Nach OP kann Ostfriese nur mit Morphium leben Ein falscher Schnitt

Ohne Morphium kann Ralf Weber seit sieben Jahren nicht mehr leben. Am 5. November 2009 wurde Weber in der Ammerland-Klinik in Westerstede operiert – rechtswidrig wie das Oberlandesgericht Oldenburg urteilte.
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Ein falscher Schnitt
Von Martin Wein

Ohne Morphium kann Ralf Weber seit sieben Jahren nicht mehr leben. Am 5. November 2009 wurde Weber in der Ammerland-Klinik in Westerstede operiert – rechtswidrig wie das Oberlandesgericht Oldenburg urteilte.

Ralf Weber spricht leise und ein wenig zu langsam. „Das Schlimmste ist diese lähmende Trägheit“, sagt der Ostfriese. Weber sitzt in der Küche seiner Eltern in der Landgemeinde Uplengen und kann die Müdigkeit kaum unterdrücken. Erst am Morgen hat der 25-Jährige sich wieder einige Stunden ins Bett gelegt. „Das Morphium am Morgen und Abend macht mich zu einem ganz anderen Menschen“, sagt er.

Ohne das starke Schmerzmittel kann Ralf Weber seit sieben Jahren nicht mehr leben. Damals, am 5. November 2009, wurde Weber in der Ammerland-Klinik in Westerstede operiert – rechtswidrig wie das Oberlandesgericht Oldenburg im November 2016 rechtskräftig in zweiter Instanz urteilte. Am Morgen zuvor hatte der 17 Jahre alte angehende Kfz-Mechatroniker nichts ahnend unter einer Mähmaschine gelegen und geschraubt. Rumschrauben, das war sein großes Hobby und es sollte auch sein Beruf werden. Ein Studium zum Flugzeugmechaniker wollte er machen – und privat den Segelschein. Doch plötzlich spürte Weber ein starkes Stechen im Brustkorb. Als die Schmerzen am Abend nicht nachließen, fuhr sein Vater den Jugendlichen in die nächstgelegene Klinik. Dort zeigte sich im Röntgenbild ein Riss in der Lungenspitze. Spontanpneumothorax nennen Mediziner das.

Vor allem junge Männer betroffen

So etwas passiert vor allem schlanken, jungen Männern zwischen 18 und 35, häufig Rauchern nach starkem Abhusten. Durch ein 4,5 Zentimeter langes Loch entwich bei jedem Atemzug Luft aus Webers Lunge in den Brustkorb. Dort aber muss Unterdruck herrschen, damit die Lunge nicht zusammenklappt. Eine ernste Sache also. Der Chirurg aber beschwichtigte, solche Fälle habe er ständig. Schon am nächsten Tag riet er Vater und Sohn zur Operation. Stunden später wachte Weber wieder auf – und hatte fürchterliche Schmerzen.

„Mir wurde die Lungenspitze mit Talkumpuder großflächig am Rippenfell festgeklebt“, erklärt der Patient. Über die Risiken des Eingriffs seien er und sein Vater nicht angemessen aufgeklärt worden. Tatsächlich wurde der Aufklärungsbogen nicht vom Operateur selbst unterschrieben. Es sieht deutlich danach aus, dass der Bogen nachträglich beschriftet wurde. Der Vater sagte später unter Tränen, er habe im Schwestern-zimmer einen Blanko-Wisch für den minderjährigen Sohn unterschrieben. Über die konservative Standard-Therapie eines ­Dränageschlauches, bei der die Luft aus dem Zwischenraum abgesaugt wird, habe man kaum gesprochen – und über die nicht ganz unerheblichen Risiken der Operation gar nicht. Der Operateur behauptete dagegen, Weber habe Angst vor den Schmerzen bei der Dränage gehabt. Später nannte er den eigenen Patienten angeblich ein „Weichei“.

