Initiative „Familien in der Krise“ Wie Eltern Kindern in der Pandemie eine Stimme geben wollen

Eltern haben sich bundesweit in einer Initiative zusammengeschlossen, um Kindern in der Pandemie eine Stimme zu geben. Wie sie sich organisieren und engagieren, haben uns zwei Mütter aus Niedersachsen erzählt.
28.02.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Wie Eltern Kindern in der Pandemie eine Stimme geben wollen
Von Marc Hagedorn

Manchmal, sagt Anne Wipper, manchmal sitze ihr großer Sohn vor den Matheaufgaben und bringe eine Stunde lang keine Lösung zu Papier. Nicht, weil er die Aufgabe intellektuell nicht meistern könnte, sondern weil er traurig sei, blockiert. Manchmal flössen dann auch Tränen. „Und wenn er fragt, ,Mama, wann wird es wieder wie vor Corona?‘ und ich ihm keine Antwort geben kann, ist das hart“, sagt Wipper, „hart für uns als Eltern, aber noch viel härter für ihn als Kind.“ In solchen Momenten ist Wipper froh, dass sie in der Pandemie Menschen wie Sina Denecke kennengelernt hat.

Sina Denecke aus Hannover ist Sprecherin der Initiative „Familien in der Krise“, die sich zu Beginn der Corona-Pandemie gegründet hat. „Wir wollen Kindern, Jugendlichen und Familien eine starke Stimme geben“, sagt Denecke, die zwei Kinder hat, vier und eins. Sie findet, dass die Belange vor allem von Kindern in der Pandemie viel zu kurz kommen. Wann sie das festgestellt hat? Im ersten Lockdown. Woran sie das gemerkt hat? „Daran, dass Bordelle schneller wieder geöffnet hatten als Schulen und Kitas.“ Da habe sie angefangen, Eltern zu suchen, denen es ähnlich geht wie ihr. Um sich auszutauschen, aber auch, um etwas zu verändern.

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Anne Wipper ist etwas später zu der Gruppe gestoßen, im September war das. Damals lagen der erste Lockdown und die erste Welle an Infektionen hinter Deutschland. Die Schulen und Kitas hatten nach den Sommerferien wieder geöffnet, aber Wipper hatte so eine Ahnung. Der Herbst stand vor der Tür, von einer möglichen zweiten Welle war längst die Rede. „Da habe ich mir gedacht: Wer weiß, was da noch kommt." Also schloss sie sich der Initiative „Familien in der Krise“ an. Den Namen fand sie passend. Der erste Lockdown war Familienleben im Krisenmodus.

Die Wucht der Pandemie

Wipper lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Buxtehude. Sie ist Projektmanagerin bei einer großen Firma, er Key-Account-Manager ebenfalls in einem großen Unternehmen. Das Paar hat drei Kinder, zwei Jungs, zehn und sieben, und eine Tochter, vier. Die Wippers wohnen in einer Doppelhaushälfte, jedes Kind hat ein eigenes Zimmer. Sie wissen, dass sie privilegiert sind.

Aber das ändert nichts am Gesamtbefund: Die Pandemie trifft Familien mit Wucht. Und im Umkehrschluss heißt das ja auch: Wenn selbst die vergleichsweise gut situierte Mittelschicht zu kämpfen hat, wie sehr müssen dann erst Familien leiden, die weniger Platz haben. Familien, in denen die Eltern um ihre Jobs fürchten. In denen die technische Infrastruktur nicht ausreicht. In denen das Geld immer knapper wird, wenn es nicht sogar schon aufgebraucht ist. Umso wichtiger, findet Wipper, dass möglichst viele Familien sich zusammentun, in allen Konstellationen und aus allen Schichten. Damit sie ins Zentrum politischer Entscheidungen rücken.

Ein paar Mal ist das den Eltern schon geglückt. Sie haben Demos organisiert, deutschlandweit, in München oder Frankfurt, aber auch hier in der Region, in Oldenburg und in Hamburg. Sie haben Petitionen gestartet und offene Briefe geschrieben, zum Beispiel ans niedersächsische Sozial- und ans Kultusministerium.

Es gibt Beobachter, die das kritisch sehen. Die sich wundern, wie schnell so eine kleine Gruppe eine so große Außenwirkung erzielen kann. Argumentativ sehen einige Kritiker „Familien in der Krise“ in der Nähe von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern. Bei Twitter trendete der Hashtag #NoFidK, nachdem Kritiker ihn in Tweets verwendet hatten. Sie werfen den organisierten Eltern vor, wirtschaftsnahe Lobbyarbeit für eine Minderheit unter den Familien zu betreiben. „Wir haben nie behauptet, für alle Familien zu sprechen“, sagt Denecke. Und weiter: „Wir distanzieren uns von den Querdenkern sowie von allen Verschwörungstheoretikern, Schwurblern oder Vertretern extremer Ansichten, egal in welche Richtung.“

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Bei Kultusminister Grant Hendrik Tonne ist die Initiative „Familien in der Krise“ sogar im Büro vorstellig geworden. Sina Denecke und eine Mitstreiterin übergaben Dutzende Blaue Briefe an den Minister, der selbst vier Kinder hat. Eltern hatten die Schreiben verfasst und darin von ihrem Ärger, ihren Sorgen und Ängsten berichtet. Und sie haben Konzepte vorgelegt und Vorschläge gemacht, wie es anders gehen kann: zum Beispiel mit Investitionen in Belüftungssysteme, zum Beispiel mit effektiven Teststrategien, kreativen Personal- und Raumlösungen – immer vor dem Hintergrund, Schulen und Kitas solange wie möglich offen zu halten. „Schließungen sollten immer nur der letzte Ausweg sein“, sagt Denecke.

