Zuzug in St. Andreasberg

Einwohner und Flüchtlinge fast gleichauf

Rund 1500 Flüchtlinge leben seit dem vergangen Wochenende in St. Andreasberg. Dabei hat das Dorf im Oberharz gerade einmal 1650 Einwohner.
18.10.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Einwohner und Flüchtlinge fast gleichauf
Von Justus Randt
Einwohner und Flüchtlinge fast gleichauf

Am Vortag lag noch Schnee – vier junge Flüchtlinge im Nebel. Der drei Kilometer lange Wanderweg führt sie vom Erstaufnahmelager in den Ort St. Andreasberg.

Lennart Helal

Rund 1500 Flüchtlinge leben seit dem vergangen Wochenende in St. Andreasberg. Dabei hat das Dorf im Oberharz gerade einmal 1650 Einwohner.

Es geht uns zwar schlechter als gestern – aber besser als morgen. Das klingt nicht gerade optimistisch, es ist der letzte Eintrag ins Gästebuch der Rehberg-Klinik in St. Andreasberg vom 21. März 2007. Die ehemalige Kurklinik der Rentenversicherung wurde geschlossen, stand lange leer und gehört inzwischen einem privaten Investor. Der hat den abseits gelegenen Gebäudekomplex erst einmal dem Land Niedersachsen für neun Monate als Notunterkunft vermietet: Rund 1500 Flüchtlinge leben seit dem vergangenen Wochenende in dem 1650 Einwohner zählenden Ort im Oberharz.

Mit den Einnahmen aus der Vermietung, so hofft Einzelhändler Karl-Heinz Brockschmidt („Brock wie Brocken und Schmidt mit dt“), könne es was werden mit dem Ausbau der ehemaligen Klinik. Brockschmidt betreibt in dritter Generation ein Geschäft für Zeitschriften, Tabakwaren und Souvenirs im Herzen der Bergstadt – wo es viele Leerstände gibt. „Der ziemlich tote Westharz hat sich wieder ein bisschen belebt“, sagt er, „aber was uns fehlt, ist ein großes Hotel.“

Erst vor wenigen Jahren ist das Gebiet am Wurmberg für Millionen Euro touristisch neu aufgestellt worden mit breiteren Abfahrtspisten, Sessellift und Kunstschneeanlage. In der Nachbarschaft, in Hahnenklee, so hat das Amtsgericht Goslar am Donnerstag entschieden, darf ein Hotel nicht mehr als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden. Der örtliche Fremdenverkehrsverein hat die Kläger mit dem Argument unterstützt, dass weniger reguläre Hotelgäste weniger Fremdenverkehrsbeiträge und Kurtaxeeinnahmen bedeuteten. Dass Harzbesucher wegen der Flüchtlinge ihre Ferienplanung stornieren, wird indes nicht befürchtet.

Jutta Pilz ist Leiterin des einzigen Supermarktes in St. Andreasberg. Mit den rund 1500 Flüchtlingen hat sich der Umsatz gesteigert – und die Zahl der Arbeitsstunden nahm zu.

Jutta Pilz ist Leiterin des einzigen Supermarktes in St. Andreasberg. Mit den rund 1500 Flüchtlingen hat sich der Umsatz gesteigert – und die Zahl der Arbeitsstunden nahm zu.

Foto: Lennart Helal

Auch der Bürgermeister der Stadt Braunlage, Stefan Grote (SPD), sieht keine Probleme für den touristischen Aufschwung – auch nicht im Stadtteil St. Andreasberg. „Wir werden 2015 seit der Grenzöffnung, seit 1991, wohl das beste Jahr gehabt haben“, ist er zuversichtlich. „Die Infrastruktur ist ausgebaut, jetzt läuft es. Am Wurmberg haben wir über 100 Tage Ski, es gibt 2000 Kilometer Mountainbike-Wege, und seit Mai haben wir ein intensives Sommergeschäft gehabt.“ Von 2013 (803 577) war die Zahl der Gäste-Übernachtungen in Braunlage und seinen Ortsteilen vergangenes Jahr abgesackt auf insgesamt 760 149.

Mit den Flüchtlingen, die überwiegend aus Syrien, Pakistan, vom Balkan und aus Afghanistan gekommen sind, hat das natürlich nichts zu tun. Sie bringen St. Andreasberg eher einen „Konjunkturaufschwung“, wie Grote sagt. Der große Wurf aber, das wäre das Rehberg-Resort, für das der Stadtrat im Januar planungsrechtlich den Weg frei gemacht hat. Die Hoffnung darauf und das Versprechen der Umsetzung waren ein wichtiges Thema bei der Informationsveranstaltung Anfang der Woche.

Einzelhändler Karl-Heinz Brockschmidts Kerngeschäft besteht in Zeitschriften, Tabakwaren und Souvenirs. Gegen-wärtig laufen internetfähige SIM-Karten besonders gut.

Einzelhändler Karl-Heinz Brockschmidts Kerngeschäft besteht in Zeitschriften, Tabakwaren und Souvenirs. Gegen-wärtig laufen internetfähige SIM-Karten besonders gut.

