Schornstein der Stuhlrohrfabrik Rümcke & Ude abgerissen Ende für ein Stück Industriegeschichte

Ein Stück Farger Industriegeschichte ist verschwunden. Ein Ihlpohler Unternehmen hat in den vergangenen zwei Wochen den rund 45 Meter hohen Schornstein der einstigen Stuhlrohrfabrik Rümcke & Ude abgerissen.
08.09.2013, 00:00
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Von Ulf Buschmann

Ein Stück Farger Industriegeschichte ist verschwunden. Ein Ihlpohler Unternehmen hat in den vergangenen zwei Wochen den rund 45 Meter hohen Schornstein der einstigen Stuhlrohrfabrik Rümcke & Ude abgerissen – eine Aktion, die wohl notwendig war, denn der Schlot erschien mächtig baufällig.

Schornsteine: Meistens werden sie als Dreckschleudern verteufelt, manchmal allerdings machen sie Menschen auch sentimental. Nämlich dann, wenn sie etwas mit dem Bauwerk verbinden. So dürfte es dem einen oder anderen alteingesessenen Farge-Rekumer ergangen sein, wenn er in den vergangenen zwei Wochen in Richtung Berhardring geschaut hat. Dort waren Arbeiter eines Ihlpohler Spezialunternehmens damit beschäftigt, den Schornstein der einstigen Stuhlrohrfabrik Rümcke & Ude abzutragen.

Was aus dem Rauchabzug so etwas wie einen Schornstein der Herzen macht, ist der Umstand, dass die Stuhlrohrfabrik ein Stück Farge-Rekumer Industriegeschichte mitgeschrieben hat. Diplom-Ingenieur Hans-Joachim Riemer, verantwortlicher Projektleiter der Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft Bremen (WfB), sieht das Projekt hingegen ganz nüchtern.

Der rund 45 Meter hohe Schornstein müsse weichen, weil das Bauwerk schief stehe. Das hätten Statiker festgestellt. In der Tat: Wer genau hinsah, bemerkte eine Neigung. Riemer weist außerdem darauf hin, dass es am Bauwerk eine ganze Reihe von witterungsbedingten Absprengungen gegeben habe. Um die Gefährdung von Menschen auszuschließen, sei beschlossen worden, den Schornstein zu schleifen.

Von oben nach unten abgetragen

„Sprengen ist nicht möglich. Der Schornstein steht mitten im Gebäude“, erläutert Riemer. Deshalb sei beschlossen worden, den Schlot vom Steiger aus von oben nach unten abzutragen. Die Oberlichter der Dächer des Gebäudes, in denen einst die Stuhlrohre gefertigt wurden, sind vorher mit Holz geschützt worden. „Zwar werden die Steine in den Schornstein geworfen, doch es kann immer mal was hinunterfallen“, erklärt der WfB-Ingenieur. Die Geschichte des Schornsteins geht zurück bis ins späte 19. Jahrhundert. So lässt sich aus der beim Heimatverein Farge verwahrten Chronik des ehemaligen Bürgermeisters Richard Taylor entnehmen, dass die Vereinigte Holzindustrie Frankenthal das Gelände zwischen Bahnhof, Steingutfabrik Witteborg und Weser im Jahr 1893 erworben hatte.

Das erschien den Investoren damals wohl günstig, weil fünf Jahre zuvor gerade die Farge-Vegesacker Eisenbahn fertiggestellt worden war. In der damals zum preußischen Landkreis Blumenthal gehörenden Gemeinde Farge wurden Erlen und Pappeln zu Kisten, zum Beispiel für Fisch und Zigarren, verarbeitet. Außerdem produzierte das Werk Furnierholz. Dazu wurde Dampf benötigt, und der Schornstein war Teil des Heizhauses.

Doch schon 1902 zog sich die Vereinigte Holzindustrie Frankenthal wieder zurück und überließ den beiden Bremer Kaufleuten Schröder und Kaufmann das Feld – bis 1907, dann betrat die Stuhlrohrfabrik Bergedorf die industrielle Bühne. Aus ihr wurde 1912 die Hanseatische Stuhlrohrfabrik Rümcker & Ude, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs immerhin 160 Arbeiter beschäftigte.

Infolge von Materialknappheit wurden im Krieg in Farge-Rekum Weidenstöcke für Körbe gespalten, bis die Produktion schließlich ab 1917 ruhte. Während der folgenden zwei Jahre nutzte der Landkreis Blumenthal die Fabrikräume als Lebensmittellager. Der nächste Einschnitt erfolgte 1923. In dem Jahr, in dem in Deutschland die Rentenmark eingeführt wurde, schwenkten die Farger um: Sie webten Stuhlsitze.

Der Taylorschen Chronik lässt sich auch noch entnehmen, dass am Bahnhof während des Völkerschlachtens Flugzeugteile produziert wurden – „wohl für Focke-Wulff“, wie Gerd Scharnhorst vom Heimatverein Farge vermutet. Er ergänzt: „Auf dem Gelände haben auch noch Zwangsarbeiter-Baracken gestanden.“

Überdies hat Taylor festgehalten, dass einer der Eigner der Stuhlrohrfabrik im Jahr 1949 aus dem Geschäft ausgestiegen sei und eine Spinnereimaschinen-Fabrik aufgebaut habe. Sie wurde unter dem Namen Spinnbau bekannt und belieferte Spinnereien in aller Welt.

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