Mangelnde Hygiene in den Schlachthöfen Gefahr lauert im Geflügelfleisch

Ohne die Öffentlichkeit zu informieren, wurde das Zoonosen-Monitoring 2014 veröffentlicht. Und der Report über Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, hat es in sich.
12.04.2016, 12:10
Lesedauer: 3 Min
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Gefahr lauert im Geflügelfleisch
Von Silke Looden

Ohne die Öffentlichkeit zu informieren, wurde das Zoonosen-Monitoring 2014 veröffentlicht. Und der Report über Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, hat es in sich.

Keine Pressemitteilung, kein Hinweis auf der Internetseite. Ohne die Öffentlichkeit zu informieren publizierte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vor Kurzem das Zoonosen-Monitoring 2014. Dabei hat es der gemeinsame Report des Bundes und der Länder über Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, in sich. Die Verfasser des 71 Seiten langen Berichtes warnen vor einem Gesundheitsrisiko durch mangelnde Hygiene beim Schlachten von Hähnchen und Puten. Dabei geht es vor allem um die zunehmende Resistenz von Keimen gegen Antibiotika. Niedersachsen ist wegen seiner hohen Nutztierdichte besonders betroffen.

„Die Befunde unterstreichen die hohe Bedeutung der Keimverschleppung im Schlachthof“, heißt es in dem Report. Zwar ging die Belastung der untersuchten Hähnchen- und Putenfleischproben mit Salmonellen auf 7 beziehungsweise 7,1 Prozent zurück, gleichzeitig aber stieg die Resistenz der Keime gegen häufig verabreichte Antibiotika auf 63,2 Prozent bei Hähnchenfleisch und 77,4 Prozent bei Putenschlachtkörpern. Nach Angaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) erkranken jedes Jahr etwa 16 000 Personen in Deutschland an Salmonellose.

Dagegen steigt die Belastung von Geflügelfleisch mit Campylobacter. 50,4 Prozent der Blinddarmproben von Masthähnchen und 68,9 Prozent der Blinddarmproben von Puten waren mit dem Krankheitserreger kontaminiert. Mehr als 70 000 Menschen erkrankten laut RKI 2014 an dem fiebrigen Durchfall - Tendenz steigend. Anders als bei Salmonellen habe die Wissenschaft bislang keine fundierte Bekämpfungsstrategie gegen Campylobacter, erklärt das niedersächsisches Landwirtschaftsministerium.

Putenfleisch ist darüber hinaus besonders mit multiresistenten Keimen (MRSA) belastet. Der Nachweis erfolgte bei 42 Prozent des untersuchten Putenfleisches. „Diese Ergebnisse sprechen für eine erhebliche Verschleppung von MRSA entlang der Lebensmittelkette Putenfleisch“, heißt es in dem Report. Nach Angaben des Bundesamtes für Risikobewertung sterben jedes Jahr etwa 15 000 Menschen in Deutschland an den Folgen einer Infektion mit MRSA. Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, haben dabei ein besonderes Risiko.

„Geflügelfleisch ist das Schmuddelkind der Fleischindustrie“, meint denn auch der Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff (Grüne). Der Landwirt ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Für ihn sind die Hygieneprobleme Folge des hohen Automatisierungsgrades in den Schlachthöfen. Ostendorff: „Die Geschwindigkeit der Bänder ist einfach zu hoch.“Das Bundesamt betont, dass die Verbreitung von Salmonellen auf Geflügelfleisch durch die Impfung der Tiere eingedämmt werden konnte. Grund für die zunehmende Resistenz der Keime sei der Einsatz von Antibiotika in den Ställen. Deshalb müsse die Gabe des Medikaments an Hühner und Puten auf das „unbedingt notwendiges Maß reduziert werden“. Warum Resistenzen gegen häufig in der Humanmedizin verabreichte Antibiotika bei Geflügelfleisch öfter vorkommen als bei Schweine- oder Rindfleisch, sei noch nicht geklärt. „Weitere Untersuchungen sind notwendig“, sagt Sprecher Florian Kuhlmey.

Weniger Salmonellen sind für Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) ein erfreulicher Erfolg, gleichwohl bereitet ihm die mangelnde Hygiene in der Mast und beim Schlachten Sorge. Meyer: „Erstes Ziel muss eine weitgehende Minimierung des Eintrags von Erregern aus dem Erzeugerbetrieb von Mastgeflügel in den Schlachthof sein.“ Die Belastung von frischen Geflügelprodukten mit pathogenen Keimen müsse auf ein Minimum reduziert werden.

Meyer warnte bereits vor einem „Post-Antibiotika-Zeitalter“, in dem Antibiotika in der Humanmedizin nicht mehr wirken, weil die Krankheitserreger durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tiermast resistent gegen das einstige Wundermittel geworden sind.

Unterdessen zeigt die niedersächsische Antibiotika-Mininimierungsstrategie erste Erfolge. So ging der Antibiotika-Verbrauch bei Hühnern nach Ministeriumsangaben landesweit um 40 Prozent, bei Puten um 34 Prozent zurück.

Die Ärzte-Initiative gegen Massentierhaltung warnt davor, nur auf die Abgabemenge zu schielen. Die Mäster würden mehr neue Präparate einsetzen, die geringer dosiert werden. Diese Reserve-Antibiotika sind häufig das letzte Mittel der Wahl. Sie sollten der Humanmedizin vorbehalten sein, fordern die Agrarminister der Länder.

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