Oberkommissar Patrick Koch

Ein Polizist berichtet aus seinem Alltag

„Bastard“, „Hurensohn“ – das sind Beschimpfungen, die für Polizeioberkommissar Patrick Koch zum Alltag gehören. Dass er und seine Kollegen rund um Bremen jetzt mit Bodycams ausgestattet werden, freut ihn sehr.
21.02.2020, 22:12
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Ein Polizist berichtet aus seinem Alltag
Von Marc Hagedorn
Ein Polizist berichtet aus seinem Alltag

Nicht zu übersehen: die Bodycam im Schulterbereich der Uniform. Sie soll helfen, die Hemmschwelle bei potenziellen Angreifern zu erhöhen.

dpa

Eigentlich, hatte Patrick Koch lange gedacht, eigentlich kann mich nach so vielen Jahren im Dienst nicht mehr viel überraschen. Der 34-Jährige arbeitet als Polizeioberkommissar in der Citywache an der Wallstraße in Oldenburg. In dem Quartier herrscht reger Betrieb. An den Wochenenden pulsiert das Nachtleben. Regelmäßig, sagt Koch, werde er auf Streife beleidigt. „Bastard“, „Hurensohn“, „Ich f… dich“. Koch nennt solche Beschimpfungen „das Übliche“.

Patrick Koch

Patrick Koch

Foto: Polizei

Neulich war etwas anders. Er war mit einem Kollegen im Streifenwagen unterwegs. Sie seien an einer Gruppe Grundschulkinder vorbeigefahren, die vor einem Haus auf der Treppe saßen, sagt Koch. Im Rückspiegel habe er gesehen, wie ihm die vielleicht Acht- und Neunjährigen den Stinkefinger zeigten. „Das macht einen dann schon nachdenklich“, sagt Koch, „ich habe mich früher gefreut, wenn ich ein Polizeiauto gesehen habe.“ Und nun diese Reaktion. Die Hemmschwelle, ihn und seine Kollegen zu beleidigen, sagt Koch, sei dramatisch gefallen.

Bodycams für eine höhere Hemmschwelle

Die Polizeidirektion Oldenburg, zu der das komplette Bremer Umland gehört, verzeichnete im Jahr 2018 insgesamt 504 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte. Dabei wurden 1133 Einsatzkräfte im Dienst Opfer einer Straftat – 199 von ihnen leicht oder sogar schwer verletzt. Als ein Mittel, um die Hemmschwelle wieder heraufzusetzen, gelten Bodycams. In einigen Bundesländern, unter anderem in Bremen, sind sie schon länger im Einsatz. Koch und seine Kollegen im Gebiet der Polizeidirektion Oldenburg werden zurzeit damit ausgestattet. „Wir sehnen der Auslieferung entgegen“, sagt Koch, „wir wollen doch alle vor allem eines: gesund nach Hause kommen nach Dienstschluss.“

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Koch kann sich noch gut daran erinnern, wie ihn ein betrunkener Autofahrer vor einiger Zeit „durchbeleidigt“ hat, wie er es ausdrückt. Irgendwann wurde es Koch zu viel. Die einzige Möglichkeit, die er sah, um den Mann zu stoppen, war die Androhung, einen Strafantrag wegen Beleidigung zu stellen. In ein paar Wochen hat Koch eine weitere Möglichkeit, um etwas zu unternehmen. Er kann dann die Bodycam aktivieren.

Die Chancen, dass der Mann mit seinen Beschimpfungen daraufhin aufhören würde, stehen vermutlich nicht schlecht. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt Kochs zuständige Polizeidirektion. „Die Erfahrungen aus einer Ende 2016 gestarteten dreimonatigen Pilotprojektphase zeigen, dass die Bodycam zur Deeskalation beitragen kann“, heißt es. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen aus Bremen. Dort gehört die Bodycam schon länger zur Ausrüstung. „Allein die Ankündigung ,Ich schalte jetzt die Bodycam ein‘ sorgt manchmal schon für Beruhigung“, sagt Lüder Fasche, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Bremen.

