Als Schutz vor Starkregen Forscher wollen Freepsumer Meer fluten

Forscher haben einen Plan, wie Emden vor Starkregen zu schützen ist. Ein im 18. Jahrhundert trockengelegter See soll als Rückhaltebecken dienen. Er könnte rund eine Million Kubikmeter Wasser speichern.
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Forscher wollen Freepsumer Meer fluten
Von Martin Wein

Forscher haben einen Plan, wie Emden vor Starkregen zu schützen ist. Ein im 18. Jahrhundert trockengelegter See soll als Rückhaltebecken dienen. Er könnte rund eine Million Kubikmeter Wasser speichern.

Der menschengemachte Klimawandel ist Realität. In den tiefliegenden Gebieten der ostfriesischen Küste, vielerorts liegen sie bereits jetzt unter dem Meeresspiegel, machen sich die Folgen schon heute bemerkbar. Extreme Niederschlagsereignisse, die zu Überflutungen im Binnenland führen, sind keine Ausnahme mehr. Besonders in den städtischen Gebieten wie in Emden oder Aurich gibt es dann Einkaufserlebnisse der besonderen Art.

Aber auch Weiden und Felder sind betroffen. In der nahen Zukunft werden solche Niederschlagsereignisse noch gravierender ausfallen als bisher, warnen Klimaforscher. In Verbindung mit dem durch thermische Ausdehnung und abschmelzende Eisschilde messbar verstärkt ansteigenden Meeresspiegel ergibt sich ein anderes Problem: Wohin mit dem Regenwasser, das sich hinter den Deichen sammelt?

Eine erste mögliche regionale Lösung hat jetzt das Forschungsprojekt Comtess unter Leitung der Universität Oldenburg entwickelt. Bei diesem Projekt suchen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen am Beispiel der Krummhörn nach Möglichkeiten nachhaltiger Landnutzung des Küstenraumes im Angesicht des Klimawandels.

„Um das Regenwasser zu halten und eventuell natürlich verdunsten zu lassen, haben wir nun vorgeschlagen, Polder für das Regenwasser anzulegen und die Gräben zu verbreitern, sodass sie mehr Wasser aufnehmen können. Diese Maßnahmen reduzieren den Anteil des Wassers, der in die Nordsee gepumpt werden müsste,“ sagt Leena Karrasch vom Centre for Environment and Sustainability Research (COAST), die in der Krummhörn für den Kontakt zwischen Projektwissenschaftlern und lokalen Entscheidungsträgern sorgt. Eine ähnliche Lösung wurde schon beim Großen Meer bei Aurich in die Praxis umgesetzt.

Freepsumer Meer verschafft dem Küstenschutz wertvolle Zeit

Am Dollart haben die Comtess-Wissenschaftler vor allem das Freepsumer Meer im Auge. Der frühere See wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trockengelegt und wird seither landwirtschaftlich genutzt. An der tiefsten Stelle liegt er 2,5 Meter unter dem Meeresspiegel. „Hier könnte man bei Starkniederschlägen relativ einfach Regenwasser einleiten und damit andere Flächen in der Krummhörn schützen“, erklärt Karrasch. An einigen Stellen müssten dazu Uferwälle aufgeschüttet werden, um das Wasser zu halten, „aber der Aufwand hält sich in Grenzen“.

Gleichzeitig würde das Freepsumer Meer dem Küstenschutz Zeit verschaffen, um die anfallenden Regenmengen außendeichs zu pumpen. Wie viel Wasser das neue Gewässer aufnehmen könnte, haben die Wissenschaftler noch nicht abschließend berechnet. Das hängt stark von der Größe und dem zusätzlichen Puffervolumen ab. Eine Größenordnung wie beim Großen Meer hält man in Oldenburg allerdings für realistisch. Dieses Gewässer kann bei einer Fläche von rund 460 Fußballfeldern und einer Normaltiefe von 80 Zentimetern nach Starkregen zusätzlich eine Million Kubikmeter Wasser aufnehmen.

