Heimwerker aus dem Kliemannsland

Fynn Kliemann: Die Sorgen des Chaoskönigs

Als hyperaktiver Heimwerker kloppt Fynn Kliemann Holz und Sprüche. Vor der Kamera hat er das Pfuschen perfektioniert. Das Gegenteil dazu: sein Debütalbum „Nie“. Es läuft gut, so gut, dass Kliemann sich sorgt.
29.09.2018, 10:37
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Fynn Kliemann: Die Sorgen des Chaoskönigs
Von Nico Schnurr
Fynn Kliemann: Die Sorgen des Chaoskönigs

„Ich habe Schiss, dass es zu groß wird.“ Fynn Kliemanns Album „Nie“ ist am Freitag erschienen.

Shirin Abedi

Er wollte bloß einen Ort, an dem es keinen stört, wenn er mit dem Traktor durch eine Scheunenwand brettert. Jetzt hockt Fynn Kliemann auf dem Dach eines früheren Gasthauses und blickt herunter auf Rüspel. Von oben sieht Kliemann, wie er eigentlich nichts sieht, außer Autodächer, auf denen sich die Septembersonne spiegelt. Das ganze Dorf ist zugeparkt, der Acker gegenüber, der Straßenrand. Kliemann hat zum Trödelmarkt geladen, über Zehntausend sind gekommen. Als er auf dem Dach sitzt, fragt er sich: Alter, was passiert hier eigentlich gerade?

Was gerade passiert: Dieser Fynn Kliemann wird zum Popstar wider Willen, und mit ihm ein 248-Seelen-Dorf im niedersächsischen Nirgendwo zum angesagtesten Kaff des Landes. Dort, in Rüspel, Landkreis Rotenburg, 40 Autominuten von Bremen entfernt, liegt das Kliemannsland. Ein früherer Reiterhof, drei Hektar groß, roter Backstein, grüne Scheunen. Der Hof war mal ein bisschen verwitterter als die anderen im Ort. Heute spricht Kliemann von „unserem kleinen Staat“. Und das ist genauso größenwahnsinnig gemeint, wie es klingt.

Wer vorbeikommen will in Rüspel, sich einbringen und anpacken, kann online Bürger werden im Kliemannsland, 50.000 sind es schon. Gemeinsam basteln sie an Teichen für Wassersportanlagen und Treppen aus Kronkorken, und ganz nebenbei an einer neuen Idee vom Landleben. Dorf, das bedeutet hier Abenteuerspielplatz statt Ödnis. Austoben, nicht abgehängt sein. Wenn es im Ort keinen Skatepark gibt, dann baut man sich eben einen, genug Platz ist ja.

Tage seit dem letzten Unfall: null

„Wir holen uns das, was man in der Stadt hat, jetzt einfach hierher, nur in kleiner und cooler“, sagt Kliemann. Und das geht dann so: Fynn Kliemann, 28, stellt sich auf dem Gehöft vor eine Kamera, behauptet, etwas nicht zu können, und dann geht er es an. Er hat das Pfuschen perfektioniert. Kliemann, ein hyperaktiver Heimwerker, bei dem man immer ein bisschen Sorge um die Hände hat, kloppt Holz und Sprüche. Dass am Ende alles krumm und schief wird, er stolpert und sich wirklich auf die Hände hämmert: genau richtig. Das gehört zum Konzept der Videos, die auf Youtube millionenfach geschaut werden.

Willkommen im Kliemannsland.

Willkommen im Kliemannsland.

Foto: Shirin Abedi

Ein Septembertag in Rüspel, Auftritt des Chaoskönigs, ein klassischer Kliemann: Der Volvo 240, angeschweißte Fahrertür, hängende Stoßstange, juckelt über die Dorfstraße, entlang der Maisfelder, vorbei an der Freiweilligen Feuerwehr, und man glaubt, jeden Moment wird die klappernde Kiste in ihre Einzelteile zerfallen, und Kliemann purzelt von einem Berg Blech. Passiert nicht. Kliemann schält sich irgendwie aus dem Wagen, die verwurschtelten Haare unter einer Cap versteckt, das Loch in der zerschlissenen Jeans unter einem Sesamstraße-Aufnäher. Sofort klingelt das Telefon, die Jungs vom Schrottplatz. Kliemann schnoddert ein paar Fetzen feinstes Norddeutsch in den Hörer. Um seine Sätze zu bekräftigen, schiebt er ihnen ein „…bis nach Meppen, Alter“ hinterher.

