DRK als Betreiber der Schwaneweder Notunterkunft rechnet mit weiteren Demos / Petition an Schröder-Köpf

Flüchtlinge verlieren die Geduld

Schwanewede. Die Demonstration der Flüchtlinge in Schwanewede von Anfang der Woche wird nicht die letzte gewesen sein. Davon geht das DRK als Betreiber der Notunterkunft in der ehemaligen Lützow-Kaserne aus.
03.12.2015, 00:00
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Flüchtlinge verlieren die Geduld
Von Patricia Brandt
Flüchtlinge verlieren die Geduld

Flüchtlinge aus der ehemaligen Lützow-Kaserne in Schwanewede demonstrierten diese Woche für eine schnellere Bearbeitung ihrer Fälle.

Christian Kosak

Die Demonstration der Flüchtlinge in Schwanewede von Anfang der Woche wird nicht die letzte gewesen sein. Davon geht das DRK als Betreiber der Notunterkunft in der ehemaligen Lützow-Kaserne aus. „Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert, wenn die Menschen, die seit September bei uns sind, bis Januar keinen Asylantrag stellen können“, sagt Henning Dageförde, Kreisgeschäftsführer des DRK Wesermünde. Er hofft darauf, dass eine Petition der Flüchtlinge an die Migrationsbeauftragte des Landes, Doris Schröder-Köpf, das Verfahren beschleunigt. Unterdessen mehren sich in den sozialen Medien die Stimmen derjenigen, die den Protest von Flüchtlingen für unangemessen halten.

Wie berichtet, hatten sich am vergangenen Wochenende zunächst 60 der rund 1200 Flüchtlinge der Notunterkunft in der Nacht von Freitag auf Sonnabend zu einer Sitzblockade auf einer Kreuzung im Ort aufgemacht, Anfang der Woche dann protestierten rund 200 Frauen, Männer und Kinder. Die Demonstranten forderten eine schnellere Bearbeitung von Asylanträgen und eine schnellere Integration. Einzelne Flüchtlinge beklagten aber auch die Situation in der Notunterkunft. Kritisiert wurde etwa die Unterbringung in Sieben-Bett-Zimmern, mangelnde ärztliche Versorgung und der Umgang des Sicherheitsdienstes mit den Geflüchteten. So sollen Sicherheitskräfte unangemeldet in den Frauentrakt eingedrungen sein. In den sozialen Medien machte kürzlich auch das Gerücht die Runde, Flüchtlinge hätten schweinehaltige Gelatine in Form von Pudding zu essen bekommen.

DRK-Kreisgeschäftsführer Henning Dageförde, der die Notunterkunft im September mit aufgebaut hat, zeigt viel Verständnis für die Situation der Flüchtlinge. „Wir haben Menschen in der Notunterkunft, die seit September hier sind, und es ist völlig unklar, wann sie ihren Asylantrag stellen können.“

Die aus Kriegsgebieten stammenden Flüchtlinge fürchten, dass sie ihre Familien nicht mehr nachholen dürfen. „Sie nehmen die politische Diskussion darüber wahr, dass der Familiennachzug begrenzt werden soll“, berichtet Henning Dageförde. Das DRK sieht sich jedoch nicht in der Lage, den Bewohnern der Notunterkunft bei ihren Asylanträgen zu helfen. Die Verteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen falle in die Zuständigkeit des Bundes und der Länder. Zeitweise sei nur ein Mitarbeiter für 1200 Flüchtlinge zuständig gewesen.

Bis Jahresende soll die Zahl der Flüchtlinge in der Kaserne von 1200 auf 2000 steigen. Für das DRK bedeutet das eine weitere Herausforderung, so Dageförde: „Weihnachten werden doppelt so viele Menschen in der Lützow-Kaserne wie in meinem Heimatort Uthlede wohnen. Mit allen Problemen, die jeder Einzelne mitbringt. Die Menschen bekommen drei Mahlzeiten am Tag, soziale Angebote und Kinderbetreuung – ohne, dass wir das jahrelang geübt oder vorbereitet haben.“

Beim Aufbau der Notunterkunft sei von den Mitarbeitern des DRK enorm viel geleistet worden. Das Deutsche Rote Kreuz hatte die Notunterkunft in Schwanewede im September aus dem Nichts geschaffen. Innerhalb von vier Tagen bezogen knapp 1000 Flüchtlinge die ehemaligen Stuben der Lützow-Kaserne. „Hochwasser kann das DRK im Schlaf. Es gab aber kein Handbuch, in dem steht: Wie baue ich ein Dorf mit 1000 Bewohnern auf?“

Das DRK stieß als Betreiber der Notunterkunft zeitweise auch aufgrund von Personalmangel an seine Grenzen. Als Gründe dafür nennt Dageförde kurzfristige Verfügbarkeit und Zeitverträge. So wird den Bewohnern zwar ein medizinischer Notdienst angeboten, nach den Worten des Kreisgeschäftsführers fehle aber zum Beispiel ein zweiter Arzt.

Schwierigkeiten gab es auch, einen spezialisierten Caterer für die Verpflegung der Bewohner zu finden: „Es ist uns ein geleehaltiger Pudding durchgerutscht“, räumt Dageförde ein. Der Caterer habe aber sofort reagiert und auf Obst als Nachtisch umgestellt. Die Sicherheitskräfte des Unternehmens, das im Auftrag des DRK arbeitet, dürften nicht unangemeldet in die Zimmer kommen. Sie müssten zum Teil aber für Ordnung sorgen – in einigen Zimmern werde unerlaubterweise gekocht.

In den sozialen Medien wird der Protest der Flüchtlinge in Schwanewede seit Tagen kontrovers diskutiert. Das DRK hat die Flüchtlinge darauf hingewiesen, dass es immer noch besser sei, in der Kaserne untergebracht zu sein als in einem Zelt oder in einer Turnhalle. Mit ihrem Protest, fürchtet Dageförde, könnten die Flüchtlinge das genaue Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen wollen. „Es gibt in der Bevölkerung auch Stimmen, die sagen, die Flüchtlinge haben ein Dach über dem Kopf, Essen und ein Leben in Frieden. Also was soll der Protest?“

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