Fast 400 Bewohner auf dem Stover Strand fürchten nach Urteil um ihr neues Zuhause Geschäftsmodell Camping

Drage. Ein Häuschen im Grünen, direkt am Elbstrand, aber nur 30 Autominuten entfernt von der Hamburger City, mit Supermarkt, Restaurant und Kinderspielplatz in direkter Nähe – und das alles zu erschwinglichen Konditionen. Ein Traum für viele im teuren Landkreis Harburg.
27.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Geschäftsmodell Camping
Von Martin Wein

Drage. Ein Häuschen im Grünen, direkt am Elbstrand, aber nur 30 Autominuten entfernt von der Hamburger City, mit Supermarkt, Restaurant und Kinderspielplatz in direkter Nähe – und das alles zu erschwinglichen Konditionen. Ein Traum für viele im teuren Landkreis Harburg. Mit dieser Vorstellung warb Norbert Kloodt jahrelang für ein dauerhaftes Domizil auf seinem Campingplatz Stover Strand. „Gemeinsam verwirklichen wir Ihren Traum vom eigenen Holzhaus“, verspricht der Geschäftsmann noch heute im Internet.

Der Traum indessen ist vermutlich geplatzt. Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht in Lüneburg hat dem Dauerwohnsitz auf einem deutschen Campingplatz in zweiter Instanz nun grundsätzlich eine Absage erteilt. Die Baunutzungsverordnung lasse die gleichberechtigte Mischung von Ferienhäusern und Gebäuden zum dauerhaften Wohnen in einem Baugebiet nicht zu, erklärten die Richter. Eine Revision wurde nicht zugelassen. 394 Menschen mit erstem Wohnsitz auf dem Campingplatz in der Gemeinde Drage, die auf Kloodts Werbung eingingen, fürchten jetzt um ihr neues Zuhause. Und in den Verwaltungen der Samtgemeinde Elbmarsch und des aufsichtführenden Landkreises Harburg ist man ziemlich ratlos.

Im Baurecht sind die Verhältnisse eigentlich klar geregelt. Vorgesehen sind dort Gewerbe-, Wohn- und Erholungsgebiete. Der Stover Strand ist ein Erholungsgebiet. Niemand darf dort ganzjährig wohnen. Ähnliches gilt etwa für Kleingärten. „Wer ein genehmigtes Ferienhaus dauerhaft bewohnt, verliert seine Baugenehmigung und hat dann genau genommen einen Schwarzbau“, sagt Jan Abeska, der allgemeine Vertreter des Bürgermeisters in der Samtgemeinde.

Dass die Dinge sich in Drage de facto anders entwickelt haben, hängt mit den Verhältnissen in der kleinen Gemeinde zusammen. „Als ich 1991 hier anfing, war Drage durch Landflucht stark geschrumpft und bekam nach der Deutschen Einheit kaum noch Geld für Infrastruktur“, erzählt Bürgermeister Harden. Man habe den Zuzug der letzten Jahre forciert, schreibt er auf der Drager Homepage. Aus 2400 wurden 3600 Einwohner. Man habe das genutzt, um „Kindergärten einzurichten, Grundschulen zu erneuern, eine Sportanlage und ein Einkaufszentrum zu bauen“, heißt es im Netz. Da kam Norbert Kloodt mit seiner Idee gerade recht. 70 Parzellen auf seinem Campingplatz wollte er Bauwilligen in Pachtverträgen für zehn oder 15 Jahre überlassen. Durch ihn vermittelt setzten die sich kleine Fertighäuser aus Holz darauf mit 42 bis 68 Quadratmeter Wohnfläche. Kosten: Jeweils rund 100 000 Euro und neben der Pacht teures Wasser und teurer Strom vom Campingplatz. 50 Häuser wurden seit 2011 bezogen. „Für die meisten Leute war das eine ganz bewusste Entscheidung“, sagt Kloodts Schwiegersohn und Juniorchef Philipp Köhnken.