Rundgang, mit Kliemann durchs Kliemannsland, eine Tafel an der Scheune zeigt an: null Tage seit dem letzten Unfall. Über den Hof haben sie Regenschirme gespannt, Deko vom Trödelmarkt-Wochenende. Wohnwagen reihen sich auf der einen Seite des Teichs aneinander, ein Dutzend Leute leben hier. Gegenüber türmt sich ein Gerüst aus Holz und Schrott auf. Straßenschilder, Schläuche, Satellitenschüsseln, alles hat Kliemann an den Turm für das Werner-Rennen von Comic-Autor Brösel genagelt. Die Bretter, die das tragen sollen, sitzen so schief, man erwartet, dass der Turm beim nächsten Windstoß umkippt. Wenn man so will, dann ist das Dilettantische und Unfertige an Kliemanns Heimwerkertum das komplette Gegenteil zu der zweiten Sache, die ihn gerade berühmt macht: der Musik.

Tattoo-Vorlagen über Trinkernächte

Kliemann hat am Freitag ein Album veröffentlicht, alleine, ohne Label und Vertrag. „Nie“ heißt die Platte, und sie ist, das kann man so sagen, absolut unlustig. Eine überraschend ernste Angelegenheit. Die dauerheisere Schmirgelpapier-Stimme, die immer schon nach viel Schnaps und noch mehr Kippen am Vorabend klang, wirkt besonders brüchig. Kein Chaos, kein einfach mal machen. Kliemann baut seine Beats sorgfältiger als die Schrotttürme im Garten. Aufgeräumte, perfekt produzierte Popsongs. „Ich musste lernen, abzuspecken“, sagt Kliemann. „Ich überlade Songs immer bis nach Meppen.“ Er wäre fast verrückt geworden, jede Zeile zigmal umdrehen, jeden Song umarrangieren, monatelang. „Beim Heimwerker-Ding zählt, dass du dich irgendwie ans Ziel schummelst“, sagt er. „Ein Song ist nie fertig.“

Fynn Kliemann ist chronisch nervös, immer in Bewegung.

Fynn Kliemann ist chronisch nervös, immer in Bewegung.

Foto: Shirin Abedi

Irgendwann wurde Kliemann, ohnehin chronisch nervös, ungeduldig. Er wollte hinschmeißen. Das Album, dachte er, das erscheint nie. Jetzt ist es da, und es klingt nicht nach einem musikgewordenen Til-Schweiger-Film, was schon mehr ist, als man gewöhnlich von deutschem Pop erwarten kann. Kliemann textet Tattoo-Vorlagen über dunkelblaue Trinkernächte und Beziehungskram, ohne die übliche Befindlichkeitsprosa und Kalenderspruchgefahr. Ihre spannendsten Momente hat die Platte, wenn Kliemann von Schlaf- und Rastlosigkeit krächzt.

„Ich habe vielleicht mehr Energie als die meisten, aber irgendwann ist auch bei mir mal Feierabend“, sagt Kliemann. Er denkt schnell, und er spricht jetzt noch schneller. So schnell, dass er sich selbst kaum folgen kann. „Der Modus ist bei mir seit Jahren so, dass ich eigentlich viel zu viel mache.“

Im Arbeitswahn

Kliemann wächst am Waldrand auf, in Heeslingen bei Zeven. Das Haus wird zum Heim. Die Eltern, Sozialpädagogen, nehmen Pflegekinder auf, manchmal acht auf einmal. Viele Verrückte, noch mehr Bewegungsdrang, ein kleines Kliemannsland. Dann Bremen, Wilhelm-Wagenfeld-Schule, Kliemann will Mediengestalter werden. Das bisschen Gehalt geht für das Benzin nach Bremen drauf, also arbeitet er nebenbei. Pizza liefern, tagsüber macht er Gärten, abends das Licht im Modernes.

Auf dem Heimweg ist er oft so müde, dass er fast am Steuer wegdöst. Manchmal fährt er rechts ran, Nickerchen, „eine richtige Katastrophenzeit“. Für eine Bude in Bremen reicht es trotzdem nicht. Also weiterarbeiten. Noch während der Ausbildung macht er sich selbstständig. Es verstreicht ein Jahr in einem Zevener Keller mit ein paar Kollegen, ohne dass er Freunde oder Familie sieht.