Den Wissenschaftlern von Comtess ist bewusst, dass ihre Lösungsvorschläge nur in enger Abstimmung mit regionalen Akteuren eine Chance auf Umsetzung haben. Im Rahmen des Projektes wurde deshalb die Regionalgruppe Krummhörn ins Leben gerufen. Experten aus den Bereichen Wasser- und Küstenmanagement, Landwirtschaft, Naturschutz, Regionalpolitik und -planung sowie Tourismus arbeiten darin mit. Karrasch berichtet: „Gemeinsam haben wir Grundzüge einer nachhaltigen Anpassungsstrategie für die Landnutzung in der Krummhörn entwickelt, die gleichzeitig auf längere Sicht sozial gerechter, ökologisch verträglicher und wirtschaftlich effektiver ist.“ Insgesamt vier Jahre und viele Diskussionen waren dazu nötig.

Trinkwasserversorgung ohne Polder möglicherweise gefährdet

Dafür werden die Vorschläge der Naturwissenschaftler nun auch von lokalen Interessenvertretern unterstützt. Obersielrichter Reinhard Behrends, der in der Regionalgruppe mitarbeitet, sagt: „Es macht Sinn, darüber nachzudenken, Niederungsgebiete, wo die Schadensgrenze recht überschaubar ist, als Polder zu nutzen. Die Unterschöpfwerksgebiete können teilweise als Entlastungspolder geplant werden, um sie im Extremfall als großflächige Regenrückhaltebecken zu nutzen.“

Für das Wassermanagement ist so ein Polder sehr wichtig. Nicht nur Überflutungen werden kontrollierbarer, auch das Problem der Grundwasserversalzung wird verringert. Auf natürlichem Weg strömt nämlich Salzwasser unter dem Deich ins Landesinnere. Treten im Sommer verstärkt Trockenperioden auf, wird das Salzwasser im Untergrund angesogen und tritt an der Oberfläche aus. Von dort versalzt es das Grabenwasser. Eine solche Versalzung könnte die Trinkwasserversorgung gefährden und auch die Gräben als Viehtränke unbrauchbar machen. Eine verstärkte Entwässerung würde diesen Prozess sogar noch beschleunigen. Die Polderflächen allerdings halten das Salzwasser in tieferen Bodenschichten.

Landwirte können noch auf andere Weise profitieren, glaubt Karrasch. Das Wasser der Polder könne zur Bewässerung in
trockenen Sommermonaten oder zur Viehtränke genutzt werden. An den Randbereichen des Gewässers werde eine extensive Beweidung möglich sein. Auch der Naturschutz werde gefördert: Feuchtgebiete bildeten einen wertvollen Lebensraum für viele geschützte Arten. Auch aus Sicht des Tourismus werde die Attraktivität der Region gesteigert.

UN-Klimaschutzrat schildert pessimistisches Szenario

Die Zusammenarbeit der Regionalgruppe Krummhörn mit den Forschern trägt mittlerweile erste Früchte. Jüngst wurde die gemeinsam entwickelte Strategie vom Landkreis Aurich in dem Entwurf des neuen Regionalen Raumordnungsprogramms aufgenommen. Damit wird das Freepsumer Meer als Vorbehaltsgebiet der Landwirtschaft sowie als ein Hochwasserrückhaltebecken ausgewiesen.

Ostfriesland sich selber zu überlassen, das ist aus Sicht der Wissenschaftler jedenfalls keine Option. „Je schneller und vorausschauender die Menschen vor Ort handeln, desto besser werden sie die Folgen von Klimawandel und Meeresspiegelanstieg verkraften können“, glaubt Karrasch. Ein begrenzter Eingriff in die Kulturlandschaft wie am Freepsumer Meer sei allemal besser, als auf extrem kostspielige und wenig nachhaltige zusätzliche Pumpen zu setzen. Und die werden nötig sein, wenn die Entscheidungsträger in Ostfriesland nicht handeln. „Wenn das pessimistische Szenario des UN-Klimaschutzrates eintritt, könnte ab dem Jahr 2080 der natürliche Abfluss zum Erliegen kommen. Dann muss ein großer Teil des abfließenden Wassers gepumpt werden, falls wir bis dahin keine brauchbaren Lösungen haben“, schlussfolgert Karrasch.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts Comtess werden ab dem 20. Januar 2017 im Rathaus Pewsum in einer Wanderausstellung detailliert vorgestellt.

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