Inklusion in Niedersachsen Gemeinschaftsschule soll 2013 starten

Hannover. Bisher konnte behinderten Kindern der Besuch einer normalen Schule verweigert werden. Diese Diskriminierung soll sich mit dem neuen niedersächsischen Gesetz zur Inklusion ändern. Eltern hoffen, endlich frei über die Schule entscheiden zu können.
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Hannover. Eltern behinderter Kinder sollen von 2013 an in Niedersachsen frei wählen können, welche Schule ihr Kind besucht. Alle regulären Schulen wären dann für Schüler mit Handicaps offen. Gleichzeitig sollen aber die Förderschulen mit Ausnahme der Grundschule für Lernschwache bestehenbleiben.

"Entscheidend ist, dass das Kindeswohl im Vordergrund steht", betonte CDU-Fraktionschef Björn Thümler bei der Vorstellung des Gesetzentwurfs zur Inklusionvon CDU und FDP am Dienstag in Hannover. Es liege im Ermessen der Eltern, ob sie ihr Kind am besten auf einer Regelschule oder auf einer Förderschule aufgehoben sehen.

Freiwillig können Grundschulen nach dem Entwurf schon am 1. August 2012 mit dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern beginnen. CDU und Liberale betonten, dass die Inklusionin Niedersachsen nicht bei Null beginne. So unterrichten bereits Sonderpädagogen an 35 Prozent der Grundschulen. Die Zahl der Integrationsklassen stieg demnach in den vergangenen acht Jahren von 230 auf mehr als 400 Klassen.

Neu ist nun ein Punkt, auf den Eltern lange gewartet haben. Bisher konnte ihren Kindern der Besuch der regulären Schule verweigert werden - etwa mit dem Hinweis darauf, dass für die Integration eines beeinträchtigten Schülers geeignete Lehrer fehlten.

Im Jahr 2013 soll es nun in jeder Kommune mindestens eine inklusiveSchule geben. 2018 sollen dann an allen Schulen selbstverständlich behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden, wie es eine UN-Konvention fordert.

Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) sagte: "Es ist eine riesige Investition in Bildung." Knapp 1000 Lehrerstellen sollen geschaffen werden, die Kosten belaufen sich auf knapp 45 Millionen Euro.

Die IGS Roderbruch in Hannover besuchen etwa 60 Schüler mit Handicap, davon etwa zehn Rollstuhlfahrer. "Es tut allen Kindern gut. Man lernt Rücksichtnahme", sagte die Ergotherapeutin Undine Bruns.

Die 15-jährige Maike Schwuchow, die wegen einer Glasknochenkrankheit im Rollstuhl sitzt, fühlt sich wohl an der barrierefreien Schule. Manche beeinträchtigte Kinder seien allerdings an der IGS mit ihren 1900 Schülern überfordert, sagte Therapeutin Bruns. Es gehe immer darum, für das einzelne Kind zu entscheiden. Deshalb sei der Erhalt der Förderschulen, wie ihn das Gesetz vorsieht, sinnvoll.

Die Opposition kritisierte hingegen den Gesetzentwurf als enttäuschend. "Mit der Möglichkeit, als "Ultima Ratio" ein Kind zwangsweise an eine Förderschule zu überweisen, bleibt der Elternwille ausgehebelt", sagte SPD-Schulexpertin Frauke Heiligenstadt.

Die Grünen-Abgeordnete Ina Korter bemängelte den Erhalt der Förderschulen. "Damit wird eine Doppelstruktur geschaffen, die extrem teuer ist", sagte sie. Auch von der Linksfraktion kam Kritik.

"Niedersachsen setzt einen Maßstab, an dem sich andere Bundesländer gut orientieren können", sagte dagegen Althusmann. Auch andere Länder schafften die Förderschulen nicht ab. Nach den Worten von FDP-Fraktionschef Christian Dürr führt Niedersachsen im Gegensatz zu Bremen die Inklusion"nicht mit der Brechstange" ein.

Bremen setzt bereits seit vergangenem Schuljahr auf gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern. Alle 74 Grundschulen, die 31 Oberschulen und zwei Gymnasien bieten Inklusionsklassen an. Die Förderzentren werden nach und nach aufgelöst.

"In diesem Jahr haben sie keine Schüler mehr aufgenommen", sagte die Sprecherin der Bildungsbehörde, Karla Götz. Am Ende werden nur drei bleiben für hörgeschädigte, sehgeschädigte sowie schwerst mehrfach behinderte Schüler.

Zurzeit lernen rund 550 geistig behinderte Kinder an Regel- und Berufsschulen in Bremen. Bei lernbehinderten, sprachgestörten und verhaltensauffälligen Kindern können die Eltern im Moment noch selbst entscheiden, ob sie eine Förder- oder eine Regelschule wählen. Im vergangenen Schuljahr entschieden sich 62 Prozent für eine Regelschule, in diesem Schuljahr waren es schon 87 Prozent. (dpa)

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