Zucht-Subventionierung und Hengstparaden kosten das Land Millionen / Rückgang der Besamungszahlen gestoppt Gestüt unter Sparzwang

Celle. Mancher Pferdeliebhaber mag in eine Art Schockstarre gefallen sein, als sich Mitte der Woche die Nachricht verbreitete, das Celler Landgestüt beende 2015 die Tradition der jährlichen Hengstparaden. Die hohen Kosten für die Hengstparaden und die durch den Landesrechnungshof auferlegten Sparzwänge hätten diesen Schritt erforderlich gemacht, so die Begründung von Landstallmeister Axel Brockmann auf der Homepage des Landgestüts.
16.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Gestüt unter Sparzwang
Von Michael Lambek

Mancher Pferdeliebhaber mag in eine Art Schockstarre gefallen sein, als sich Mitte der Woche die Nachricht verbreitete, das Celler Landgestüt beende 2015 die Tradition der jährlichen Hengstparaden. Die hohen Kosten für die Hengstparaden und die durch den Landesrechnungshof auferlegten Sparzwänge hätten diesen Schritt erforderlich gemacht, so die Begründung von Landstallmeister Axel Brockmann auf der Homepage des Landgestüts.

Die Aufregung legte sich schnell wieder, und es zeigte sich, dass auch ein leibhaftiger Landstallmeister eben doch nicht mehr ist als ein Behördenleiter: Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) hatte die Entscheidung des Gestüt-Chefs am Himmelfahrtstag kurzerhand kassiert. Er denke nicht daran, diese 100 Jahre alte Tradition zu beenden, sagte der Minister.

Was bleibt, ist die offenkundige Tatsache, dass es um die Finanzen des berühmten Landgestüts offenbar nicht zum Besten steht. Schon im vergangenen Jahr hatte der Landesrechnungshof sinkende Einnahmen und einen stetig steigenden Zuschussbedarf des Landgestüts gerügt. „Seit dem Jahr 2006 hat sich der Zuschuss des Landes an das Landgestüt von 108 000 Euro auf 2,3 Millionen Euro im Jahr 2012 erhöht“, heißt es im Bericht des Rechnungshofes.

Das Landgestüt Celle ist mit insgesamt 100 Mitarbeitern und 120 Hengsten das größte von zehn Landgestüten in Deutschland. Mit seinen 34 quer über das Land verteilten Deckstellen, auf die im Frühjahr die Hengste entsandt werden, ist es flächig eingebettet in den größten deutschen – den Hannoverschen Zuchtverband.

Über dessen Bezirksverbände ist das Landgestüt eng vernetzt mit einer Vielzahl von Zuchtvereinen, die ihre Arbeit intensiv mit den Deckstellen abstimmen. Auf den Deckstellen finden sich mit den Hengsten die Celler Gestütswärter ein, die ihrerseits als Ansprechpartner für die örtlichen Zuchtvereine zur Verfügung stehen.

Zuviel Personal, zu viele Deckstellen, zu viele Hengste, zu wenig Einnahmen und betriebswirtschaftlicher Sachverstand, lautete zusammengefasst das Urteil des Landesrechnungshofs im vergangenen Jahr. Der Spareffekt, den sich Landstallmeister Brockmann von der Streichung der Hengstparaden versprach, wäre – wenn auch am Ende nicht erwünscht – beträchtlich gewesen: „Die Kosten der jährlichen Hengstparaden kalkulieren wir mit rund 400 000 Euro“, sagte der Sprecher von Landwirtschaftsminister Meyer, Klaus Jongebloed. Man werde nun weiter nach Konzeptänderungen für das Landgestüt im Allgemeinen und die Hengstparaden im Besonderen suchen müssen, so der Sprecher weiter.

Das könnte schwierig werden, denn mit dem Landgestüt subventioniert das Land die private Pferdezucht. Genau mit diesem Ziel hatte 1735 Georg II., König von England und Kurfürst von Hannover, diese Einrichtung in Celle gegründet. Bis dato hatte er alles, was an Pferden im Land gebraucht wurde, für teures Geld aus dem Ausland kaufen müssen. Nun war es das erklärte Ziel, jedem Landwirt gegen geringes Entgelt gute Hengste zur Bedeckung ihrer Stuten zur Verfügung zu stellen. Das Prinzip funktioniert unter freilich veränderten Bedingungen bis heute. Harm Kleemeyer, Züchter aus Weyhe, lässt auf das Landgestüt nichts kommen. „Wenn das Landgestüt nicht wäre und die Besamungspreise allein dem freien Markt überlassen würden, kämen wir sehr schnell in Kostenbereiche, die nicht mehr zu bewältigen wären“, sagt Kleemeyer.

Allerdings ging die Zahl der Besamungen insgesamt zurück und zwar unübersehbar. Waren es 1995 noch rund 63 000 besamte Stuten, sank diese Zahl bis 2009 auf 48 000 und 2012 auf 38 000. Viele Kleinzüchter waren aus Kostengründen ausgestiegen. „Wo das Geld knapper wird, müssen eben Deckgelder von durchschnittlich rund 500 Euro, bei entsprechender Genqualität auch gern bis zu 1500 Euro, und natürlich die Folgekosten einer Stutenschwangerschaft und der Fohlenaufzucht für ein oder zwei Jahre gespart werden“, hatte Brockmann schon vor zwei Jahren gesagt. Inzwischen scheint die Talsohle durchschritten. Der Abwärtstrend sei gestoppt, die Zahl der Besamungen und Fohlenverkäufe hat sich laut Kleemeyer in Niedersachsen stabilisiert

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