Unglücksfälle im Windpark auf hoher See Für Offshore-Mitarbeiter ist keiner zuständig

Cuxhaven. Bislang stehen mehr als 50 Windanlagen in Nord- und Ostsee. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) hatte inzwischen knapp 50-Offshore-Einsätze. Doch die Zuständigkeiten für eine Rettung seien nicht geregelt, heißt es.
09.01.2012, 05:00
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Für Offshore-Mitarbeiter ist keiner zuständig
Von Silke Looden

Cuxhaven. Techniker, Ingenieure und Monteure bringen die Energiewende auf See voran. Bislang stehen mehr als 50 Windanlagen in Nord- und Ostsee. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) hatte inzwischen knapp 50-Offshore-Einsätze. Doch die Zuständigkeiten für eine Rettung seien nicht geregelt, sagt das Havariekommando in Cuxhaven.

Mehrere Hundert Menschen arbeiten in deutschen Offshore-Windparks, bald werden es Tausende sein. In 20 Jahren sollen statt der mehr als 50 Windanlagen in Nord- und Ostsee circa 5000 Anlagen errichtet sein. Vor der Küste wächst eine Großbaustelle, auf der es Unfälle geben kann. Doch wer ist für die Bergung der Verletzten von Offshore-Anlagen zuständig? Diese Frage bis heute ungeklärt.

"An Land rufen Sie die 112 an, und der Notarzt ist in einer Viertelstunde vor Ort", sagt Ulrike Windhövel, Sprecherin des Havariekommandos in Cuxhaven. "Da draußen aber gibt es weder Rettungswagen noch Krankenhäuser." Bis ein Helikopter den Windpark erreicht hat, könne es Stunden dauern. Offiziell ist das Havariekommando gar nicht nicht zuständig für die Bergung von Verletzten eines Offshore-Windparks. "Aber wir können doch niemanden sterben lassen, nur weil der Gesetzgeber die Zuständigkeiten bis heute nicht geklärt hat", sagt Windhövel. Sie erinnert sich an einen Unfall im November 2009: "Damals konnten die Seenotretter mit ihrem Schiff nicht anlegen. Ein Marinehubschrauber hat den Mann schließlich geborgen." Das Havariekommando hatte den direkten Draht zur Bundesmarine hergestellt.

Der Cuxhavener Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Enak Ferlemann (CDU) setzt sich für zusätzliche Hubschrauber ein, anzuschaffen vom Bundesverkehrsministerium, zu fliegen von Piloten der Bundesmarine. Nach Angaben des Ministeriums soll ein Sicherheitskonzept für die Rettung in Offshore-Windparks noch im ersten Halbjahr 2012 vorliegen. "Verschiedenste Behörden und Institutionen arbeiten daran", sagt ein Sprecher. Für Ferlemann ist die Sicherheit nicht allein Sache des Bundes. Auch die Betreiber müssten Schutz- und Sicherheitskonzepte sowie Notfallpläne entwickeln und fortschreiben. "Diese müssen in regelmäßigen Übungen erprobt werden", so Ferlemann.

Die Offshore-Firma Bard aus Emden, die den ersten kommerziellen Windpark auf See etwa 90 Kilometer vor der Insel Borkum errichtet, hat in Ermangelung staatlicher Regelungen ihr eigenes Hochsee-Rettungskonzept erarbeitet, gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) Ammerland und der NHC Northern Helicopter GMBH. Seither ist ein Hubschrauber am Flugplatz in Emden stationiert, sodass ein Notarzt innerhalb einer Stunde an der Unfallstelle auf der Nordsee sein kann. Für die DGzRS ist das eine "Insellösung", die letztlich zu kurz greift.

Uwe Helge Fox leitet den Rettungsdienst der DGzRS. Gemeinsam mit dem Havariekommando hat er ein Konzept für eine Notfallleitstelle für Offshore-Windparks vorgelegt. Demnach würde die DGzRS ihr Know-how zur Verfügung stellen und eine GmbH gründen, die dann die Windparks von Bremen aus überwacht. "In ein paar Jahren werden dort draußen Tausende Menschen in einem riesigen Seegebiet arbeiten. Dutzende Hubschrauber werden auf See unterwegs sein. Im Ernstfall kommt es darauf an, den nächsten Sanitäter mit dem nächsten Hubschrauber zum Unfallort zu schicken." Die Aufsicht über die Leitstelle solle das Havariekommando haben, meint Fox, denn ohne Vorschriften gehe es nicht. Dann würden die Unternehmen womöglich an der Sicherheit sparen.

Fachminister beraten

Bei den Genehmigungen für Offshore-Windparks spielt die Sicherheit durchaus eine große Rolle. Eine entsprechende Beleuchtung soll Schiffskollisionen verhindern. Kabel dürfen nur in bestimmten Tiefen verlegt werden - und so weiter. Für die Sicherheit der Menschen aber ist bis heute offiziell niemand zuständig. Das Havariekommando koordiniert Einsätze verschiedener Organisationen bei einem Schiffsunglück. Die Seenotretter kommen Schiffsbesatzungen zu Hilfe. Faktisch aber sind es meist die Seenotretter, die Verletzte in den Offshore-Windparks retten. Von knapp 50 Einsätzen berichtet Fox. Dabei ist die DGzRS bis heute eine Gesellschaft, die sich ausschließlich aus Spendengeldern finanziert, und eigentlich kein Dienstleister von Offshore-Unternehmen ist. Und genau deshalb sagt Fox, was er meint: "Die Regelungen des Gesetzgebers kommen zu spät."

Noch im Januar werden die Fachministerium in Bonn über die künftige Koordination der Offshore-Rettung beraten. Ein paar Tage später sind die Offshore-Unternehmer zu Gast bei der DGzRS in Bremen. Ulrike Windhövel und Uwe Helge Fox hoffen, dass im Interesse der Windpioniere auf See sehr bald eine Lösung gefunden ist. Bis dahin werden Techniker, Ingenieure und Monteure weiter bei Wind und Wetter an der Energie der Zukunft schrauben.

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