Alina Treiger wird heute ordiniert / Amtsantritt in Oldenburg und Delmenhorst Erste Rabbinerin seit 75 Jahren

Oldenburg·Berlin. Alina Treiger schreibt ein Stück Geschichte: Die 31-Jährige aus der Ukraine ist die erste Frau seit dem Holocaust, die in Deutschland als Rabbinerin ordiniert wird. 'Ich wünsche mir, dass die jüdischen Gemeinden sich nicht nur über die schrecklichen historischen Erfahrungen definieren, über Shoa, Verfolgung und Pogrome', sagt sie. 'Das Judentum lebt weiter. Und wir sollten mit dem Reichtum unseres Wissens, unserer Kultur und unserer Musik ein lebendiger Ansprechpartner in Deutschland sein.'
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Von NINA WEIGELT

Oldenburg·Berlin. Alina Treiger schreibt ein Stück Geschichte: Die 31-Jährige aus der Ukraine ist die erste Frau seit dem Holocaust, die in Deutschland als Rabbinerin ordiniert wird. 'Ich wünsche mir, dass die jüdischen Gemeinden sich nicht nur über die schrecklichen historischen Erfahrungen definieren, über Shoa, Verfolgung und Pogrome', sagt sie. 'Das Judentum lebt weiter. Und wir sollten mit dem Reichtum unseres Wissens, unserer Kultur und unserer Musik ein lebendiger Ansprechpartner in Deutschland sein.'

Alina Treiger entspricht nicht gerade dem Klischee von einem chassidischen Geistlichen. Klein und zierlich, mit langen, blonden Haaren, schickem Kostüm und strahlendem Lächeln geht sie ihre Aufgabe an. 'Anfangs hat es schon Vorurteile gegeben', erzählt sie. 'Da hat auch mal jemand gesagt: Nur ein Mann kann ein guter Rabbiner sein.' In vielen Gemeinden sei sie aber sehr herzlich aufgenommen worden. 'Für mich ist es ganz normal, Rabbinerin werden zu wollen.'

Möglich ist das, weil Alina Treiger am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam studiert hat - neben der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg das einzige wissenschaftliche Ausbildungsinstitut für Rabbiner in Mitteleuropa. Dort wird das reformorientierte Judentum vertreten, das als weltweit stärkste Richtung innerhalb der Glaubensgemeinschaft gilt. Anders als bei den orthodoxen Juden dürfen hier auch Frauen Ämter übernehmen. 'Ich habe mir den Beruf nicht gesucht, der Beruf hat mich gefunden', sagt Alina Treiger. 1979, zur Hoch-Zeit des Kalten Krieges in der ukrainischen Kleinstadt Poltawa geboren, wollte sie eigentlich Musikerin werden. 'Meine Familie hatte wenig mit Religion zu tun. Ich kannte nur einige jüdische Gerichte wie gefilten Fisch oder Plow. Aber ich wusste immer, dass ich Jüdin bin.'

Erst die Begegnung mit einem charismatischen Rabbiner bei einem Sommerlager weckt ihr Interesse an religiösen Fragen. In Moskau lässt sie sich zwei Jahre lang zur Gemeindearbeiterin ausbilden und baut dann in ihrer Heimatstadt eine liberale jüdische Gemeinde auf, engagiert sich in Sozial- und Kulturprojekten und arbeitet besonders mit jungen Menschen.

Sechsjähriges Studium

Als die Weltorganisation des progressiven Judentums (WUPJ) ihr das Rabbinerstudium in Deutschland anbietet, greift sie zu. 'Ich war jung, ich war abenteuerlustig, und ich wollte vor allem viel, viel lernen', sagt Treiger. Das konnte sie. Sechs Jahre dauert das Studium mit einem Pflichtjahr in Israel und zahlreichen Praktika in unterschiedlichen Gemeinden. Neben den jüdischen Studien hatte Treiger auch Religionswissenschaften und Psychologie. Mittlerweile spricht sie fünf Sprachen: Ukrainisch, Russisch, Hebräisch, Englisch und Deutsch - letzteres nur mit einem kleinen östlichen Akzent. 'Ich hoffe, dass ich mit der Sprache auch Brücken bauen kann', sagt sie. Denn die Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst, die sie als Rabbinerin betreuen wird, haben ein Problem - wie inzwischen sehr viel jüdische Gemeinden in Deutschland: Durch den Zuzug von Migranten aus Osteuropa stehen sie vor enormen Herausforderungen. Von den schätzungsweise 300 jüdischen Familien in Oldenburg etwa

kommt fast die Hälfte aus dem Bereich der früheren Sowjetunion. Viele sind mit mangelnden Deutschkenntnissen auf Treibers Hilfe und Erklärungen angewiesen.

Ihre Ordination versteht sie auch als ein Zeichen, dass das Judentum in Deutschland eine lebendige Zukunft hat. Zu dem Festgottesdienst heute in der Synagoge in Berlin-Charlottenburg, bei dem auch zwei männliche Kollegen ihre 'Smicha' erhalten, wird Bundespräsident Christian Wulff erwartet. Gedacht wird an dem Tag auch an Regina Jonas, die 1935 als erste und bisher einzige Rabbinerin in Deutschland ordiniert worden war. Sie starb am 12. September 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

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