Deshalb sind Familien wie die Wippers im Moment auch wieder am Limit. „Den Kindern wird gerade fast alles genommen“, sagt Anne Wipper. Das mittlere Kind hat Wechselunterricht, geht also mal zur Schule und mal nicht. Der Große ist komplett zu Hause. Eine Herausforderung für alle.

Alles ist durchgetaktet

Um spätestens sechs Uhr stehen die Eltern auf, manchmal sogar noch etwas früher, um schon mal den Rechner hochzufahren und die ersten dienstlichen Mails zu checken. Um spätestens sieben sind alle Kinder aus den Betten, nach dem gemeinsamen Frühstück bringt ihr Mann die Kleine in die Kita, und Anne Wipper geht mit ihren Jungs für 20 Minuten nach draußen. „Eine klare Struktur und ein Rhythmus sind wichtig“, sagt sie. Ab neun sitzen sie und ihr Mann meistens in den ersten Videokonferenzen des Tages, er im Schlafzimmer, sie dort, wo gerade Platz ist, das kann mal ein freies Kinderzimmer sein, mal der Küchentisch und zur Not auch ein Bett. Der große Sohn sitzt am Rechner in seinem Zimmer, Homeschooling.

Bis zum Abend geht das so weiter: Essen, Lernen, Tochter abholen, Arbeiten, Einkaufen, alles ist durchgetaktet. Von der Struktur ähnelt ein Tag dem anderen. „Alles gleich und doch immer irgendwie anders“, sagt Wipper. Manchmal ist Chaos. Je nach dem, was den Plan zerschießt, wie intensiv die Videomeetings sind und wie die Stimmungslage bei jedem einzelnen Familienmitglied ist. Festgestellt hat Wipper nämlich auch, dass „die Zündschnur immer kürzer“ wird.

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Für ihre Kinder tut es ihr leid, dass sie unter Corona-Einschränkungen heranwachsen müssen. „Was ist es denn, woran wir Erwachsenen uns heute erinnern“, sagt sie, „das Schönste waren doch früher die Klassenfahrten, das Fußballspiel, die Party, das Zelten, der Videoabend oder die Geburtstagsfeier.“ Gibt es seit Langem alles nicht mehr. Oma und Opa sieht man nur noch selten.

Viele Studien haben mittlerweile nachgewiesen, welche Folgen das Leben im Lockdown für die Kinder hat. Sie schlafen schlecht, haben Angst, entwickeln Depressionen. Sie werden dick, weil sie sich zu wenig bewegen, nicht in den Sportverein dürfen, sondern stattdessen zu lange vor dem Fernseher oder dem Rechner hocken. Was sollen die Kleinen denn auch groß machen, wenn sie sich höchstens noch mit einem Freund oder einer Freundin treffen dürfen?

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

Die Wippers versuchen an den Wochenenden, mit den Kindern raus zu kommen, Ausflüge in die Natur zu machen, mit dem Fahrrad, auf Inlinern. „Aber wir Eltern können keine Freunde ersetzen“, sagt Anne Wipper, „joggen ersetzt nicht das Fußballspielen mit Gleichaltrigen.“ Sina Denecke sagt, dass man von Acht- oder Zehnjährigen nicht erwarten könne, dass sie ihren Alltag selbstständig strukturieren. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, sagt sie. Kinder würden aber so behandelt. „Gesellschaft und Politik versagen da gerade.“

Wie sonst, fragt sie, sei es zu erklären, dass die Ein-Freund-Regelung erfunden worden ist? „Daran merkt man, dass Erwachsene entschieden haben und keine Experten dabei waren“, sagt sie. Genau dafür setzt sich ihre Initiative aber ein: dass der Blick geweitet wird, dass mehr Experten sich einbringen können. Denn die Eltern wissen: Corona wird sie weiterhin beschäftigen. Es ist noch lange nicht vorbei.

Info

Zur Sache

Zwei Initiativen, ein neuer Verein

13,5 Millionen Kinder und Jugendliche, 11,5 Millionen Familien – sie sind viele in Deutschland. Aber sie fühlen sich nicht gehört. Deshalb haben sich zu Beginn der Pandemie mehrere Initiativen gegründet. Zwei von ihnen, „Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“, machen jetzt gemeinsame Sache. Sie haben sich zum Verein „Initiative Familien“ zusammengeschlossen, der bundesweit agiert.

250 aktive Mitglieder hat der Verein, dazu kommen Tausende Unterstützer. Zu den ehrenamtlichen Mitarbeitern zählen unter anderem Pädagogen und Mediziner, Psychologen und IT-Spezialisten, Marketingfachleute und Designer. „Wir sind gut aufgestellt“, sagt Sina Denecke, Sprecherin der Landesgruppe Niedersachsen, „und wir werden immer mehr.“ Damit sie ihrem Anspruch gerecht werden können, den sie in einer Pressemitteilung formuliert haben: gekommen, um zu bleiben.

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