Abgeordnete kritisieren Unterrichtsmaterial "Fleischatlas" liegt CDU schwer im Magen

Der „Fleischatlas 2014“ setzt sich kritisch mit dem Konsum auseinander und richtet sich an Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen. Das Unterrichtsmaterial liegt der CDU jedoch schwer im Magen.
09.02.2015, 00:00 Uhr
Lesedauer: 2 Min
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Von Silke Looden

Der „Fleischatlas 2014“ setzt sich kritisch mit dem Konsum auseinander und richtet sich an Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen. Das Unterrichtsmaterial liegt der CDU jedoch schwer im Magen.

Der „Fleischatlas 2014“ stößt dem ehemaligen niedersächsischen Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) aus Kalbe im Landkreis Rotenburg sauer auf. Die 52 Seiten starke Publikation setzt sich kritisch mit dem weltweiten Fleischkonsum auseinander. Die vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Heinrich-Böll-Stiftung und der französischen Zeitung Le Monde diplomatique herausgegebene Text- und Grafiksammlung richtet sich an Schülerinnen und Schüler.

„Ein Unding, was jungen Leuten da in der Schule vermittelt wird“, meint der Landtagsabgeordnete Ehlen. Der „Fleischatlas 2014“ sei „unwissenschaftlich und unlauter“. Das Land Niedersachsen dürfe eine derart verzerrende Darstellung nicht auch noch unterstützen. Für den ehemaligen Schweinemäster gehört Fleisch zu einer ausgewogenen Ernährung. Gemeinsam mit zwei weiteren CDU-Landtagsabgeordneten hat Ehlen in der Sache eine Anfrage an die zuständige Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) gestellt.

Die Ministerin sieht keinen Anlass zur Kritik am Unterrichtsmaterial. Es handele sich nicht um eine wissenschaftliche Publikation, sondern um eine „anschauliche Sammlung von Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel“. Schülerinnen und Schüler müssen ihrer Ansicht lernen, ökonomische und ökologische Zusammenhänge zu sehen. Das gehöre zum Bildungsauftrag, sagt Ministerin Heiligenstadt. Ein nachhaltiger Konsum von Fleisch sei gesellschaftlich relevant. Zudem seien die Schulen frei in ihrer Entscheidung, den „Fleischatlas“ als Unterrichtsmaterial einzusetzen.

Der Landesschülerrat Niedersachsen begrüßt das zusätzliche Unterrichtsmaterial. Vorsitzender Helge Feussahrens erklärt: „Die Schule soll uns auf das spätere Leben vorbereiten. Das gilt selbstverständlich auch für den kritischen Umgang mit dem Konsum von Lebensmitteln.“ Wer mündige Bürger wolle, müsse auch gesellschaftskritisches Material in der Schule zulassen. Der Landeselternrat hat auch kein Problem mit dem „Fleischatlas“. Das sei „kein Thema“, meint die Vorsitzende Sabine Hohagen.

Die Kultusministerin indes erklärt in der Antwort auf die Anfrage der CDU, dass Schüler wissen sollten, welche Auswirkungen der weltweit steigende Fleischkonsum auf die Entwicklungsländer habe oder was das geplante Freihandelsabkommen für die Qualität von Lebensmitteln bedeuten könne. Der Landtag habe mehrfach über das Chloren von Hühnern diskutiert, das in den USA üblich, in Niedersachsen aber aus gutem Grund verboten ist.

Die Herausgeber machen aus ihrer Kritik an der Agrarindustrie kein Geheimnis. Bereits im Vorwort geht es um den „globalen Hunger nach Fleisch“. Auch wenn der Fleischkonsum in Deutschland in jüngster Zeit um zwei Kilogramm pro Einwohner zurückgegangen sei, werde der weltweite Verbrauch bis Mitte des Jahrhunderts von 300 auf 500 Millionen Tonnen ansteigen, betonen sie. Wertvolle Regenwälder würden dafür abgeholzt, Böden und Wasser durch Pestizide verseucht.

Das Bundesumweltministerium garniert den „Fleischatlas“ mit Unterrichtsvorschlägen. Das Lernziel ist klar: Die Schüler sollen eine kritische Haltung zum Fleischkonsum entwickeln. Empfohlen wird den Lehrkräften etwa die eigens zum Atlas entwickelte App fürs Smartphone. Das Quiz fragt zum Beispiel danach, was ein deutsches Schnitzel mit der Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes zu tun hat. Für jede richtige Antwort wird ein virtuelles Huhn aus einem ebenso virtuellen Stall befreit. Hans-Heinrich Ehlen geht die Spielerei angesichts der Ernsthaftigkeit des Themas zu weit: „Man darf junge Leute nicht für dumm verkaufen“, sagt er. Seinen Hof hat Ehlen inzwischen an seinen Sohn verpachtet.

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