Gremium erstellt lange Mängelliste Fahrgastbeirat will mehr Regio-S-Bahn-Züge

Hannover·Bremen·Osnabrück. Die neue Regio-S-Bahn unter der Regie der NordWestBahn (NWB) hat vor gerade mal sieben Wochen ihren Betrieb aufgenommen - begleitet von massiver Kritik. Der Fahrgastbeirat des Verkehrsverbunds Bremen-Niedersachsen hat eine lange Mängelliste erstellt.
03.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Fahrgastbeirat will mehr Regio-S-Bahn-Züge
Von Justus Randt

Hannover·Bremen·Osnabrück. Die neue Regio-S-Bahn unter der Regie der NordWestBahn (NWB) hat vor gerade mal sieben Wochen ihren Betrieb aufgenommen. Noch ehe der erste der nagelneuen Triebwagen am Bahnsteig stand, gab es massive Kritik von Kreisbehörden, aber auch von Pendlern, die den Fahrplan betraf. Der Fahrgastbeirat des Verkehrsverbundes Bremen-Niedersachsen (VBN) monierte, dass Ticketentwerter in den Zügen fehlten, dass zu wenig Toiletten vorhanden seien - und vor allem zu wenig Sitzplätze.

Und während es all diese Kritik hagelte, begann es zu schneien, bitterkalt zu werden für hiesige Verhältnisse. Die Auswirkungen waren beachtlich, auch im öffentlichen Personennahverkehr, ja sogar im sogenannten schienengebundenen. Was die Regio-S-Bahn betrifft, räumten die Betreiber aus Osnabrück "Kinderkrankheiten" an den Elektrotriebwagen ein, die deshalb zeitweilig ausgefallen waren.

Mittlerweile ist der Schnee längst aus der Welt. Nicht aber das "Chaos bei der neuen Regio-S-Bahn", von dem der Fahrgastbeirat spricht. "Zu wenig Sitzplätze, keine durchgehende Barrierefreiheit, defekte Toiletten, mangelhafte Fahrgastinformation, nicht richtig funktionierende Fahrkartenautomaten" - es ist eine lange Mängelliste, die Beiratssprecherin Corinna Hagedorn zusammengetragen hat.

Manches davon war schon vor dem Start absehbar: Längst nicht alle Bahnsteige sind barrierefrei, das heißt, höhengleich mit dem Zugeinstieg. Anderes hat sich erst erwiesen. Die teils chronische Sitzplatzknappheit etwa, die vor allem auf der Line RS2 von Bremerhaven nach Twistringen zeit- und streckenabschnittsweise für viel Ärger sorgte. Besonders laut wurde die Kritik zum Ende der Weihnachtsferien: "Schlimmer als im Viehtransport", lautete das vernichtende Urteil eines erfahrenen Pendlers.

"Unsere Feststellung ist, dass die Kapazität immer gereicht hat", stellt NWB-Sprecherin Katrin Hofmann fest. "Die Frage ist doch, was empfindet der Fahrgast als Grenze. Wenn wir alle mitbekommen, und das haben wir, ist das gut. Auch wenn Fahrgäste mal zehn Minuten stehen müssen, ist das noch akzeptabel", sagt sie zur Sitzplatzsituation.

Die NordWestBahn kündigte an, sich die Kritik zu Herzen zu nehmen und zumindest das Fahrgastaufkommen sehr genau zu beobachten. Im Falle der RS-2-Verbindung mit Abfahrt 6.28 Uhr von Bremerhaven-Lehe und Ankunft um 7.26 Uhr in Bremen-Hauptbahnhof sei prompt "mit 100 weiteren Sitzplätzen nachgesteuert" worden, sagt NWB-Sprecherin Hofmann. Die genaue Beobachtung sei weiterhin Instrument der Wahl, um die Passagiere möglichst zufriedenzustellen. Der Osterholzer Landrat Jörg Mielke, zugleich Vorsitzender des Zweckverbandes des VBN (ZVBN), war allerdings davon ausgegangen, dass unabhängige Fahrgastzählungen in allen Region-S-Bahnen unternommen werden, um festzustellen, ob die Kapazität grundsätzlich ausreiche. Von einer solchen förmlichen Erhebung der Verkehrsnachfrage unter gutachterlicher Begleitung ist beim Regio-S-Bahn-Betreiber NWB indes nichts bekannt.

Eine Flut von Beschwerden

Der Fahrgastbeirat geht inzwischen davon aus, dass die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) und der Bremer Verkehrssenator als Aufgabenträger der Länder einfach zu wenig Zugkapazität bestellt hatten. Nach Auffassung des Beirats, den nach den Worten seiner Sprecherin Corinna Hagedorn inzwischen "eine Flut von Beschwerden" erreicht hat, "ist die Ausschreibung des Regio-S-Bahn-Netzes mit einem viel zu geringen finanziellen Ansatz auf den Weg gebracht worden".

Das bedeutet aus Sicht der Fahrgastvertreter, dass mehr S-Bahnen nötig sind. Aber geht das angesichts knapper Kassen überhaupt? "Nachsteuern ist immer möglich", sagt Rainer Peters, Sprecher der LNVG in Hannover. Auch er geht von einer Fahrgastzählung aus. Wenn die "eine explosionsartige Nachfragesteigerung" belege, müsse man sehen, "ob Fahrzeuge nachgeordert werden". Die LNVG operiere mit 260 Millionen Euro jährlich zur Bestellung von Nahverkehrszügen, "Da müssen wir uns gut überlegen, wie wir das Geld verteilen", sagt Peters.

Die LNVG jedenfalls teile die Auffassung des Fahrgastbeirates nicht: "Wir haben in ausreichendem Umfang Plätze bestellt." Details sollten im Laufe des Februars mit der NWB besprochen werden. Erst einmal müsse der Verkehr frei von saiso-

nalen Einflüssen laufen. "Die sind professionell, die machen das schon", sagt Peters über den Regio-S-Bahn-Betreiber. Zwischenzeitlich hat sich auch Reinhard Loske (Grüne), als Bremens Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa zweiter Aufgabenträger im Bunde, zu Wort gemeldet: Qualität und Zuverlässigkeit hätten spürbar zugenommen. Allerdings, hieß es weiter in seiner Mitteilung, erwarte er "einen unermüdlichen Einsatz" der NWB für die Regio-S-Bahn, "aber auch der DB Netz AG für einen reibungslosem Ablauf aller Schienenverkehre".

Der Deutschen Bahn hatte Niedersachsens Verkehrsminister Jörg Bode (FDP) just ins Stammbuch geschrieben, dass die Startschwierigkeiten der Regio-S-Bahn ihre Ursache "weit überwiegend in Infrastrukturstörungen" gehabt habe: 71 Prozent der Streckensperrungen, Stellwerksstörungen, etwa in Delmenhorst, oder Probleme mit eingefrorenen Weichen hätten sich im Netz der Bahn AG ereignet. Die DB war der NWB im Bewerbungsverfahren um den Regio-S-Bahnbetrieb unterlegen.

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