Dass man Kloodt gewähren ließ, mag auch daran liegen, dass der gewählter Stellvertreter des Drager Bürgermeisters ist. Außerdem hat er früher im Bauamt des Landkreises Harburg gearbeitet. Und Beschwerden waren nicht zu erwarten. Schließlich hat auch Kloodts direkte Nachbarin Meike Land auf ihrem Campingplatz Camping Land derzeit 24 Dauerbewohner.

Als Kloodts Geschäftsmodell 2014 in seiner ganzen Dimension öffentlich wurde, sah sich die Gemeinde dennoch zu einer rechtlichen Klärung veranlasst. Die Ratsmehrheit schrieb für das fragliche Areal die kreative Formulierung „integriertes Wohnen in der touristischen Gemeinschaft“ in den neuen Bebauungsplan. Dauerwohnen sei das nicht wirklich, sagt Bürgermeister Harden noch heute, auch wenn die Leute mit der Campingplatzadresse gemeldet seien. „Melden können Sie sich schließlich auch in einer Telefonzelle, auch wenn die heute selten werden“, sagt er.

Ratsfrau Dörte Land stimmte damals bereits dagegen. Sie hat auch persönliche Gründe. Land wohnt an der Zufahrt zum Stover Strand. Ihre Schwester führt den anderen Campingplatz. „Der Zufahrtsverkehr hatte stark zugenommen, außerdem der Baulärm“, erzählt sie. Schließlich hätten viele Bewohner auch mobile Wohncontainer bezogen und mit Anbauten ergänzt. Schließlich klagte Dörte Land gegen die Zweckentfremdung des Campingplatzes. Nach dem Urteil, das die kreative Wohnform für illegal erklärte und damit den Bebauungsplan kippte, erwartet sie jetzt, dass die Behörden dem Wildwuchs Einhalt gebieten. Eine Umwidmung des Erholungs- in ein Wohngebiet sei wegen Bestandsschutz nicht möglich. Auch ihre Schwester wolle künftig keine Dauerbewohner mehr aufnehmen, versichert Land.

Die Beklagten denken allerdings nicht daran, an den Verhältnissen etwas zu ändern. Und auch die Kommunen sehen überraschend wenig Handlungsbedarf. Auf dem Campingplatz Stover Strand verbreitet Philipp Köhnken Optimismus: „Es gibt gültige Baugenehmigungen. Niemand muss wieder ausziehen, nur weil der Bebauungsplan nicht mehr gilt.“ Der ehrenamtliche Bürgermeister Uwe Harden gibt ihm recht. Er sagt: „Wir nehmen das Urteil zur Kenntnis und heften es ab.“ Die Gemeinde habe mit ihrer kreativen Herangehensweise das Bestehende legalisieren wollen. „Das wäre auch rechtens gewesen, wenn niemand geklagt hätte“. Schließlich gebe es zwischen 300 000 und einer halben Million Dauerbewohner auf deutschen Campingplätzen. Die würden auch geduldet. Der Kreis Harburg will zunächst die Rechtslage klären. „Eine wirkliche Lösung sehe ich da nicht“, gesteht Pressesprecher Johannes Freudewald. Weitere Baugenehmigungen werde der Kreis jedenfalls nicht ausstellen.

Ein Kollege indessen fällt Kloodt in den Rücken. Vize-Chef Jelto Oltmanns vom niedersächsischen Landesverband der Campingwirtschaft sagt: „Wir Campingplatzbetreiber wollen nicht, dass Dauerwohnen bei uns legal wird. Insofern sind wir mit dem Urteil zufrieden.“ Als sozialer Wohnraum sei der Campingplatz nicht geeignet. Bei ihm in Norddeich gebe es keine Dauerbewohner. Das Problem sei wohl eher im Randbereich der Großstädte zu suchen. Kloodt, der selbst ein Vorstandsamt im Verband innehat, hatte in Drage stets eine andere Verbandsmeinung verbreitet.

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