturelles Erbe verloren.

Die Chinesische Wollhandkrabbe gräbt sich dagegen in Deichbefestigungen, Dämme oder Dünen. Im Dezember 2006 gingen Biologen vor Helgoland erste Exemplare der kaum daumengroßen Rippenqualle Mnemiopsis leidyi ins Netz. Im Schwarzen Meer fraß die ursprünglich von den Küsten Neuenglands stammende Art 90 Prozent der Fischbrut eines Jahrgangs auf und brachte damit die Fischerei fast zum Erliegen. Ähnliches ist auch in der Nordsee in den kommenden Jahren nicht auszuschließen.

Bekanntester Migrant ist die Pazifische Auster

Das bekannteste Beispiel ist allerdings die Pazifische Auster: 1998 war sie in der Nordsee aufgetaucht. Das wärmere Meerwasser hatte gerade den kritischen Wert überschritten, den die Auster für ihren Nachwuchs benötigt. Elf Jahre später hatte ihr Bestand im deutschen Watt ein Gesamtgewicht von 140000 Tonnen erreicht. "Statt der typischen Miesmuschelbänke haben wir nun Austernriffe", sagt Wehrmann. Die traditionelle Miesmuschelfischerei ist tot. "Manche wollten die Austern einfach abtragen. Aber wie soll man 14000 Tonnen entsorgen?"Die Artenvielfalt habe mit der Auster sogar zugenommen. Allerdings ist das Wattenmeer ein Lebensraum mit wenigen spezialisierten Arten in riesigen Mengen. Diese Tatsache unter anderem macht es zur zentralen Raststation vieker Zugvogelarten. Damit das Wattenmeer seinen einzigartigen Charakter und damit seinen UNESCO-Welterbeschutz behält, sei auch die Nationalparkverwaltung für ein Monitoring aufgeschlossen. Allerdings muss auch das Land Niedersachsen begreifen, dass im Meer Vorsorge besser ist als nachträgliche Schadensbegrenzung.

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