Neues Einsatzkonzept bei Großübung im Wesertunnel Feuer unterm Fluss

Am Sonntag haben 230 Rettungskräfte den Ernstfall im Wesertunnel trainiert. Wie gut das neue Einsatzprinzip funktioniert hat und welche Probleme auftraten.
27.10.2019, 20:42
Lesedauer: 3 Min
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Feuer unterm Fluss
Von Jürgen Hinrichs

Es knallt, Explosionen. Es brennt, Feuer und Rauch. Der Rauch so stark, dass man die Hand vor Augen nicht sieht und schnell die Orientierung verliert. Ein Lastwagen steht in Flammen, davor Autos, die ineinander verkeilt sind. Menschen darin, die auf Hilfe hoffen. Manche sind verletzt, wie schwer ist unklar. Sie schauen mit bangem Blick durch die Scheiben, sind unschlüssig. Sitzen bleiben und abwarten oder auf eigene Faust losrennen? Weg von diesem Inferno, das unkalkulierbar ist. Gleich brennt womöglich noch mehr, saugt die Luft ab, frisst sich vor und zurück, bis das Feuer keine Nahrung mehr findet, weil alles zerstört ist.

230 Einsatzkräfte im Einsatz

Dramatische Szenen am Sonntag im Wesertunnel. 230 Rettungskräfte üben den Großeinsatz, so realistisch wie irgend möglich. Feuer, Rauch und Explosionen. Dazu Geräusche, die schlecht einzuordnen sind. Ein Piepen, Quietschen und Knacken, laute und leise Rufe, alles durcheinander, eine Kakofonie, und dann diese Stimme. Eine Frau mit metallischem Ton, hart, abgehackt, wie eine Maschine, und doch ist es ein Mensch, der aus den Lautsprechern spricht, oder etwa nicht? „Achtung Notfall“, hallt durch die Nordröhre, „es brennt im Tunnel. Lebensgefahr.“

Spätestens in diesem Moment läuft es den Beteiligten kalt den Rücken hinunter. Wer noch im Auto verharrt, soll es verlassen und den Zündschlüssel stecken lassen, sagt die Stimme. „Gehen sie zum Notausgang. Folgen sie den Fluchtwegzeichen. Helfen sie den anderen Perso . . .“ – dann ist Schluss, plötzlich bricht die Durchsage ab. Später passiert es noch einmal. Nicht das einzige, was bei der Übung missrät. Die Feuerwehr will sich erst einmal beraten, bevor sie ein Resümee zieht. Licht und Schatten, so viel kann man schon sagen.

Tunnel sind Orte, denen viele Menschen nicht so recht trauen. Sie fühlen sich eingeengt und ausgeliefert. Es gibt bei ihnen eine tief liegende Angst, manchmal so sehr, dass sie Umwege fahren, um der Situation zu entgehen. Beim Wesertunnel ist das einfach, kein Umweg, sondern ein anderes Verkehrsmittel – mit der Fähre über den Fluss.

Die unterirdische Verbindung mit Nord- und Südröhre gibt es seit 15 Jahren und wird jeden Tag von durchschnittlich 18.000 Fahrzeugen passiert. Gerechnet worden war vor dem Bau mit doppelt so vielen. Auf mittlere Sicht dürfte diese Prognose doch noch eintreffen, sobald der Tunnel Teil der sogenannten Küstenautobahn ist. Die A 20 soll auf dieser Teilstrecke in zehn bis 15 Jahren fertig sein. Am Ende wird sie auf niedersächsischem Gebiet von Westerstede im Westen bis Drochtersen im Osten führen. Das sind 121 Kilometer.

Neues Einsatzkonzept

Mehr Verkehr im Tunnel birgt größere Gefahren. Darauf wollen sich die Rettungskräfte mit neuen Einsatzkonzepten nach und nach einstellen. Bei der Übung am Sonntag verfolgen sie ein Prinzip, das eine Regel, die vorher galt, ins Gegenteil verkehrt. Daniel Holzapfel, Sprecher der Gemeindefeuerwehr Loxstedt, erklärt, worum es geht: „Löschen, um zu retten“, sagt er, „zunächst das Feuer bekämpfen, dann die Leute rausholen.“ Ein taktischer Ansatz, den Schweizer Tunnelexperten und deutsche Feuerwehrleute entwickelt hätten, auch solche von der Weser, aus Loxstedt und der Gemeinde Stadland auf der anderen Seite des Tunnels. Das seien grundsätzliche Überlegungen, betont Holzapfel, unabhängig von der Küstenautobahn.

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Rauch und Hitze sind Gift für jede Rettung, also ran an den Brandherd, das zuerst. So richtig in den Köpfen angekommen ist das aber noch nicht. Als die Feuerwehrleute in der Südröhre aus ihren Löschfahrzeugen quellen und durch einen der Querschläge zwischen den beiden Röhren zum Einsatzort vorrücken, kümmern sie sich zunächst um die Verletzten. In den Autos sitzen Komparsen von der Jugendfeuerwehr, die Patientenkarten um den Hals hängen haben. Die Retter können nicht erkennen, um welche Verletzung es sich handelt und sind beim Transport entsprechend vorsichtig. Die Daten auf den Karten erschließen sich später erst dem Notarzt. Er rubbelt sie frei und weiß, was zu tun ist.

Verletzter Feuerwehrmann

Unter den Verletzten ist ein Feuerwehrmann. Er wird unter Mühen auf einer Tragbahre zum Sammelplatz geschleppt und von seiner schweren Montur befreit. Der Mann grinst. „Die haben mir gesagt, du kippst jetzt mal um.“ Diagnose: Atemnot.

Großübungen dieser Art stehen in einem Straßentunnel alle vier Jahre an. Das ist die Vorschrift. Den Wehren an der Weser reicht das nicht, sie trainieren den Ernstfall alle zwei Jahre – und sind auch sonst immer mal wieder im Tunnel. Bei jedem Unfall wird vorsichtshalber die Feuerwehr gerufen, selbst wenn es nur ein Blechschaden ist. Wirklich gebrannt hat es bisher aber noch nicht.

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