Steve Krömer aus Scheeßel bloggt mit Leidenschaft

Ein Lehrer mit über zwei Millionen Fans

Scheeßel. Im Internet ist Steve Krömer (36) unter seinem Nickname "Stevinho" eine Berühmtheit, aber auf der Straße erkennt den Lehrer kaum jemand. Steve Krömer aus Scheeßel lebt in zwei Welten - in beiden fühlt er sich wohl.
25.06.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tanja Gerlach
Ein Lehrer mit über zwei Millionen Fans

Lehrer Steve Krömer aus Scheeßel (hier mit Kater Figo) ist als Blogger „Stevinho“ eine Berühmtheit.

Gerlach

Scheeßel. Im Internet ist Steve Krömer (36) unter seinem Nickname "Stevinho" eine Berühmtheit, aber auf der Straße erkennt den Lehrer kaum jemand. Steve Krömer aus Scheeßel lebt in zwei Welten - in beiden fühlt er sich wohl.

Mit seinem Podcast war er bereits auf Platz eins der Apple-itunes-Charts, seine Nachbarn aus dem Reihenhaus nebenan unterhalten sich jedoch lieber mit ihm über seine Katzen. Als einer der bekanntesten Blogger Deutschlands hat er für seine zweieinhalb Millionen Fans messianische Züge, bei seinen Schülern gilt er als sympathischer, cooler Lehrer.

Für Krömer, der an der Lauenbrücker Fintauschule die Fächer Sport, Deutsch, Informatik und GSW (geschichtlich-soziale Weltkunde) unterrichtet, ist das eigene Online-Portal www.justnetwork.eu ein Halbtagsjob. Was vor zehn Jahren mit einer Homepage begann, hat sich mittlerweile zu einem Treffpunkt für zweieinhalb Millionen Internetnutzer etabliert. Neben dem Blog, in dem der Katzenliebhaber besonders gern über Sport- und Politikthemen diskutiert, sendet er sein eigenes Podcast. (Als Podcast bezeichnet man das Produzieren und Anbieten von abonnierbaren Audio- oder Videodateien). Zusätzlich bietet er ein Gaming-Portal (Spiele) zum Online-Rollenspiel (MMO) "World of Warcraft" an und hat ein Hörspiel zu dem Computerspiel erfunden.

Sponsoren unterstützen Portal

Damit Steve Krömer genügend Zeit für seine Lebensgefährtin hat, unterstützen ihn mehrere Community-Mitglieder. Obwohl feste Sponsoren das Portal maßgeblich finanzieren, reicht das Geld nur aus, um wenige Arbeitskräfte zu bezahlen. Die meisten arbeiteten ehrenamtlich: "Reich kann man damit nicht werden."

Das Geld sei ein Grund gewesen, die halbe Stelle als Lehrer anzunehmen. Zudem berge zu viel Zeit vor dem Computer ein Suchtpotenzial. Nach der Referendariatszeit hatte der gebürtige Bremer zunächst ganztägig im Computerbereich gearbeitet, bis er merkte, dass er in diese "ganz eigene Welt versank". Rückblickend sagt er: "Mir fehlte der Ausgleich, der Kontakt zu Menschen. Für 24 Stunden vor dem Computer bin ich zu extrovertiert."

Sein aktueller Arbeitstag: Morgens unterrichtet er in der Schule, kommt zwischen 13 und 15 Uhr nach Hause, isst schnell etwas und sitzt dann mindestens fünf Stunden vor dem Computer. Er schreibt seine eigenen Nachrichten, organisiert Spiel-Events und prüft, ob ein Blogger Beiträge eingestellt hat, die seinen Grundsätzen widersprechen, beispielsweise rechtsradikale Kommentare. Hass- und Schimpftiraden gebe es in seinem Blog - einer der größten Deutschlands - zwar selten, dennoch komme es vor: "Neider gibt es viele, und das Internet bietet ihnen viele Möglichkeiten, ihren Frust abzubauen."

Seine interaktive Gemeinschaft hingegen sei wie eine Familie, bestehend aus vielen schlauen Köpfen, die zu allen Themen etwas beitragen: "Stelle ich in meinen Blog eine Frage über den Ausbau meines WLAN, bekomme ich innerhalb weniger Minuten hunderte Vorschläge. Das ist doch genial."

