Lehrergewerkschaft Frischer Wind in der GEW

Die bisherige GEW-Vizechefin Laura Pooth will sich einen Tag nach der Bundestagswahl auf der GEW-Landesversammlung in Hannover zur neuen Chefin von Niedersachsens größter Lehrergewerkschaft küren lass
10.09.2017, 19:57
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Frischer Wind in der GEW
Von Peter Mlodoch

Bildungsgerechtigkeit? Laura Pooth fällt sofort das Wörtchen „desto“ als abschreckendes Beispiel ein. In der dritten Grundschulklasse ihres achtjährigen Sohnes in Oldenburg, berichtet die designierte neue Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, sollten die Schüler vor einigen Tagen in ihrem ersten Test Sätze ergänzen.

„Je höher die Typenzahl, desto gesünder das Mehl“, lautete eine der Lösungen. Was ihrem eigenen Kind keine Mühe machte, stellte dessen türkischstämmigen Freund vor Probleme. Der ansonsten äußerst pfiffige Junge kannte den Ausdruck „desto“ nicht; seine Nachfrage blockte die Lehrerin aber unwirsch ab; es gab einen Notenabzug.

„Solche Situationen können ganze Schulkarrieren kaputt machen“, beklagt die 39-jährige Mutter. „Unser selektives Schulsystem ist oft schwer erträglich.“ Die betroffenen Kinder könnten ihre Fähigkeiten nicht entfalten, fühlten sich aussortiert und demotiviert.

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„Natürlich ist unser Schulsystem durchlässig, aber nur nach unten“, kritisiert Laura Pooth. Ihr Gegenmittel: „Wir müssen die Bildungswege so lange wie möglich offen lassen.“ Die bisherige GEW-Vizechefin weiß, wovon sie spricht. Zehn Jahre lang unterrichtete sie an Haupt- und ­Oberschulen in Selsingen (Kreis Rotenburg) und Hesel (Kreis Leer) Deutsch und Englisch.

Jetzt steht ihr selbst ein beruflicher Aufstieg bevor. Pooth will sich einen Tag nach der Bundestagswahl auf der GEW-Landesversammlung in Hannover zur neuen Chefin der mit 30 000 Mitgliedern größten Lehrergewerkschaft in Niedersachsen küren lassen und den Langzeitvorsitzenden Eberhard Brandt ablösen. Damit steht der Gewerkschaft mehr als nur ein Generationswechsel bevor.

Mitglieder erheben Vorwürfe

Der 66-jährige frühere Studienrat an einer Wolfsburger Gesamtschule führte die Interessenvertretung 14 Jahre lang, prägte ihr Image als SPD-nah, führte sich manchmal sogar auf wie ein sozialdemokratischer Schatten-Kultusminister. Viele Mitglieder nahmen ihm das übel: Brandt habe SPD-Amtsinhaberin Frauke Heiligenstadt zu oft geschont, die ­Missstände bei Belastung und Bezahlung der ­Lehrkräfte zu wenig angeprangert, lauteten die Vorwürfe.

Bei seiner Wiederwahl vor zwei Jahren bekam der Geschichtslehrer mit nur 53,4 Prozent der Delegiertenstimmen einen dicken Denkzettel verpasst. Misstrauisch als Kungelei beäugt wurden auch Brandts legendäre Geheimtreffen mit den jeweiligen Kultusministern, auch denen der CDU.

Mit den Christdemokraten Bernd Busemann (2003 bis 2008) und Bernd Althusmann (2010 bis 2013) konnte der GEW-Boss hinter den Kulissen so manches Problem abräumen. Nur mit CDU-Frau Elisabeth Heister-Neumann klappte dies nicht; das zerrüttete Verhältnis gipfelte in einem – letztlich ergebnislosen – Disziplinarverfahren, weil Brandt in seiner Wolfsburger Schule angeblich Unterricht geschwänzt haben sollte.

Offenere und frischere Kommunikation

„Vier-Augen-Gespräche müssen manchmal sein“, sagt nun auch seine designierte Nachfolgerin. „Wichtig ist aber, die gesamte Organisation mit ins Boot zu holen.“ Unter ihrer Führung werde die GEW als Team auftreten, verspricht Pooth. Eine offenere und frischere Kommunikation kündigt sie auch mit allen Parteien an. „Wir brauchen mehr Austausch. Im Alleingang sind unsere Ziele nicht zu schaffen.“

In den Vordergrund stellt sie dabei den knackigen Slogan „Mehr Geld, weniger Arbeit“. Um die in der GEW-Arbeitszeitstudie aufgedeckten Belastungen abzubauen, plädiert Pooth für eine Altersermäßigung für Lehrer ab 55, eine Absenkung der Unterrichtsverpflichtung an allen Schulformen sowie für eine Erhöhung der Anrechnungsstunden als Ausgleich für nicht-unterrichtliche Tätigkeiten.

Um den Beruf attraktiver zu machen, fordert sie eine höhere Besoldung für Grund-, Haupt- und Realschullehrer. Diese sollen künftig nicht mehr nach Besoldungsgruppe A 12 bezahlt werden, sondern wie Gymnasial- und Förderschullehrer A 13 (zwischen 3800 und 4900 Euro brutto).

Positionen lösen nicht nur Freude aus

Seit der Angleichung der Ausbildungszeiten seien Unterschiede bei der Besoldung nicht mehr zu rechtfertigen. Derlei Positionen lösen nicht nur Freude aus. Die Politik – egal welcher Couleur – zeigt sich skeptisch bis ablehnend, viele Gymnasiallehrer entfachten wegen des Gehaltsvorschlags sogar einen regelrechten „Shitstorm“ gegen ihre Kollegin.

Die Pauker fürchten ein Ende des seit Jahrzehnten vehement verteidigten „Abstandsgebots“ zu den Lehrkräften anderer Schulformen. Immerhin 4500 Gymnasiallehrer sind in der GEW organisiert. Pooth reagiert auf solche Gegenstimmen gelassen. „Ich kann bis zu einem gewissen Grad auch Prügel einstecken“, sagt die frühere Wettkampfschwimmerin mit der Spezialdisziplin 200 Meter Rücken.

­Ausgleich für möglichen Ärger findet Pooth beim Tanzen. Für Standard-Latein und ihre Auftritte in einer Charleston-Formation braucht sie Ausdauer, Beweglichkeit und Rhythmus-Gefühl – Eigenschaften, die man in vorderster Front der niedersächsischen Bildungspolitik sehr gut gebrauchen kann.

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