Niedersachsen

Kilometergeld für Elterntaxis

Vielen ist es ein Dorn im Auge, wenn Kinder mit dem Elterntaxi zur Schule kommen und die Eltern ein Verkehrschaos auslösen. Zwei Landkreise in Niedersachsen aber zahlen Eltern sogar eine Kilometerpauschale.
04.09.2020, 08:16
Lesedauer: 2 Min
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Von dpa
Kilometergeld für Elterntaxis

Das Schild "Elterntaxi" steht vor der Grundschule Grimsehlweg in Hannover. Der Kreis Peine zahlt Eltern Kilometergeld, wenn sie ihre Kinder zur Schule fahren.

Peter Steffen/dpa

Parken an der Bushaltestelle oder Wenden auf dem Gehweg: Gestresste Eltern lösen vor Schulen regelmäßig Chaos aus, wenn sie ihren Nachwuchs absetzen oder abholen. In der Corona-Pandemie denken manche Eltern neu über den Weg ihrer Kinder nach: Setzen wir sie in einen vollen Bus oder bringen wir sie doch lieber selbst?

Um überfüllte Busse mit zu wenig Abstand zu vermeiden, will der Landkreis Peine in Niedersachsen den Eltern helfen. Die Verwaltung bietet für das Bringen der Kinder eine Pauschale von 30 Cent pro Kilometer an und sorgt damit seit dem Schulstart für einigen Wirbel. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zeigte sich überrascht und räumte ein, sich an den Gedanken erst gewöhnen zu müssen. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte er aber: „Ich habe auch Verständnis dafür, wenn Eltern unter den gegenwärtigen Bedingungen ihre Kinder öfter mit dem Auto zur Schule fahren.“ Noch gesünder sei allerdings Fahrradfahren.

Ministerpräsident Weil irritiert

Ganz so gelassen und moderat reagieren aber längst nicht alle auf den Vorstoß aus Peine. „Auch wenn Kreativität in Corona-Zeiten grundsätzlich wünschenswert ist, geht diese Aktion eindeutig in die falsche Richtung“, sagte Alexandra Kruse vom ADAC. Aus Sicht des Automobilclubs entsteht das Chaos oft durch den wenigen Platz vor Schulen. „Es wird verkehrswidrig an Bushaltestellen oder in zweiter Reihe gehalten, wo ein Aussteigen nicht sicher ist“, so Kruse. Die angedachte Kilometerpauschale sei vor allem mit Blick auf die Rolle der Kinder als eigenständige Verkehrsteilnehmer „ein ganz falsches Signal“.

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„Es geht darum, die Busunternehmen zu entlasten“, hatte der Peiner Landkreissprecher, Fabian Laaß, in der vergangenen Woche zur Begründung gesagt. Den Eltern soll damit vor allem mehr Flexibilität gegeben werden, auch die Monatsprämie von zehn Euro für radfahrende Schüler gebe es weiter. Kurz nach dem Start berichtete Laaß, dass es eine Vielzahl von Eltern gebe, die sich nach der Kilometerpauschale erkundigten. Um ein Verkehrschaos vor den Schulen zu vermeiden, bat der Kreis die Eltern aber, die Kinder im Umfeld der Schulen aussteigen zu lassen, möglichst nicht direkt davor.

Kilometergeld auch in Northeim

Erst nach einem Testmonat soll in Peine überprüft werden, ob die Idee den erhofften Erfolg bringt. Ein paar Kilometer südlich, im Landkreis Northeim, ist eine ähnliche Förderung mittlerweile sogar bis zu den Herbstferien verlängert worden. Seit Ende April können dort 20 Cent pro Kilometer beantragt werden. Um Verkehrsprobleme zu vermeiden, sollten Eltern nicht ganz an die Schule fahren und auf langwierige Abschiedsrituale verzichten, hieß es aus Northeim.

Polizei warnt vor Risiken

Dennoch hagelt es für die Förderung der Elterntaxis viel Kritik. Die Polizei warnt immer wieder vor den Risiken und kontrolliert auch vor den Schulen. Das Sozialministerium in Hannover wirbt eher dafür, den Schülertransport zu stärken; der Städte- und Gemeindebund in Niedersachsen sieht einen beträchtlichen Verwaltungsaufwand. Nur wenige Kommunen seien finanziell in der Lage, solche Prämien auszuschütten.

Kurz vor dem Schulstart in Bayern in der kommenden Woche riefen das Deutsche Kinderhilfswerk und der Verkehrsclub VCD dazu auf, Elterntaxis zu vermeiden. „Es gibt meist keinen Grund, Kinder morgens mit dem Auto in die Schule zu chauffieren“, betonte Holger Hofmann, Geschäftsführer des Hilfswerkes, in einem gemeinsamen Aufruf.

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