Die Kehrseite der Medaille sei, dass einige Fans keine Distanz mehr wahren würden. "Ich muss im Impressum Namen und Adresse preisgeben", sagt Steve Krömer. Das hätten besonders während des Hurricane-Festivals einige Mitglieder ausgenutzt und wollten "mal eben schnell vorbeischauen". Damit überschritten sie nicht nur eine Grenze des Erlaubten, sondern verstießen auch gegen eine Grundfeste des Internet - die Anonymität: "Der Vorteil einer virtuellen Gemeinschaft ist, dass ich mich jederzeit zurückziehen kann, indem ich den Stecker ziehe." Dennoch würde er nie auf die Idee kommen, sich aus dem Internet abzumelden: "Das ist wie eine Familie."

Diese Gemeinschaft hat ihn jetzt zu seinem eigenen Burger verholfen. Anlässlich ihres Internet-Wettbewerbs "Mein Burger" hatte die US-amerikanische Fast-Food-Kette McDonald's einen Burger-Konfigurator auf ihrer Homepage zur Verfügung gestellt. Mehr als 115000 Internetnutzer hatten ihre eigene Burgerkreation am virtuellen Reißbrett zusammengestellt und als Vorschlag eingeschickt. Millionen Internetnutzer wählten zunächst die zehn beliebtesten Varianten aus - einer von ihnen war Steve Krömers Burger "Just Stevinho", ein mit paniertem Hähnchenfleisch, Emmentaler und Rucolasalat belegter Burger. Ende März wählte eine Jury wiederum die fünf besten Vorschläge aus, und dann - in der Finalrunde - waren Stevinhos Internetfans am Zug.

Seine Community klickte ihn zum Sieg: "In meinem Blog war die Hölle los, jeder wollte sich an der Aktion beteiligen." Daher sei der erste Platz nicht sein alleiniger Verdienst: "Wir haben alle zusammen gewonnen." Von Donnerstag, 30. Juni, bis einschließlich Mittwoch, 6. Juli, wird der "Just Stevinho"-Burger in jeder McDonald's-Filiale in Deutschland und Luxemburg erhältlich sein.

Sport muss sein

Bei aller Begeisterung für seine virtuelle Gemeinde kann er sich ein Leben ohne Sport und den direkten Kontakt mit anderen Menschen nicht vorstellen. Als ehemaliger Leistungssportler - Steve Krömer spielte 20 Jahre lang Tennis auf regionaler Ebene - braucht er den körperlichen Ausgleich ebenso wie die geistige Herausforderung, monatlich mehr als zwei Millionen Menschen mit Themen und Beiträgen zu unterhalten.

Im vergangenen Jahr hat er mit dem Golfspielen begonnen, aber durch seinen stetig wachsenden Blog kommt er kaum noch aus den eigenen vier Wänden heraus. Ausnahme: Die Schule, und dort genießt er besonders den Kontakt zu seinen Schülern. "Ich komme mit ihnen sehr gut zurecht, weil ich mich in ihrer Welt, die auch aus twittern, bloggen und Computerspielen besteht, bestens auskenne."

Vielen Erwachsenen hingegen mangele es an dem nötigen Wissen, die Welt des Internet zu verstehen. "Wie alles im Leben birgt es Chancen, aber auch Risiken", sagt Steve Krömer. "Ein kontaktscheuer Mensch kann in einer Community richtig aufblühen, Freunde finden und einfach glücklich sein." Gefährlich sei es durch die Vielzahl an Kriminellen, die das Internet nutzten. Daher setzt sich Krömer für einen Internet-Führerschein ein, quasi eine IP-Adresse, die immer zurückverfolgt werden kann: "Das Internet darf Verbrechern keine Schlupflöcher bieten."

Derzeit schreibt Steve Krömer an einem Buch über das Internet, Communitys, Blogs und Spiele. Die Arbeit daran soll beendet sein, bevor er mit seiner Lebensgefährtin im Herbst nach Chicago fliegt. Die Reise hat er mit dem "Just Stevinho"-Burger gewonnen. Auch wenn er in der nächsten Woche mit den Abschlussarbeiten seiner Schüler beschäftigt sein wird, will Steve Krömer zur Rotenburger McDonald's-Filiale fahren: "Schließlich wollte ich schon immer meinen eigenen Burger bestellen."

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