Autobiografie Erinnerungen an politische Weggefährten

Niedersachsens einstige Kulturministerin Renate Jürgens-Pieper hat ihre Autobiografie vorgestellt, in der auch Sigmar Gabriel ein eigenes Kapitel gewidmet ist.
10.01.2018, 22:55
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Erinnerungen an politische Weggefährten
Von Peter Mlodoch

Dem „Mann aus Goslar“ ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Und das fällt in der politischen Autobiografie von Renate Jürgens-Pieper nicht sonderlich positiv aus. „Das Muster hieß: Ich kann es besser. Ich will im Rampenlicht stehen. Ich will nicht kooperieren. Ich bin allein unterwegs. Jeden Tag neu“, beschreibt die ehemalige niedersächsische SPD-Kultusministerin ihren früheren Chef, den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen ­Bundesaußenminister Sigmar Gabriel.

Damit spielt die gelernte Bio- und Chemielehrerin aus Braunschweig in ihrem Buch auf die eigenen, legendären Konflikte mit Gabriel an. Jürgens-Pieper war acht Jahre Staatssekretärin im Kabinett von SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder, von März 1998 bis März 2003 leitete sie das Schulressort in Hannover.

In den „Anmerkungen mit grüner Tinte“ erzählt sie detailliert, wie Gabriel ihr kurz nach seinem Amtseid wutschnaubend jedwede eigenständige Pressearbeit untersagte. Oder wie er ihr im August 2000 mit einem daheim am Laptop verfassten Papier zur umstrittenen Orientierungsstufe ohne Ankündigung in die Arbeit reingrätschte. Jürgens-Pieper wurde von den Thesen Gabriels bei einem Frisör-Besuch überrumpelt und dachte angesichts dieser Bloßstellung kurze Zeit über einen Rücktritt nach.

Mit einer gewissen Sprunghaftigkeit

Solche beunruhigenden Grundmuster habe Gabriel trotz der höheren Weihen in Berlin bis heute nicht abgelegt, konstatierte Jürgens-Pieper am Mittwoch in Hannover. Dort präsentierte ihr CDU-Amtsnachfolger Bernd Busemann das neue Buch. Der spätere Landtagspräsident pflichtete bei „aller Wertschätzung“ für Gabriel“ nur allzu gern bei.

„Der Mann aus Goslar ist immer noch ein Typ, der mit einer gewissen Sprunghaftigkeit ausgestattet ist.“ Offenherzig gestand Busemann, dass der SPD-Regierungschef mit seinem „strategischen Fehler“ die Bildungspolitik als Flanke geöffnet und so die hinten liegende CDU im Wahlkampf „in Vorderhand“ gebracht habe. „Das war ein klassisches Eigentor“, so Busemann. Es kostet bei der Landtagswahl 2003 die SPD-Minister ihre Jobs.

Jürgens-Pieper suchte zunächst Trost in ihrem Bauerngarten in Schwülper und probierte es 2006 vergeblich bei der Oberbürgermeisterwahl in Wolfsburg. Die Ex-Ministerin schaffte es gegen CDU-Amtsinhaber Rolf Schnellecke zwar in die Stichwahl, unterlag dort aber deutlich mit 39,2 zu 60,8 Prozent. Als sie ein Jahr später mit ihrer Tochter, die damals Medizin studierte, im Göttinger Traditionscafé Cron & Lanz bei einer Baumkuchentorte saß, erreichte Jürgens-Pieper ein Anruf mit einem Job-Angebot aus der Bremer Senatskanzlei.

Jens Böhrnsen als "Lieblingsregierungschef"

Die SPD-Politikerin, die zwischen 1985 und 1994 eine parteipolitische Zwischenstation bei den Grünen eingelegt hatte, wurde unter Rot-Grün Senatorin für Wissenschaft und Bildung. 2011 kam das Gesundheitsressort hinzu. „Einen Gabriel gab es in Bremen nicht“, schilderte die heute 66-Jährige ihre Zeit an der Weser. In Niedersachsen herrsche eine „viel rauere Gangart“. In ihren Erinnerungen beschreibt sie Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) als ihren „Lieblingsregierungschef“, Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) als „eher verbissen“ und „häufig dünnhäutig“ sowie ihren Amtsvorgänger Willi Lemke als liebenswert chaotisch.

So habe sie den früheren Werder-Manager bei Amtsübergabe um eine Sammlung Rechtsvorschriften gebeten. „Willi Lemke schaute sich suchend um und öffnete dann seinen Wandschrank.“ Gesetze habe es darin aber nicht gegeben. „Dort lagen jedoch zahlreiche Fußbälle, die uns entgegensprangen.“ Fußbälle, habe Lemke ihr erklärt, seien bei Schulbesuchen das „beste Mitbringsel“.

2012 endete das Bremer Kapitel. Im Streit um Sparauflagen parallel zur Einführung der Inklusion zog Jürgens-Pieper die Reißleine und trat zurück. „Sie haben Rückgrat gezeigt“, so Busemann. Gefragt nach den eigenen Ambitionen, ein Buch über seine Zeit als Politiker und seinen „persönlichen Gabriel“ zu schreiben, hielt sich der amtierende Landtagsvizepräsident vornehm zurück. „Es juckt einen ja immer in den Fingern, der Tag ist aber noch nicht gekommen.“

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