Carsharing in der Samtgemeinde Tarmstedt Elektrisiert vom geteilten Auto

Tarmstedt. Carsharing auf dem Dorf, und das mit umweltfreundlichen und leisen Elektro-Fahrzeugen. Diese Idee wird derzeit in der Samtgemeinde Tarmstedt Wirklichkeit.
15.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Carsharing auf dem Dorf, und das mit umweltfreundlichen und leisen Elektro-Fahrzeugen. Diese Idee wird derzeit in der Samtgemeinde Tarmstedt Wirklichkeit. Dort ist ein Prozess in Gang gekommen, der immer weitere Kreise zieht. Vier E-Golfs sind bereits bestellt.

Wilstedts ehrenamtlicher Bürgermeister Traugott Riedesel war es leid, dass die Busverbindungen so schlecht sind, dass die Wilstedter ohne Auto nur schwerlich weg kommen aus dem 1700-Einwohner-Ort. Zum Krankenhaus nach Rotenburg fahren, zum Facharzt nach Zeven oder ins Rathaus nach Tarmstedt? Ohne Auto kaum machbar. Aber muss es unbedingt der eigene Wagen sein?

Riedesel ist schon lange begeistert von der Idee des Carsharings. Autos werden gemeinsam genutzt, das spart Ressourcen und Geld. Mitte Februar machte der Arzt Nägel mit Köpfen. Beim VW-Händler im Nachbarort Tarmstedt bestellte er zwei rein elektrisch betriebene VW Golf. Riedesel hatte nämlich gehört, dass die Metropolregion Hamburg, zu der der Landkreis Rotenburg gehört, gerade ein Programm aufgelegt hat, um die Elektromobilität voranzubringen. Passend dazu gibt es von den Herstellern der Elektro-Autos ebenfalls Unterstützung. So kommt es, dass Riedesel für seine beiden E-Golfs eine monatliche Leasingrate von jeweils gerade mal 240 Euro überweisen muss – immerhin kosten die Elektroflitzer 40.000 Euro das Stück.

Das Wilstedter Carsharing-Projekt betrachtet Riedesel als Experiment. „Die individuellen Bedürfnisse der Menschen kann man ja vorher nicht abstrakt abfragen“, sagt er. Die Nachfrage sei schlichtweg nicht abzuschätzen, „da hilft nur das Prinzip Versuch und Irrtum weiter“. Und mit der modernen Antriebstechnik werde es nicht vorangehen, wenn man es nicht erprobt. „Mir macht das einfach Spaß“, sagt Riedesel, der das Experiment als Privatmann finanziert.

Die beiden E-Autos würden voraussichtlich im Mai ausgeliefert, der Betrieb solle möglichst zum 1. Juni starten. Das Ausleihen der Autos werde „ohne Internet und ohne Apps und Smartphone“ über seine Arztpraxis laufen, sagt Riedesel. Ausgeliehen werden sollen die Autos zu einem Stundenpreis, in dem die Stromkosten fürs Aufladen bereits enthalten seien.

Ebenfalls eine eigene Carsharing-Firma gegründet hat Jochen Franke aus dem Nachbarort Buchholz. Der frühere Lehrer hat sich, inspiriert von Riedesel, mit dem er im Samtgemeinderat sitzt, ebenfalls einen E-Golf bestellt. Auch dieses Auto soll allen zur Verfügung stehen, die es brauchen. Allerdings setzt Franke beim Verleih auf moderne Technik, indem er die auch in Bremen verbreitete Plattform von „Move about“ nutzen will. „Man muss Mitglied werden und bekommt einen Chip auf den Führerschein geklebt, mit dem man das Fahrzeug öffnen kann“, sagt Franke. Abgerechnet werde nach Zeit und zurückgelegten Kilometern. Möglicherweise werde er später zudem noch Liegeräder verleihen.

Ebenso wie Riedesel sieht Franke einen großen Bedarf, was das Carsharing betrifft: „Ob es Fahrten zum Einkaufen sind oder Touren im Rahmen von ehrenamtlicher Tätigkeit, meine Frau und ich sind ständig unterwegs. Das ist bei anderen auch so.“ Dank des Großversuchs der Metropolregion sei das Risiko überschaubar. Denn für die Autos gelte eine umfangreiche Garantie, und nach Abschluss des Projekts in zwei Jahren gingen sie einfach zurück. Es gebe weder Anzahlung noch Restzahlungen. „Wir sind dann mit Sicherheit um viele Erfahrungen reicher und werden wissen, ob die Idee als Geschäftsmodell taugt oder nicht“, so Franke.

Ein viertes Elektroauto geht im Juni ins benachbarte Bülstedt. Dort lebt der Diakon Claus Wahlers, der ebenfalls von der Idee des E-Antriebs elektrisiert ist. Und ebenso wie Franke hat der Bülstedter so viele Photovoltaikmodule auf seinen Dächern, dass er mit dem selbst erzeugten regenerativen Strom zig Elektroflitzer „betanken“ könnte – als Beitrag gegen den Klimawandel.

Auch Wahlers sieht sich als Versuchskaninchen, denn sein Arbeitsplatz liegt im 50 Kilometer entfernten Visselhövede. Und er weiß nicht, wie er mit der vom Hersteller mit „bis zu 190 Kilometer“ angegebenen Reichweite in der Praxis klarkommt. Um den Alltagsbetrieb der Elektroautos zu erforschen, wird auch in Wahlers’ Wagen ein digitales Logbuch eingebaut, das jede Fahrt aufzeichnet. Die TU Harburg begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Mittlerweile hat Wahlers auch schon mit Freunden und Nachbarn übers Auto-Teilen gesprochen. Eine seiner Mieterinnen wolle sich auf das Carsharing einlassen und es probieren. „Die meisten Autos stehen die meiste Zeit nur herum“, meint er.

Wie die beiden anderen E-Auto-Pioniere ist auch Wahlers noch auf der Suche nach einer bezahlbaren Ladestation. Schnellladesäulen, die den Akku in einer halben Stunde zu 80 Prozent füllen, seien absolut unerschwinglich. „Die normale Steckdose tut’s auch“, sagt Jochen Franke, doch damit dauere das Laden sieben Stunden.

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