Eingriff fast immer ohne Betäubung Fast allen Kälbern werden die Hörner weggebrannt

Das Kälbern die Hörner weggebrannt werden, gehört auf vielen Höfen zum Alltag. Aber niemand weiß genau, wie viele der 88.000 Kälber in Niedersachsen betroffen sind - und ob die Eingriffe genehmigt sind.
23.09.2016, 00:00
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Fast allen Kälbern werden die Hörner weggebrannt
Von Martin Wein

Das Kälbern die Hörner weggebrannt werden, gehört auf vielen Höfen zum Alltag. Aber niemand weiß genau, wie viele der 88.000 Kälber in Niedersachsen betroffen sind - und ob die Eingriffe genehmigt sind.

Der Eingriff dauert fünf bis zehn Minuten. Mit einem Medikament ruhiggestellt liegt das Kälbchen auf Stroh. Mit einer Schere oder einem Haarschneider entfernt der Landwirt ihm das Haar am Kopf, dort, wo sich nach ein bis zwei Lebenswochen kleine Höcker bilden. Höcker, aus denen normalerweise die Hörner werden. Doch mit seinen Gummihandschuhen drückt der Bauer jetzt einen ringförmigen Lötkolben fest auf das Hautgewebe. Der müsse wirklich heiß werden, heißt es in einem Anleitungsblatt dazu. Empfohlen sind 600 Grad Celsius. Die Hitze durchtrennt die Nervenbahnen und brennt eine tiefe Wunde ins Gewebe. Anschließend brennt der Landwirt den Höcker mit dem Kolben komplett weg. Zurück bleiben zwei daumengroße entzündliche Wunden.

Seit einigen Jahren werden fast alle Kälber in Niedersachsen dieser Verstümmelung unterzogen, die nach dem Tierschutzgesetz als Amputation gilt. Wie viele der 88.000 Kälber im Land betroffen sind, vermögen weder das Landwirtschaftsministerium noch das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu sagen. Kritiker finden das erstaunlich. Schließlich müsse in jedem Einzelfall eine spezielle Genehmigung für den Eingriff erteilt werden.

Ursache: Höhere Ansprüche beim Tierschutz

Der Bedarf dazu entstand ausgerechnet durch höhere Ansprüche im Tierschutz: „Indem die Landwirte immer mehr von der Anbindehaltung zu Freilaufgattern übergingen, nahmen auch die Probleme mit den Kühen zu“, erklärt der Veterinär Hans-Peter Klindworth vom Fachdienst Tiergesundheit der Landwirtschaftskammer Weser-Ems. Angebundene Kühe seien stärker an Menschen gewöhnt. In Freiställen gehaltene Tiere dagegen sähen den Menschen als potenziellen Feind und suchten sich mit wackelndem Kopf in Stresssituationen etwa vor der Melkmaschine oder bei der Fütterung Freiraum gegenüber Menschen und anderen Kühen zu schaffen.

„Auch auf der Weide gibt es Probleme, weil die Tiere die Rangordnung mit ihren Hörnern bestimmen. Da kann es zu Verletzungen kommen“, erklärt Klindworth. Die Amputationen hält er für unerlässlich. Man könne auch sein sehr scharfes Messer einsetzen. Das sei dann wie ein Schnitt bei einer Nassrasur.

Unbedenklicher Eingriff?

Dass der Eingriff für die Kälber tatsächlich so unbedenklich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Immerhin hat das Land Niedersachsen ihn zum Jahresanfang stärker reguliert. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz ist er nämlich grundsätzlich nur im Ausnahmefall erlaubt – und auch dann nur mit einem Minimum an Schmerzen für das betroffene Tier. Vorgeschrieben sind deshalb ein Beruhigungsmittel und mindestens zwei Tage lang ein Mittel gegen den starken Wundschmerz. Zudem ist die Prozedur nur noch bei Kälbern bis zum Alter von sechs Wochen ohne lokale Betäubung erlaubt.

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Genau um diesen Punkt gibt es harte Kontroversen: „Warum Kälber unter sechs Wochen weniger Schmerzen haben sollen, kann ich nicht nachvollziehen“, sagt Martina Hoedemaker. Sie leitet die Rinder-Klinik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Der kleine aber feine Unterschied hat sich womöglich mit Rücksicht auf die Milchbauern in die Verordnung eingeschlichen. Eine lokale Betäubung darf nämlich nur ein Tierarzt verabreichen. „Das ist auch gut so. Betäubungsmittel gehören auf keinen Fall in Laienhände“, findet Hoedemaker. Ihr Standeskollege Klindworth widerspricht. Es sei mehr die Standeslobby der Veterinäre, die um ihre Pfründe fürchte.

Tierschutzbund: Keine Enthornung ohne Betäubung

Für Dieter Ruhnke ist die Debatte unverständlich. Der Landesvorsitzende des Deutschen Tierschutzbundes lehnt eine Enthornung ohne Betäubung kategorisch ab. „Das widerspricht diametral dem Geist des Tierschutzgesetzes. Allein aus Kostengründen werden die Kälber unnötig gequält.“ Ruhnke stellt allerdings die gesamte Praxis infrage. „Hier werden Tiere für eine Haltungsform optimiert. Dabei müsste die Haltung sich nach den Bedürfnissen der Tiere richten.“ Schließlich seien die Hörner für die Rangordnung und Kommunikation der Tiere untereinander von großer Bedeutung. „Eine Kuh sieht sehr schlecht. Aber an der Hörnergröße ihrer Herdenmitglieder erkennt sie sofort, mit wem sie sich besser nicht anlegt“, erklärt auch Hoedemaker. Außerdem seien die Hörner stark durchblutet und zeigten auch dem Landwirt frühzeitig, ob die Tiere gesund und wohlauf seien. „Die Milchbauern schneiden sich mit dem Enthornen praktisch ins eigene Fleisch“, findet Ruhnke.

Derweil arbeiten die Landwirte an einer neuen Lösung für das Problem. Hornlose Zuchtbullen sind derzeit schwer gefragt. Man werde wohl noch fünf bis zehn Jahre brauchen, da ja auch andere wichtige Zuchtgene zur Langlebigkeit und hohen Milchleistung erhalten bleiben sollten. Dann gebe es nur noch Holsteiner Rinder ohne Hörner, hofft Veterinär Klindworth. Ob bis dahin wirklich alle Kälber ihre Hörner verlieren müssen, wird im Ministerium aktuell zumindest diskutiert.

Alexandra Schönfeld aus der Pressestelle des Ministeriums erklärt, im Rahmen des Tierschutzplans Niedersachsen werde derzeit ein Konzept abgestimmt, wie sich die Notwendigkeit zur Enthornung verringern lasse.

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