Integration von lernbehinderten Kindern Gemeinsamer Unterricht ab 2013

Hannover. Zum nächsten Schuljahr sollte in Niedersachsen ursprünglich der gemeinsame Schulunterricht von lernbehinderten und nicht behinderten Kindern beginnen. Dieser Termin wird laut Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) wohl um ein Jahr verschoben
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Joachim Göres

Hannover. Zum nächsten Schuljahr sollte in Niedersachsen ursprünglich der gemeinsame Schulunterricht von lernbehinderten und nicht behinderten Kindern beginnen. Dieser Termin wird laut Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) vermutlich um ein Jahr verschoben.

"Wahrscheinlich werden erst zum 1. August 2013 lernbehinderte Schüler komplett an niedersächsischen Grund- und weiterführenden Schulen unterrichtet werden", sagte Althusmann auf einer Tagung des Schulleitungsverbandes Niedersachsen (SLVN) zur Inklusion gestern in Celle. Als Grund nannte er die zu kurze Vorbereitungszeit. Zudem kündigte der Minister an, dass für Schüler mit anderen Behinderungen weiterhin Förderschulen angeboten werden sollen. In Niedersachsen gibt es laut Althusmann neun verschiedene Förderschultypen mit rund 35000 Schülern, davon gelten 18000 als lernbehindert.

UN-Recht auf Integration

Der Schulleitungsverband zeigte sich überrascht. "Wir halten die Verschiebung nicht für richtig. Schulen mit Erfahrung auf diesem Gebiet könnten ihre erfolgreiche Arbeit besser fortsetzen, wenn die gemeinsame Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern schon ab dem kommenden Schuljahr per Gesetz geregelt wäre", sagte SLVN-Vorsitzender Thorsten Frenzel-Früh. Auch Vertreter der niedersächsischen Landtagsopposition reagierten mit Ablehnung. Hintergrund für die geplante Einführung ist eine seit 2009 bundesweit geltende UN-Konvention, in der das Recht aller Kinder auf eine gemeinsame, inklusive Bildung verankert ist.

Derzeit werden in Niedersachsen in rund 1000 der insgesamt 16000 Grundschulklassen behinderte Kinder unterrichtet, laut SVNL maximal fünf pro Klasse. Die Schulen bekommen dafür nach einem bestimmten Schlüssel extra Lehrerstunden, durch die neben einem Grundschullehrer zusätzlich stundenweise auch ein Sonderpädagoge in der Klasse unterrichtet. In einigen Regionen Niedersachsens werden die behinderten Kinder doppelt gezählt, sodass die Klassen kleiner sind als üblich. Geistig behinderte Kinder in Grundschulen werden im Unterricht oft von einem Integrationshelfer betreut, der keine pädagogische Ausbildung haben muss. "In einigen Klassen gibt es vier Erwachsene. Es ist ein großer Aufwand, sich abzusprechen. Untersuchungen zeigen, dass Laien als Assistenzlehrkräfte keine positive Wirkung auf die Entwicklung der behinderten Kinder haben", sagt Clemens Hillenbrand, Professor für Sonderpädagogik in Oldenburg.

"Es müssen nicht immer alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden, der Förderlehrer kann einzelne Schüler in der Stunde auch individuell betreuen", sagt Evelyn Gorsler, Leiterin der Grundschule Entenfang in Hannover, wo behinderte Kinder seit mehr als zehn Jahren unterrichtet werden. In dieser Zeit hat sie bei den Lehrkräften ein Umdenken festgestellt. "Früher hieß es bei Problemen mit einzelnen Kindern nicht selten 'Der muss weg'. Heute wird eher überlegt, die Probleme zu lösen."

Dirk Reiche, Leiter einer inzwischen aufgelösten Förderschule in Hannover, betreut die ehemaligen Lehrer dieser Schule, die nun direkt an Grundschulen und Integrierten Gesamtschulen arbeiten. "Sie sagen alle, dass sie ihre Schüler heute besser erreichen als früher an der Förderschule. Unsere Schüler profitieren vom sozialen Klima an den Grundschulen. Früher haben sie sich verleugnet, weil es ihnen peinlich war, zur Förderschule zu gehen", so Reiche. Er warnte davor, dass sich die Bedingungen bei einer flächendeckenden Einführung des gemeinsamen Unterrichts verschlechtern könnten, weil nicht genügend Sonderpädagogen ausgebildet werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+