Familientradition hält Schleuse und Schifffahrt in Schwung

Otterndorf. Die Idylle scheint perfekt. Das Schleusenwärterhaus in Otterndorf (Kreis Cuxhaven) steht geduckt hinter dem gewaltigen Elbdeich. Ein leichter Windhauch kräuselt das Wasser vor dem Haus, irgendwo kreischt eine Möwe. Plötzlich rumpelt es kräftig, beim Anheben des hinteren Schleusentores ist die Kette abgesprungen. "So'n Mist", schimpft Ingo Kahlsdorf, "das bedeutet wieder harte Reparaturarbeit." Aber die ist der 41-Jährige gewohnt - gewissermaßen aus Tradition. Seit 140 Jahren hält seine Familie Schleuse und Schifffahrt an der Elbmündung des Hadelener Kanals in Schwung. "Das dürfte im öffentlichen Dienst einzigartig sein", so Kahlsdorf.
04.01.2011, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von WOLFGANG HEUMER

Otterndorf. Die Idylle scheint perfekt. Das Schleusenwärterhaus in Otterndorf (Kreis Cuxhaven) steht geduckt hinter dem gewaltigen Elbdeich. Ein leichter Windhauch kräuselt das Wasser vor dem Haus, irgendwo kreischt eine Möwe. Plötzlich rumpelt es kräftig, beim Anheben des hinteren Schleusentores ist die Kette abgesprungen. "So'n Mist", schimpft Ingo Kahlsdorf, "das bedeutet wieder harte Reparaturarbeit." Aber die ist der 41-Jährige gewohnt - gewissermaßen aus Tradition. Seit 140 Jahren hält seine Familie Schleuse und Schifffahrt an der Elbmündung des Hadelener Kanals in Schwung. "Das dürfte im öffentlichen Dienst einzigartig sein", so Kahlsdorf.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verbinden die Geeste und der Hadelner Kanal von Bremerhaven bis Otterndorf die Schifffahrtsstraßen Elbe und Weser. "Das letzte Binnenschiff ist hier 2004 durchgefahren", sagt Kahlsdorf. Heute benutzen ihn nur noch Sportschiffer. "Die eigentliche Aufgabe ist die Entwässerung des Hinterlandes", so Kahlsdorf, "sonst würde das Hinterland irgendwann absaufen."

Hauptaufgabe des Schleusenwärters ist es, die Anlage jederzeit betriebsbereit zu halten. Zweimal am Tag muss Kahlsdorf dann die Schleusenhub- und Stemmtore öffnen, um den Kanal in Richtung Elbe zu entwässern. "Das kann keine Automatik übernehmen, denn man muss je nach Wetter, Windrichtung und Wasserstand den richtigen Zeitpunkt anpassen", sagt er.

Seit 140 Jahren kümmert sich seine Familie um diese wichtige Arbeit, ohne die weite Teile des Marschenlandes im östlichen Kreis Cuxhaven langsam volllaufen würden. "Irgendwie ist das immer wieder von einem auf den anderen übergegangen", sagt Kahlsdorf. Die Familie blieb, nur der Arbeitgeber wechselte: von den "Hadelner Abwässerungs-Genossen" bis zum heutigen Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Die ersten drei Kahlsdorfs an der Schleuse waren noch gelernte Schipper, der Vater des heutigen Schleusenwärters war eigentlich Schlachtermeister. Immerhin hat Ingo Kahlsdorf indirekt etwas mit der Schifffahrt zu tun. Der gelernte Schlosser diente als Rohrwaffen-Mechaniker bei der Deutschen Marine. Als die Elektronik die Mechanik in der Waffentechnik ablöste, musterte Kahlsdorf ab - genau passend ging sein Vater 1992 in den Schleusenwärter-Ruhestand. "Eigentlich wollte ich ja nicht, aber dann hat mich die Vielseitigkeit der Aufgabe gereizt." Abgesehen vielleicht von den 7000 Quadratmetern Rasen, die einmal wöchentlich gemäht werden müssen. "Mit einem Handmäher, Treckerfahren geht hier am Deich nicht."

Während der Wassersportsaison ist es mit der Ruhe am Kanal vorbei. Zwar hat der Kanal vor allem Stammgäste, die zum Teil sogar ihren Urlaub verbringen, aber viele andere Sportbootfahrer kennen die Tücken des Schleusens nicht. "Dies ist die einzige Anlage in Deutschland, in der man durch einen Tunnel fahren muss", sagt Kahlsdorf und deutet auf die Durchfahrt.

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