Herkunft von Knochenfund bleibt ungeklärt Gebeine stammen wohl nicht vom Grafen

Im August 2016 waren von einigen Bauarbeitern rund 40 menschliche Knochenteile im Landtag gefunden worden. Doch die Frage danach, zu wem diese gehören, bleibt weiterhin ungeklärt.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Gebeine stammen wohl nicht vom Grafen
Von Peter Mlodoch

Im August 2016 waren von einigen Bauarbeitern rund 40 menschliche Knochenteile im Landtag gefunden worden. Doch die Frage danach, zu wem diese gehören, bleibt weiterhin ungeklärt.

Niedersachsens Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) wirkte fast ein wenig enttäuscht. Queen-Sohn Prince Charles konnte dagegen – passend zu seinem 68. Geburtstag am Montag – beruhigt sein: Weder die Weltgeschichte noch die britische Thronfolge müssen neu geschrieben werden. Bei den im August auf der Landtagsbaustelle in Hannover gefundenen Knochen handelt es sich höchstwahrscheinlich nicht um die sterblichen Überreste von Graf Philipp Christoph von Königsmarck.

Der Geliebte von Prinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg, seinerzeit Ehefrau des späteren englischen Königs Georg I., war in der Nacht zum 1. Juli 1694 im Leineschloss zu Hannover spurlos verschwunden. Der Adlige fiel möglicherweise einem Mord zum Opfer, nachdem seine verbotene Liaison und die Pläne zur Flucht mit seiner heimlichen Freundin aufgeflogen waren.

Ob Kinder aus dieser Verbindung hervorgingen, die vielleicht auch den Stammbaum des englischen Königshauses hätten durcheinander bringen können, blieb bis heute unklar. Der ungelöste Kriminalfall führte jedenfalls damals zu einer großen Staatsaffäre und diplomatischen Verwicklungen.

Keine Aufklärung des Mysteriums

Von dem aktuellen Knochenfund erhoffte man sich eine späte Aufklärung. Vergeblich. „Dieses Mysterium bleibt ungelöst“, erklärte der Landtagspräsident in seinem Amtszimmer unweit des mutmaßlichen Tatorts. „Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, die sterblichen Überreste des Grafen noch zu finden.“

Die Gebeine stammen nach Angaben der Biologin und Anthropologin Birgit Großkopf von der Universität Göttingen vielmehr von „mindestens sechs verschiedenen Individuen“, vier erwachsenen Männern, einer Frau und einem Jugendlichen.

Da das Gelände am heutigen Landtag früher auch ein Franziskaner-Kloster samt Friedhof beherbergte, könnten die Knochen von Mönchen oder auch ganz normalen Bürgern Hannovers stammen, erklärte Friedrich-Wilhelm Wulf vom Landesamt für Denkmalpflege. Es sei bei Weitem nicht das erste Mal, dass im Leinschloss bei Umbauarbeiten alte Knochen zu Tage getreten seien. Wulf verwies auf Funde unter anderem 1729, 1817 und 1830.

40 menschliche Knochenteile

Im August 2016 hatten Bauarbeiter im Portikusbereich des Landtags in einigen Metern Tiefe die rund 40 menschlichen Knochenteile entdeckt. Darunter befanden sich eine Schädeldecke, zwei linke Schulterblätter, mehrere Rückenwirbel und Unterarmknochen. Der Fund wurde wie üblich der Polizei gemeldet. Diese brachte die Knochen in die Medizinische Hochschule Hannover.

Die Rechtsmediziner konnten zwar keine genaue Todesursache feststellen, jedoch ausschließen, dass die Leichenreste jüngeren Datums waren. Daraufhin brachte die Staatsanwaltschaft Hannover überraschend die Affäre Königsmarck ins Spiel und löste internationales Interesse an den Leineschloss-Knochen aus.

Sehr zum Verdruss von Hausherr Busemann, der die voreilige Schlussfolgerung der Anklagebehörde jetzt „befremdlich“ nannte. Da hätten wohl „ermittlungstaktische Gründe“ eine Rolle gespielt, um die Täter aufzuschrecken, lästerte der Parlamentspräsident.

Knochen kommen in Landesmuseum

Weitere Untersuchungen schlossen Busemann und die Wissenschaftler angesichts der Umstände und auch der Kosten aus. Es sei schließlich kaum davon auszugehen, dass potenzielle Mörder die Königsmarck-Leiche wirklich in Tatortnähe im belebten Leineschloss verscharrt hätten, meinte Jurist Busemann.

Ein Sortierung der einzelnen Knochen und deren jeweilige genaue Altersbestimmung mittels der Radiokarbon-Methode C 14 seien einfach zu teuer, erklärte Archäologe Wulf. 300 Euro kostet diese nach seinen Angaben für jedes einzelne Teil. Eine Bestattung der Leichenreste ist ebenfalls nicht vorgesehen.

Die Knochen kommen jetzt ins für normale Besucher nicht zugängliche Magazin des Landesmuseums. Bei neuen Erkenntnissen und moderneren Forschungsmethoden könne man dort jederzeit wieder auf sie zurückgreifen, erklärte Großkopf. Zwar sei es höchst unwahrscheinlich, dass einige der Knochen wirklich vom Grafen stammten. Aber: „Absolut ausschließen können wir das auch nicht.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+