Foto: Lennart Helal

Im Kurhaus der Bergstadt hatten Vertreter des Landes, des Rehberg-Eigentümers, der Polizei und der Stadtverwaltung den St. Andreasbergern Rede und Antwort gestanden. „Es gibt Sorgen“, räumt Bürgermeister Grote ein, „klar, bei einem Verhältnis von nahezu 1:1 von Einwohnern zu untergebrachten Flüchtlingen.“ Nur in der Elbmarsch, im Amt Neuhaus, ist das Verhältnis krasser: Rund 1000 Flüchtlinge soll der 100-Einwohner-Ort Sumte aufnehmen. „Wir sehen uns als Gastgeber – für jeden“, sagt Stefan Grote. „Ich persönlich glaube aber, dass wir in der Stadt Braunlage mit

25 bis 30 Prozent Quote die Kapazitätsgrenze erreicht haben.“ Und die Sorgen? „Es kommen überwiegend Männer, die die Lage erkunden sollen. 20 Flüchtlinge treffen auf einem Wanderweg eine Spaziergängerin – solche Szenarien beschäftigen die Leute.“ Die fragten sich dann, ob ihre Kinder auf dem Schulweg sicher seien. Klaus und Gisela Zesch haben jedenfalls festgestgellt, dass die Polizei jetzt häufiger Streife fährt.

Jutta Pilz, Leiterin des einzigen Supermarktes in St. Andreasberg, hat auch gehört, dass Einheimische den drei Kilometer langen Wanderweg vom Erstaufnahmelager meiden. „Es gibt Ängste, dass die Gäste wegbleiben könnten“, weiß sie, „aber wenn wir irgendwo hinreisen, sind da doch auch Flüchtlinge. Platz ist für alle.“ Vor allem Süßwaren, Körperpflegemittel, Chips, Alkohol und Tabak seien gefragt. Ja, der Umsatz sei gestiegen, sagt Jutta Pilz. „Ob das Bestand hat, hängt davon ab, wie die Andreasberger Kunden reagieren, ob sie wegbleiben.“ Eine Kundin hat einen Korb aufgestellt für Warenspenden, die ihr Mann regelmäßig in der Rehberg-Klinik abliefern will. „Es gibt eine Spaltung“, sagt Jutta Pilz, „viele wollen helfen und sammeln warme Kleidung, andere haben Ängste.“

Straßenschmuck nach Harzer Art: Hexen sind fester Bestandteil der Folklore.

Straßenschmuck nach Harzer Art: Hexen sind fester Bestandteil der Folklore.

Foto: Lennart Helal

Karl-Heinz Brockschmidt und seine Tochter Claudia wollen helfen. In ihrem Laden sind internetfähige SIM-Karten für Smartphones der Renner. Auf Englisch und in Zeichensprache erklären sie ihren Kunden, wie die Freischaltung funktioniert, damit sie möglichst schnell Kontakt zu ihren Familien aufnehmen können. „Wir verdienen praktisch nichts an den Karten, aber die Leute kommen wieder, die sind alle sehr freundlich“, sagt Brockschmidt.

Zu ihnen zählt der junge Syrer Emad Rahim. Seine Heimatstadt nahe Damaskus ist zerstört. Gemeinsam mit Osama al Nagar und zwei weiteren Freunden ist er seit Juni auf der Flucht. Handyfotos dokumentieren dramatische Szenen der Bootspassage von der Türkei zur griechischen Insel Lesbos, nachdem der Motor versagte. 1000 Dollar habe jeder Passagier für die Überfahrt zahlen müssen. Von dort war es noch immer ein weiter Weg über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich, der vor einer Woche erst einmal in St. Andreasberg endete. Wie es weitergeht? „We are just waiting“, sagt Emad Rahim. Er stelle sich auf ein bis zwei Monate Wartezeit ein.

„Die ersten Tage sind die schwierigsten“, hatte Bürgermeister Grote gesagt. „Viele wissen gar nicht, wo sie hier sind“, hat Karl-Heinz Brockschmidt festgestellt. „Sie haben sich in einem großen Haus im Wald wiedergefunden.“ Darüber, wo das ist, gibt auch das Internet nicht ohne Weiteres Aufschluss, der Empfang lässt oben auf dem Berg zu wünschen übrig.

Das Land hat die ehemalige Rehberg-Klinik als Flüchtlingsunterkunft angemietet.

Das Land hat die ehemalige Rehberg-Klinik als Flüchtlingsunterkunft angemietet.

Foto: Lennart Helal

Einige Flüchtlinge, berichtet die Goslarsche Zeitung, seien mit dem Taxi weitergereist, nachdem sie erfahren hätten, wie weit sie von der nächsten Großstadt entfernt gelandet sind. Jetzt, nach einer Woche, finden Emad und seine Freunde den Wanderweg zurück zum Lager auch bei Schnee und dichtem Nebel. Sie müssen keine Angst mehr haben. Im Foyer der Rehberg-Klinik hat Issa sich ins Gästebuch eingetragen – mit einer Friedenstaube.

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