Gymnasien in Niedersachsen

Eltern schlagen Alarm

Laut einer aktuellen Umfrage wird sich die Zahl der Lehrkräfte, die von Gymnasien in Niedersachsen vor allem an Grundschulen abgeordnet werden, zum zweiten Halbjahr verdoppeln.
31.01.2018, 22:08
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Eltern schlagen Alarm
Von Silke Looden
Eltern schlagen Alarm

Zum ersten Halbjahr waren bereits mehr als 8000 Lehrerinnen und Lehrer in Niedersachsen vorübergehend an eine andere Schule versetzt worden, um Personallücken zu stopfen.

dpa

Der Verband der Elternräte der Gymnasien in Niedersachsen schlägt Alarm. Nach einer aktuellen Umfrage des Verbandes bei seinen Mitgliedsschulen wird sich die Zahl der Lehrkräfte, die von den Gymnasien vor allem an Grundschulen abgeordnet werden, zum zweiten Halbjahr verdoppeln. In der Folge werde die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien auf unter 96 Prozent sinken.

„Die Landesregierung muss endlich konsequenter handeln und die verordnete Überlastung der Gymnasien umgehend beenden“, fordert der Vorsitzende Hartwig Jeschke. In den vergangenen zwei Wochen hat der Verband der Elternräte nach eigenen Angaben mehr als 200 Gymnasien in Niedersachsen zu den Abordnungen im zweiten Schulhalbjahr befragt.

Demnach steigt der Umfang der Abordnungen pro Gymnasium im Schnitt von 21 auf 52 Stunden wöchentlich. Der überwiegende Teil der abgeordneten Lehrkräfte wechselt an eine Grundschule (59 Prozent). Üblich waren bislang Abordnungen für ein halbes Jahr. Neuerdings würden die Lehrkräfte auch für ein Jahr und länger abgeordnet, so der Verband in einer Pressemitteilung.

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Hintergrund ist der Lehrermangel an Grundschulen. Bis 2025 fehlen nach einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung bundesweit 35.000 Lehrer in der Primarstufe. „Die Eltern sind auf dem Baum“, sagt die Geschäftsführerin des Verbandes, Petra Wiedenroth. Der Gymnasialunterricht falle in Kernfächern aus, Inhalte gingen für die Schüler unwiederbringlich verloren. Inzwischen würden Klassen und Kurse zusammengelegt.

Nicht nur Zusatzangebote wie der Schulchor oder die Hausaufgabenhilfe würden gestrichen, sondern ganze Oberstufenprofile. „Die Lehrer sind an der Belastungsgrenze“, sagt Wiedenroth. „Die Pädagogen werden krank, sodass am Ende noch mehr Unterricht ausfällt.“ Die Abordnungen erfolgten zudem oft kurzfristig, sodass die Schulen keine Planungssicherheit hätten, kritisiert Wiedenroth. Mit der anstehenden Pensionswelle würde sich die Situation noch verschlechtern.

Weit entfernt von 100 Prozent Unterrichtsversorgung

Mit Unverständnis und Empörung reagiert auch der Philologenverband auf die neuerlichen Abordnungen. Inzwischen, so der Landesvorsitzende des eher konservativen Lehrerverbandes Horst Audritz, lägen teils „dramatische Berichte“ aus den Schulen vor. Er geht von einer Unterrichtsversorgung von 95 Prozent im zweiten Halbjahr aus. „Wir sind weit entfernt von den 100 Prozent Unterrichtsversorgung, die der Kultusminister versprochen hat.“

Während der Pflichtunterricht an den Gymnasien ausfalle, würden Gymnasiallehrkräfte in den Grundschulklassen „beschäftigt“, kritisiert Audritz. Die Gymnasiallehrer seien nun einmal nicht für die Grundschule ausgebildet. „Das ist didaktisch etwas ganz anderes.“ Neueinstellungen sind seiner Meinung nach auch deshalb schwierig, weil Niedersachsen den Lehrern weniger Besoldung biete als andere Bundesländer.

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Die der SPD nahe stehende Lehrergewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) indes hat Zweifel am Umfrageergebnis und will erst die offiziellen Zahlen des Kultusministeriums abwarten. Der GEW-Sprecher für Niedersachsen Christian Hoffmann erklärt: „Wir sind nicht begeistert von Zwangsabordnungen, aber in der Not müssen wir damit leben.“ In der Vergangenheit seien die Gymnasien kaum von Abordnungen betroffen gewesen. Nun sei der Aufschrei umso größer.

Die frühere Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hatte die Abordnungswelle losgetreten, um den Unterricht an den Grundschulen sicherzustellen. Beamtenrechtlich ist das Vorgehen nicht zu beanstanden. Der neue Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hatte zum Amtsantritt versprochen, sobald wie möglich wieder für 100 Prozent Unterrichtsversorgung zu sorgen. Offenbar muss die Landesschulbehörde aber mangels neuer Lehrer weiter Löcher mit den vorhandenen stopfen.

Klage gegen überhöhte Arbeitszeit

Ein Sprecher des Kultusministeriums in Hannover bestätigte am Mittwoch, dass auch im zweiten Schulhalbjahr mit einem „erheblichen Ausmaß an Abordnungen an Grundschulen zu rechnen“ sei. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) will am heutigen Donnerstag über das genaue Ausmaß informieren.

Zum ersten Halbjahr waren bereits mehr als 8000 Lehrerinnen und Lehrer in Niedersachsen vorübergehend an eine andere Schule versetzt worden, um Personallücken zu stopfen. Davon erfolgten gut 1000 Abordnungen direkt von Gymnasien an Grundschulen. Nicht eingerechnet ist dabei der sogenannte Ringtausch: So werden Gymnasiallehrer an Haupt-, Real- und Oberschulen abgeordnet, um die dort frei werdenden Lehrkräfte dann an Grundschulen zu schicken.

Zwei Grundschullehrer haben unterdessen mit Unterstützung der GEW Klage gegen ihre überhöhte Arbeitszeit eingereicht. Insgesamt will die GEW zehn Fälle vor die Verwaltungsgerichte in Braunschweig und Hannover bringen. Nach einer neuen Studie der Georg-August-Universität arbeiten Lehrkräfte in Deutschland im Durchschnitt mehr als 48 Stunden in der Woche.

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