Das Kliemannsland ist ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene.

Das Kliemannsland ist ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene.

Foto: Shirin Abedi

„Die Jahre mit Anfang 20, in denen die Leute komplett durchdrehen und dauernd feiern, habe ich im Arbeitswahn voll verpasst“, sagt Kliemann. „Es gab Momente, da habe ich mich gefragt: Was zur Hölle treibe ich eigentlich hier?“ Viel geändert hat sich daran bis heute nicht. Die Webdesign-Firma hat er noch, dazu der Hof in Rüspel, ein Buchverlag, eine Klamottenmarke, jetzt noch das Musiklabel. „Ich möchte alles selbst in der Hand haben“, sagt er. „Der Preis ist, dass ich normale Dinge ziemlich vernachlässige.“ Jetzt, wo das Album draußen ist, will er eigentlich runterfahren, ein bisschen Ruhe, wie auch immer sowas geht. Wird wohl wieder nichts.

Sorgen eines Schrottplatzultras

Fynn Kliemann ist gerade Popstar der Stunde, jeder Song mit Streams in Millionenhöhe, über 80 000 Vorbestellungen fürs Album. Wenn er wollte, dann stünde er bald auf Platz eins der Charts, Goldene Schallplatte, das volle Programm. Kliemann will aber nicht. Die Charts findet er dämlich, Amazon erst recht. Das Album vertreibt er über seinen eigenen Webshop, die Verkäufe werden nicht für die Charts gezählt. Egal. Er hat die Platte ohnehin nur einmal produzieren lassen, sie wird nicht nachgepresst. Kliemann will verhindern, dass sein Werk auf den Grabbeltischen der Drogeriemarktketten endet, neben den neuen Alben von Andreas Gabalier und Max Giesinger. Das alles ist ja gerade auch so schon unheimlich genug.

Er weiß selbst, wie absurd das klingt, sagt Kliemann und kiekst vor lachen, aber ihm läuft das aktuell zu gut. Er ist jetzt oft in Berlin, wo von Projekten geplappert wird. In Rüspel schnackt keiner, einfach machen, das ist eher seins. Gerade hat er die früheren Teenie-Idole Tokio Hotel in Berlin getroffen. Jetzt ist ihm etwas unwohl. Die haben ihm erzählt, was passiert, wenn es so gut läuft, dass es schon wieder schlecht ist. Also hyperventilierende Fans, Hysterie, wohin man kommt, Popstar-Zeug eben. Bitte nicht, denkt Kliemann. „Ich habe Schiss, dass es zu groß wird.“

Hört man „Nie“, muss man sich automatisch vorstellen, wie Kliemann auf den großen Festivalbühnen zu den Songs rumzappelphilippen wird. Dazu wird es aber wohl nicht kommen. Wenn überhaupt, dann will er jeden Song bloß einmal live spielen. Ansonsten: keine Konzerte, keine Auftritte. Der Heimwerker, der vor der Kamera auch mal gerne so gar nichts im Griff hat, hat Angst, die Kontrolle zu verlieren. Er, der Schrottplatzultra, der es liebt, Dinge zu zerstören, sorgt sich darum, seine Songs kaputt zu machen.

„Wie ein Zirkustier“

Kliemanns Stimmlage fällt, er wischt sich die Strähne aus dem Gesicht und setzt eine Pause. Ehe man sich darüber wundern kann, wie er es hinbekommt, so still zu sein, holt er Luft und sagt: „Bei Konzerten wird man dafür bezahlt, dass man ein Gefühl, das man einmal formuliert hat, immer wieder vorführt. Wie so ein Zirkustier, das irgendwelche Kunststückchen wiederholt. Aber ich will mich nicht wie ein Zirkusaffe fühlen.“

Natürlich will er sich schützen. Vor dem ganzen Wahnsinn auf Tour. Rastlos ist er ja jetzt schon, da braucht er nicht noch durchs ganze Land tingeln. Lieber in Rüspel bleiben. Ins Büro gehen, Webdesign, wenigstens halbtags. Weiterarbeiten, als wäre nichts gewesen, das hat immer geholfen. Dann wird ihm diese Popstar-Sache schon nicht über den Kopf wachsen. Er glaubt: „Ich kann jederzeit den Stecker ziehen.“ Ob es dafür schon zu spät ist? Das liegt wohl nicht mehr in Fynn Kliemanns Händen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+