Unvorhergesehene Schmerzwellen

Nur vier Tage nach dem Eingriff wurde Ralf Weber entlassen. Gesund war er allerdings nicht. Sein Hausarzt und Fachkollegen in einer Berliner Lungen-Fachklinik attestierten ein „chronisches Schmerzsyndrom Grad ll mit ausgeprägter biopsychosozialer Beeinträchtigung“. Ohne Morphium hielt es der Patient nicht mehr aus. Noch heute hat er unvorhersehbare Schmerzwellen, braucht immer wieder einen Notarzt. Die Berliner Experten machten ihm wenig Hoffnung auf Besserung. Einen Therapieansatz gebe es nicht. Die Lehre musste er daraufhin abbrechen. „Handwerkliches ging gar nicht mehr“, erzählt er traurig. Mit Mühe schaffte Weber die Fachhochschulreife trotz vieler Fehltage. Das Maschinenbau-Studium an der Fachhochschule Ostfriesland in Emden schaffte er nicht. Im März 2015 wurde Weber nach mehreren Krankheitssemestern exmatrikuliert. Seine Eltern mussten in all der Zeit für ihn aufkommen, zuletzt selbst den vollen Krankenversicherungsbeitrag für ihren kranken Sohn zahlen. Schlimmer aber wiegen die Schuldgefühle. Der Vater erlitt im vergangenen Herbst einen Schwäche-­anfall.

Dabei sah es im November so aus, als ob höhere Instanzen nun doch ein Einsehen hätten. Nachdem das Oldenburger Landgericht zunächst auf der Grundlage eines von der Klinik vorgeschlagenen Gutachters die Forderungen auf Schmerzensgeld und Schadenersatz erst im Sommer rundweg abgelehnt hatte, hat das Oberlandesgericht ­Oldenburg dieses Urteil nun kassiert. „Es wird festgestellt, dass die Beklagte verpflichtet ist, dem Kläger sämtlichen materiellen sowie weiteren immateriellen Schaden aus der (…) rechtswidrig durchgeführten videoassistierten Thorakoskopie zu erstatten“, schreibt der Richter unmissverständlich in seinem Urteil. Ein Behandlungsfehler sei zwar nicht nachweisbar, die Angaben des Arztes zur Aufklärung aber nicht schlüssig und glaubhaft. Während Patienten den Behandlungsfehler nachweisen müssen, muss der Arzt die korrekte Aufklärung beweisen. Das konnte er nicht. Die Operation sei damit eine Körperverletzung, sagte der Vorsitzende Richter in der Verhandlung.

Teure Folgekosten

Eigentlich müsste das Landgericht jetzt zeitnah die Entschädigungssumme festlegen. Familie Weber verlangt 15.000 Euro Schmerzensgeld und gut 17.000 Euro Auslagenersatz für Kosten, die nicht von der Krankenkasse übernommen wurden. Teurer dürften die Folgekosten werden, falls der Patient nun lebenslang arbeitsunfähig bleibt.

Die Ammerland-Klinik, die sich auf Anfrage dieser Zeitung zu dem Fall mit Verweis auf den Datenschutz und das laufende Verfahren nicht äußern möchte, stellt sich weiter quer. Beim Bundesgerichtshof hat sie Wiederzulassungsbeschwerde eingereicht, wohl wissend, dass ihre Chancen dort bei unter zehn Prozent liegen. Für den Betroffenen kostet die Volte kostbare Zeit. „Wir alle sind inzwischen schon ganz zermürbt“, sagt Ralf Weber mit leiser Stimme. Das Schmerzmittel sorgt dafür, dass er sich nicht einmal mehr richtig aufregen kann.

In den vergangenen Jahren hat er immerhin versucht, sich abzulenken. Weil Sport, Disco und andere Freizeitbeschäftigungen junger Leute ausscheiden, sucht er sein Glück in der Vergangenheit. Auf dem Dachboden fand er alte Feldpostbriefe seines Großvaters, hat davon ausgehend alte Nachbarn nach ihren Kriegserinnerungen befragt. „Eine Dame ist 93 Jahre alt und inzwischen wie meine eigene Oma. Wenn ich mich ein paar Tage nicht melde, weil es mir nicht gut geht, fragt sie jeden Tag nach mir“, erzählt Weber. Seit einigen Monaten hat der junge Mann nun auch eine gute Freundin. Sie sitzt auf seinem Schoß und spitzt die Ohren. Mischlingshündin Lucy ist noch klein. Aber sie spürt, dass ihr Besitzer viel Ruhe und Zuneigung braucht. „Wenn ich mich hinlege, kommt sie stundenlang dazu. Das ist wirklich ein Lichtblick“, sagt der Ostfriese.

Ganz hat Ralf Weber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann ein halbwegs normales Leben zu führen. Vor allem treibt ihn jetzt aber um, andere Menschen vor vorschnellen Behandlungen zu warnen. Und wie Patientenschützer (etwa die der Deutschen Stiftung Patientenschutz) wünscht er sich, dass Mediziner künftig nachweisen müssen, dass sie korrekt behandeln. „Wir Patienten sind da doch immer auf der schwachen Seite.“

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