Anspucken und verbale Übergriffe

Oberkommissar Koch hat neben den „üblichen Beleidigungen“ auch verbale Übergriffe erlebt, die ihn oder die Kollegen tiefer getroffen haben, weil sie noch persönlicher waren. Eine Kollegin, etwas stabiler gebaut, sei, so berichtet es Koch, einmal als „Büffelhüfte“ tituliert worden. „Das sind Sachen, die bleiben hängen“, sagt er. Als noch schwerwiegender stuft Koch Übergriffe wie Anspucken ein. Zum Gefühl der Erniedrigung kommt die Ungewissheit. „Man fragt sich: Was ist das für eine Person? Nimmt sie Drogen? Ist sie krank?“

Der niedersächsischen Polizeigewerkschaft reicht der Einsatz von Bodycams auf offener Straße allein nicht aus. „Wir würden uns wünschen, dass wir sie auch in Wohnungen einsetzen dürfen“, sagt der Vorsitzende Patrick Seegers. Beziehungstaten oder Ruhestörungen gehören zu den Klassikern der täglichen Polizeiarbeit.

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Datenschützer sind weniger begeistert von den Kameras. Sie kritisieren, dass auch Unbeteiligte gefilmt werden könnten, und sorgen sich um die Datensicherheit. Die Pre-Recording-Funktion ist ebenfalls umstritten, denn sie nimmt auch die 30 Sekunden auf, bevor der Beamte sein Gegenüber auf die Aktivierung der Kamera hingewiesen hat.

Koch erzählt von einem Fall, in dem er und eine Kollegin eine Party von sechs Jugendlichen auflösen wollten. Es war Alkohol im Spiel, es fielen Beleidigungen, „du Schlampe“, erinnert sich Koch, irgendwann flog ein Döner und traf die Kollegin am Oberkörper. Mit einer Kamera am Körper hätte die Kollegin diesen Vorfall dokumentieren können.

Koch ist bei Beleidigungen konsequent

Koch sagt, dass er konsequent gegen Beleidigungen vorgehe. Beleidigung ist ein sogenanntes Antragsdelikt, der Betroffene muss also Anzeige erstatten, sonst passiert nichts. Dass jeder Vorgang zusätzliche Arbeit bedeutet, etwa das Schreiben eines Berichtes und Termine vor Gericht, nimmt Koch in Kauf. „Denn wenn die Gerichte dann schnell und konsequent urteilen“, sagt er, „gibt das ein gutes Gefühl.“

Kürzlich, sagt Koch, habe ihn ein Verteidiger vor Gericht gefragt, ob er nicht einfach über die Beleidigung durch seinen Mandanten hinwegsehen könne, schließlich seien Beschimpfungen doch an der Tagesordnung. Für Koch kommt Weghören aber nicht infrage. Er sagt: „Ich repräsentiere den Staat, also ist eine Beleidigung gegen mich auch eine Beleidigung gegen den Staat.“ Und den Staat und seine Gesetze, das hat er geschworen, will er schützen und wahren.

Info

Zur Sache

Die Kameras werden mit einem Klipp-System an der Uniform der Einsatzkräfte befestigt. Die Uniform der Beamten, die eine Kamera mit sich führen, ist durch die Aufschrift „Videoaufzeichnung“ speziell gekennzeichnet. Das Kamerasystem befindet sich so lange im Standby-Modus, bis es Einsatzkräfte nach vorheriger Ankündigung in einer Einsatzsituation einschalten.

Die Bodycam verfügt über eine sogenannte Pre-Recording-Funktion, wodurch auch die Situation 30 Sekunden vor Aufnahmebeginn gesichert wird. Diese Aufzeichnung im Bereitschaftsmodus überschreibt sich fortlaufend selbst, bis die Kamera für eine konkrete Aufzeichnung aktiviert wird. Die Aufnahmen des Tages werden über eine Docking-Station auf einen Server nach Hannover überspielt. Nach einer Frist von 28 Tagen werden sie automatisch gelöscht, wenn sie nicht als Beweismittel benötigt werden.

Die Polizeidirektion Oldenburg bewertet die Bodycam als „wertvolles Einsatzmittel, um die Eigensicherung der Einsatzkräfte in polizeilichen Alltagssituationen zu erhöhen“. Die rechtlichen Voraussetzungen für ihren Einsatz im Dienst sind im Mai 2019 mit dem neuen Polizeigesetz geschaffen worden.

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