Grüner wechselt zu Tönnies

Früherer Bioland-Chef will Schlachtkonzern nachhaltiger machen

Der frühere Bioland-Chef und Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium, Thomas Dosch, arbeitet jetzt für die Agrarindustrie.
14.10.2020, 15:53
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Früherer Bioland-Chef will Schlachtkonzern nachhaltiger machen
Von Peter Mlodoch
Früherer Bioland-Chef will Schlachtkonzern nachhaltiger machen

Wollte offenbar keinen Abteilungsleiter von den Grünen: Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). Jetzt hat der frühere Bioland-Chef Thomas Dosch ausgerechnet beim Fleischkonzern Tönnies angeheuert.

ndr/dpa

Vom niedersächsischen Agrarministerium zu einem der größten Schlachtbetriebe der Welt: Der frühere Abteilungsleiter Thomas Dosch, der im Juni 2014 vom damaligen Ressortchef Christian Meyer (Grüne) geholt und nach dem Regierungswechsel 2017 von dessen Nachfolgerin Barbara Otte-Kinast (CDU) aufs Abstellgleis geschoben worden war, arbeitet jetzt beim Fleischkonzern Tönnies. Er habe zum 1. Oktober am Stammsitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück einen Job als festangestellter Koordinator angenommen, sagte der frühere Bioland-Vorsitzende und Öko-Landwirt mit grünem Parteibuch dem WESER-KURIER. Er sehe sich als Brückenbauer für Tierschutz und eine umweltgerechte Landwirtschaft.

„Wir freuen uns, mit Thomas Dosch einen Mitarbeiter mit großer Expertise in den Bereichen Politik, Landwirtschaft und Verwaltung für unsere selbstgesteckten Unternehmensziele gewonnen zu haben“, erklärte Firmenchef Clemens Tönnies auf Anfrage des WESER-KURIER. „Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt werden in der Tönnies Unternehmensgruppe groß geschrieben.“ Mit seinen vielfältigen Erfahrungen werde Dosch fortan die Weiterentwicklung des Unternehmens im Sinne einer nachhaltigeren Agrar- und Ernährungswirtschaft unterstützen. Der Schlachtkonzern hatte in den vergangenen Monaten wegen schlechter Arbeits- und Wohnbedingungen von Leiharbeitern sowie Corona-Ausbrüchen in seinen Betrieben wie jüngst in Sögel (Landkreis Emsland) für negative Schlagzeilen gesorgt.

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Vor seinem Wechsel in die Fleischindustrie schloss Dosch einen Aufhebungsvertrag mit dem Ministerium, nachdem dieses ihm eine Nebentätigkeit für Tönnies untersagt hatte. Ressortchefin Otte-Kinast wollte die Vorgänge nicht kommentieren. „Zu diesen Personalangelegenheiten äußern wir uns nicht“, meinte eine Sprecherin knapp und verwies auf das laufende Gerichtsverfahren. Der auf eigenen Wunsch und unter Verzicht auf seine Bezüge seit gut einem Jahr beurlaubte Spitzenangestellte hatte im Sommer eine Konkurrentenklage gegen das Ministerium eingereicht.

Diesen Prozess werde er ungeachtet seines neuen Jobs fortsetzen, kündigte Dosch an. „Das Eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Er wehrt sich gegen die Neubesetzung seines früheren Leitungspostens durch einen anderen Bewerber. Im August erzielte Dosch einen Teilerfolg: Das Arbeitsgericht Hannover stoppte per einstweiliger Anordnung die durch die SPD/CDU-Regierung erfolgte Berufung eines in der Ministeriumshierarchie niedriger angesiedelten Referatsleiters. Dabei rügte die Richterin die offensichtlich politischen Motive der Ministerin für die Nichtberücksichtigung des Grünen als rechtswidrig. Am 2. November will das Landesarbeitsgericht in zweiter Instanz entscheiden.

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Zusammen mit Tönnies wolle er die notwendige Agrarwende vorantreiben, beschrieb Dosch seine Motive für den Wechsel. „Dafür reicht nicht eine Kommission im Kanzleramt; dafür braucht es die Wirtschaft, die mitmacht.“ So sei der gegenwärtige Schweinestau, der schlimmes Tierleid verursache, nur mit Hilfe der großen Schachthöfe abzubauen. Firmenchef Tönnies habe er bei mehreren Gesprächen unter anderem über die umstrittenen Kastenstände für Sauen als sehr nachdenklich kennengelernt. „Der will wirklich etwas verändern.“

Das Unternehmen teste längst neue, artgerechte Ställe. Mit einem voll digitalisierten Schlachtprozess ließen sich Herkunft und Haltungsformen der Schweine genau nachvollziehen. „Ich bin nicht vom Paulus zum Saulus geworden“, beteuerte Dosch. Dabei wies er jeden Vergleich mit Ex-Bundesminister Sigmar Gabriel (SPD) zurück, dessen hochdotierte Beratertätigkeit für Tönnies im Frühsommer einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte. Er selbst verdiene bei dem Konzern nicht mehr als auf dem Abteilungsleiterposten im Ministerium.

Trotzdem rechne er neben Lob auch mit viel Kritik an seiner Entscheidung, die er vorher mit Familie und Freunden abgesprochen habe. „Den Shitstorm wird es geben.“ Reserviert reagierte der grüne Ex-Minister auf den neuen Job seines engen Ex-Mitarbeiters. „Das finde ich nicht gut, aber es ist seine persönliche Entscheidung“, meinte Meyer und zeigte ein gewisses Verständnis. „Die CDU-Ministerin hat ihn ja regelrecht rausgegrault.“

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