Modellprojekt Familienhebammen macht bundesweit Schule / Stiftung fordert einheitliche Qualifikation

Eine Hilfe für Mütter in Not

15 Prozent aller Familien mit Neugeborenen in Niedersachsen brauchen Hilfe. Das ist die Einschätzung der Stiftung „Eine Chance für Kinder“, die Mütter in schwierigen Lebenslagen während der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres ihres Kindes unterstützt. Das Modellprojekt Familienhebammen zieht Bilanz.
20.08.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Eine Hilfe für Mütter in Not
Von Silke Looden
Eine Hilfe für Mütter in Not

Frühe Hilfe kann einem langen Leidensweg vorbeugen. Das ist die Erfahrung, die die Stiftung „Eine Chance für Kinder“ mit dem Einsatz von Familienhebammen macht. Die Helferinnen begleiten Mütter in Not während des ersten Lebensjahres ihres Kindes, oft auch schon während der Schwangerschaft.

Caroline Seidel, dpa

15 Prozent aller Familien mit Neugeborenen in Niedersachsen brauchen Hilfe. Das ist die Einschätzung der Stiftung „Eine Chance für Kinder“, die Mütter in schwierigen Lebenslagen während der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres ihres Kindes unterstützt. Das Modellprojekt Familienhebammen zieht Bilanz.

„Die frühe aufsuchende Intervention von Familienhebammen hilft, die oft über Generationen währende Spirale aus Vernachlässigung und Gewalt zu durchbrechen“, sagte der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung „Eine Chance für Kinder“, Adolf Windorfer, Dienstag in Hannover. In der Landeshauptstadt präsentierte die Stiftung ihre Dreijahresbilanz. Von 2011 bis 2013 unterstützten demnach 91 Familienhebammen in 18 Kommunen insgesamt 3526 Familien beziehungsweise Mütter. Nach Einschätzung der Stiftung brauchen etwa 15 Prozent der Familien mit Neugeboren in Niedersachsen Hilfe, fünf Prozent haben diese in den 42 an dem Projekt teilnehmenden Kommunen bekommen.

1596 Einsätze wurden in drei Jahren dokumentiert und ausgewertet. Demnach sei die Ausgangssituation für Neugeborene und Säuglinge in 63 Prozent der Fälle problematisch, in 15 Prozent der Fälle konnten die Probleme gelöst werden. 37 Prozent der Mütter kommen nach der intensiven Betreuung im ersten Lebensjahr ihres Kindes ohne weitere Hilfen zurecht, 40 Prozent brauchen weiterhin eine kontinuierliche Unterstützung, 23 Prozent nur in bestimmten Situationen. Soweit die Statistik.

Praktisch fehlt es an Fachkräften. „Bereits jetzt ist absehbar, dass wir zu wenig Nachwuchs haben werden, um das Anrecht aller Schwangeren und jungen Mütter auf eine Betreuung durch Hebammen und die erforderliche Anzahl von Familienhebammen zu gewährleisten“, so Windorfer. Die Stiftung fordert eine bundeseinheitliche Qualifikation zur staatlich anerkannten Familienhebamme, deren Arbeit sich von der einer Hebamme im herkömmlichen Sinn unterscheidet. Familienhebammen helfen weniger bei der Geburt als vielmehr im Alltag, wenn Mütter zum Beispiel krank oder überfordert sind. Gerade bei suchtkranken oder psychisch gestörten Müttern können Familienhebammen offenbar besonders gut helfen. Je nach Ausgangssituation konnten mehr oder weniger gute Erfolge erzielt werden, so Windorfer. Familienhebammen hätten einen gewissen Vertrauensvorschuss auch und gerade bei schwierigen Familienverhältnissen. Sie könnten sich leichter einen persönlichen Zugang verschaffen als beispielsweise die Jugendämter, die gerade in sozialen Brennpunkten nicht gern gesehen seien.

Seit 2001 sind Familienhebammen in Niedersachsen im Einsatz. Was damals in drei Kommunen begann, hat sich heute in 42 Landkreisen und Kommunen etabliert. Zudem strahlt die Arbeit bundesweit aus. Niedersachsen gilt als Vorreiter bei den sogenannten frühen Hilfen. „Es ist gelungen, die Chance auf ein gesundes Aufwachsen für viele Kinder zu verbessern“, betonte der Kuratoriumsvorsitzende.

Windorfer war bis zu seiner Pensionierung Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes. Gemeinsam mit Celia Windorfer hat er die Stiftung im Jahr 2000 gegründet. Sie finanziert sich aus Stiftungserträgen, öffentlicher Förderung und eingeworbenen Spenden. Schirmherrin der Stiftung ist seit November 2012 die Fernsehjournalistin Gabi Bauer. Zuvor war Bettina Wulff Schirmherrin.

„Eine Chance für Kinder“ engagiert sich nicht nur präventiv in Familien, sondern auch in Schulen, um etwa Teenager-Schwangerschaften zu verhindern. Darüber hinaus unterstützt die Stiftung ein Waisenhaus im Sudan und hilft auch hierzulande in Einzelfällen über einen Nothilfefonds.

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