Syrer in Sumte angekommen Ein Flüchtling pro Einwohner

Die ersten einhundert Flüchtlinge sind am Montagabend in Sumte eingetroffen. Bis zu 750 Personen will das Land Niedersachsen in dem 100-Seelen-Dorf im Landkreis Lüneburg unterbringen.
02.11.2015, 19:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Flüchtling pro Einwohner
Von Silke Looden

Die ersten einhundert Flüchtlinge sind am Montagabend in Sumte eingetroffen. Bis zu 750 Personen will das Land Niedersachsen in dem 100-Seelen-Dorf im Landkreis Lüneburg unterbringen.

Sumte ist vorbereitet, eine Kaffeetafel zur Begrüßung aber gibt es nicht. Von Weitem sahen die Bewohner die Busse aus den Erstaufnahmelagern in Braunschweig und Bramsche kommen. Vor allem Syrer finden hier Zuflucht.

Ortsvorsteher Christian Fabel sieht den Neuankömmlingen mit gemischten Gefühlen entgegen: „Wir sind Norddeutsche. Wir stehen nicht mit Blumen da.“ Busseweise kommen die Flüchtlinge nach Sumte. Einhundert am Montag. Bald schon sollen es 500 Personen vor allem aus Syrien sein. Bis zu 750 Flüchtlinge will das niedersächsische Innenministerium in den ehemaligen Bürokomplex aufs platte Land schicken. Ursprüngliche sollten es 1000 Flüchtlinge werden. Das war den Sumtern dann doch zu viel. Das Ministerium reagierte auf die Bedenken. Bei 750 ist nun Schluss.

Betreiber der Einrichtung ist der Arbeiter-Samariter-Bund. Sprecherin Annegret Droba sagt: „Wir sind gut vorbereitet. Die Neuankömmlinge bekommen erst etwas zu essen. Dann geht es zur Registrierung und zur Erstuntersuchung.“ Man will sicher sein, dass sich keine ansteckenden Krankheiten in der Notunterkunft verbreiten. Dort, wo sich früher auf 7000 Quadratmetern Akten eines Inkasso-Unternehmens in Regalen aneinanderreihten, stehen jetzt Betten dicht an dicht, insgesamt mehr als 700 Schlafplätze in zwölf Gebäuden. Die bestellten Trennwände sind noch nicht geliefert, zu groß ist die Nachfrage dieser Tage. Kindergarten und Kleiderkammer sind eingerichtet, etwa 50 Helfer bereits vor Ort.

„Was fehlt ist der Telefonanschluss“, klagt Droba. Sie kann nicht verstehen, dass die Telekom länger für die Freischaltung der Leitung braucht als der Arbeiter-Samariter-Bund für die Einrichtung der Notunterkunft. Ohne Telefon kein Internet und damit keinen Kontakt nach Syrien. „Das ist ein Problem“, sagt Droba. Ortsvorsteher Fabel hatte auf der Bürgerversammlung im Vorfeld Druck gemacht, dass die DSL-Leitung ausgebaut wird. „Wir haben hier auch Gewerbetreibende, die auf das Internet angewiesen sind“, betont er und hofft, dass das Netz nicht zusammenbricht.

Unterstützung vom Ministerium

Die Polizeiinspektion Lüneburg, zu der Sumte gehört, begleitet die Ankunft der Flüchtlinge. „Wir sind vor Ort präsenter als sonst und kooperieren mit den Sicherheitskräften der Einrichtung“, sagt Sprecherin Antje Freudenberg. Auch das hatten sich die Sumter ausgebeten, einen Sicherheitsdienst in der Unterkunft, weil die Polizei dem möglicherweise personell nicht gewachsen sei. Schließlich sind nicht nur in Sumte Flüchtlinge, sondern auch in Lüneburg und Lüchow. „Bislang hatten wir noch keine Probleme mit den Flüchtlingen“, sagt Polizeisprecherin Freudenberg und hofft, dass es so bleibt.

Das Innenministerium in Hannover hat den Sumtern Unterstützung zugesagt. Der Leiter Kommunales, Alexander Götz, betonte im einem Fernsehinterview: „Wir werden uns anstrengen, damit das, was dort passiert, zumindest erträglich ist für die Bewohner.“ Im besten Fall könnten beide Seiten davon profitieren.

„Wir schauen von Weitem“, sagt Ortsvorsteher Fabel. Von Euphorie ist in seiner Stimme keine Spur. „Eine Kaffeetafel zur Begrüßung wäre wohl fehl am Platz“, meint er denn auch stellvertretend für die einhundert Seelen in seiner Gemeinde. „Wir wollen sehen, dass wir miteinander auskommen.“

>> Wann die nächsten Busse kommen, ist noch nicht bekannt

Grippegefahr in Unterkünften

In Niedersachsens überfüllten Flüchtlingsunterkünften droht die Gefahr, dass sich Infektionskrankheiten schnell ausbreiten. Das Land ließ in Erstaufnahmeeinrichtungen lange nicht impfen und hielt auch eine zentrale Impfstelle für unnötig. Erst seit das Robert-Koch-Institut vor drei Wochen eine Empfehlung zur frühzeitigen Impfung von Asylsuchenden ausgesprochen hat, kommt Bewegung in die Sache. Die Opposition im Landtag kritisiert, dass die Landesregierung zu spät und unkoordiniert reagiert. „Ich kann noch kein landesweites Impfkonzept erkennen“, sagte der stellvertretende CDU-Fraktionschef Reinhold Hilbers.

Im Erstaufnahmelager Bramsche-Hesepe sollen jetzt Neuankömmlinge gegen Influenza geimpft werden. Voraussetzung ist, dass sie einwilligen, denn in Deutschland gibt es keine Impfpflicht. Nach und nach will der für Bramsche verantwortliche Mediziner Gerhard Bojara allen knapp 3000 Menschen in dem überbelegten Lager Impfungen anbieten. „Windpocken oder Masern könnten sich hier rasend schnell ausbreiten“, sagte der Chef des Gesundheitsdienstes für die Stadt und den Landkreis Osnabrück.

Angesichts von Lieferengpässen bei einigen Impfstoffen will der Arzt zunächst vor allem den Impfstatus der Kinder überprüfen. „Syrien war vor Beginn des Krieges gut durchgeimpft“, sagte Bojara. Dies sei aber in den vergangenen Jahren kaum möglich gewesen.

Im Erstaufnahmelager Friedland ist ebenfalls eine Kinderarzt-Sprechstunde mit Schwerpunkt Impfungen geplant. „Wir haben als niedergelassene Kinder- und Jugendärzte angeboten, das Lager zu unterstützen“, sagte Tanja Brunnert. Die Sprecherin des niedersächsischen Berufsverbandes der Kinderärzte hält es für sinnvoll, die kleinen Patienten bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen zu behandeln.

Bisher gehen die Kommunen im Land höchst unterschiedlich mit dem Thema Impfungen um. Gisela Penteker vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat wünscht sich mehr Unterstützung vom Land. „Die Leute vor Ort leisten Erstaunliches, aber im Moment wird überall improvisiert“, sagte die Ärztin aus dem Kreis Cuxhaven.

Kritik an Niedersachsens Impfstrategie weist der Sprecher der Erstaufnahmeeinrichtungen, Stefan Pankratowitz, zurück. Die Impfungen werden ihm zufolge einheitlich angeboten. „Die Umsetzung ist kurzfristig geplant“, sagte er.

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