Schule in Niedersachsen Risiko Leibesübungen

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) lehnt die komplette Aussetzung des Sportunterrichts an den Schulen trotz möglicher gesundheitlicher Gefahren ab.
27.01.2021, 20:57
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Risiko Leibesübungen
Von Peter Mlodoch

Hannover. Bolzen mit Freunden auf der Wiese: verboten. Tennis-Doppel mit zwei Freundespaaren: untersagt. Ein paar Bahnen schwimmen: geht nicht. Hallenbäder sind wie Fitnessstudios oder Kletterparks aufgrund der derzeit geltenden Corona-Verordnungen für die Allgemeinheit geschlossen. Anders sieht es an vielen niedersächsischen Schulen aus. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) lehnt trotz Beschwerden von Eltern und Lehrkräften eine komplette Aussetzung aller Sportstunden ab. In den Klassen mit Wechselunterricht im Szenario B, also in den ersten vier Jahrgängen sowie in den Abschlussklassen, finden vielerorts Leibesübungen statt. Und wo es ein solches Sport-Angebot gibt, haben es Kinder und Jugendliche auch wahrzunehmen. Bremen bietet ebenfalls weiter Schulsport an.

„Schülerinnen und Schüler, die am Wechselunterricht teilnehmen, müssen grundsätzlich am Sportunterricht (soweit dieser angeboten wird) teilnehmen“, erklärte ein Sprecher des Kultusressorts in Hannover auf Anfrage des WESER-KURIER. Die seit vergangener Woche ermöglichte Befreiung von der Präsenzpflicht im Primarbereich und in den Abschlussklassen gilt danach ganz oder gar nicht; ein Rauspicken einzelner Tage oder Stunden geht nicht. Im Einzelfall sei eine Befreiung vom Sportunterricht jedoch möglich, die (gesundheitlichen) Gründe müssten allerdings durch ärztliches Attest oder eine Entschuldigung der Eltern nachgewiesen werden.

Beim Sportunterricht seien die strengen Vorgaben des Rahmen-Hygieneplans „Corona Schule“ unbedingt einzuhalten, betonte der Sprecher. Danach ist beim Sport selbst während der gesamten Ausübung ein Mindestabstand von zwei Metern einzuhalten. Zweikämpfe etwa beim Fuß- oder Handball sind untersagt. Körperliche Hilfestellungen etwa beim Turnen sind nur Unfallverhütung und dann auch nur mit Mund-Nasen-Bedeckung erlaubt. Für sportpraktische Prüfungen gelten Sonderegeln. Bei Kontaktsportarten wie Judo, Ringen, Paartanz oder Gruppenakrobatik sind die Übungen nur mit festen Partnern und auch hier nur mit Maske möglich.

„Das Kultusministerium macht es sich zu einfach“, kritisiert Matthias Schrade, Vater einer Abiturientin am Gymnasium Stadthagen (Landkreis Schaumburg). „Zwei Meter Abstand sind in geschlossenen Räumen viel zu wenig.“ Zwar täten die Sportlehrer mit geteilten Gruppen und zeitversetzten Einheiten alles, um die geforderten Distanzen zu erfüllen. Wegen des intensiveren Atmens stelle aber der Sportunterricht selbst bei penibelster Einhaltung der Corona-Vorgaben „ein erhebliches Infektionsrisiko“ dar. Auch Lehrkräfte berichten darüber, dass einige Regeln in der Praxis nicht umsetzbar seien oder zu großen Unsicherheiten führten. Gerade beim Sport ließen sich Kontakte selbst bei größter Vorsicht nicht verhindern.

Vater Schrade, der den sonstigen Präsenzunterricht für Abschlussklassen ausdrücklich als richtig und wichtig lobt, hat seine Bedenken zum Sport per Mail Ressortchef Tonne mitgeteilt und ihn um Rücknahme dieser „Fehlentscheidung“ gebeten. Dabei verwies der Vater auch auf das erhebliche Haftungsrisiko für die Schulen. „Sollte ein Sportunterricht irgendwann als ‚Superspreading-Veranstaltung‘ identifiziert werden, wird sofort die Schuldfrage aufgerufen werden.“ Der Minister müsse sich als Dienstherr „präventiv schützend vor seine Lehrkräfte stellen und den Sportunterricht während des Lockdowns aussetzen“.

Der Ressortchef ließ sich dadurch aber nicht zu einem Umdenken bewegen. „Sport und Bewegung sind wesentliche Bestandteile ganzheitlicher schulische Bewegung“, ließ Tonne einen Mitarbeiter antworten. „Angesichts der Corona-Pandemie, in der außerschulische Sportangebote schwerer erreichbar sind, gilt dies umso mehr.“ Der Sportunterricht sei derzeit oft das „einzig verbleibende Bewegungsangebot“ für Kinder und Jugendliche. An den Schulen sei die Situation eine andere als draußen: „Zum einen wendet sich der Sportunterricht an eine feste Schülergruppe, die in der Schule ohnehin in engem räumlichen Kontakt steht“. Zum anderen gebe es dort ja die strengen Infektionsschutzmaßnahmen.

Laut Ministerium haben einige Schulen „im Rahmen ihrer Eigenverantwortung“ vorübergehend den Schulsport ausgesetzt, weil ihre Sporthalle nicht den technischen Anforderungen an die vorgeschriebene Lüftung erfülle oder weil dort ein Impfzentrum eingerichtet worden sei. Außerdem könnten Schulen im eigenen Ermessen entscheiden, anstatt der praktischen Leibesübungen Schulsport als Theorieunterricht durchzuführen.

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